Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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8. Januar 2017


Gestern Abend eine Stunde tschetschenisches TV geschaut. Ein rundes Dutzend Männer mittleren bis fortgeschrittenen Alters saß, mit Blick auf die Kamera, in einem vereinsheimartigen Ambiente an einem L-förmigen Tisch und sang zu Gitarre, Akkordeon und Tambourin tschetschenische Lieder. Dazwischen liefen Werbespots für Augenuntersuchungen oder preiswerte Obertrikotagen in einem Kaufhaus in Grosny (auf russisch). Dann wurde tschetschenisch weitergesungen. Die Männer tragen keine Bärte, allenfalls auf der Oberlippe, und auch keine orientalische Kleidung. Sowjetisches Erbe. Sie trinken keinen Wein oder Schnaps (kein sowjetisches Erbe), es sind ja Muslime, sondern auf dem Tisch stand nur Tee. Unbeirrbar trugen sie weiter ihre melancholischen Gesänge vor (Volksweisen sind ja meist melancholisch, nur die Propaganda und der Markt produzieren optimistische Lieder); einer nach dem anderen trat, wie man sagt, als Solist auf, blieb dabei aber sitzen, wahrscheinlich um Kräfte zu sparen. Da könnten unsere Öffentlich-Rechtlichen mal sehen, wie man Produktionskosten senkt. Frauen tauchten dort übrigens nicht auf (einen Kanal weiter, bei den Armeniern, sang dafür zur gleichen Zeit eine). Wahrscheinlich bereiteten sie in der Küche das Essen für die wackeren Dauersänger vor. Wunderliche Welt. Hatte aber etwas enorm Beruhigendes, und Fake News wurden auch nicht gesendet. Kurz zuvor hatte ich noch, auf einem deutschen Kanal selbstredend, gehört, dass Putin die Bundestagswahlen mit Häckern so fälschen wolle, dass Merkel "als letzter Stabilitätsgarant in Westeuropa" gestürzt werde (wahrscheinlich, damit er mit seinen asiatischen Horden zum Atlantik durchbrechen und sich dort mit Trump vereinigen kann. Aber wäre es nicht lustig, wenn die Russen und die Amis Europa diesmal von der Diversity befreiten?). Demnächst werde ich vielleicht im kasachischen TV hospitieren, danach bei den Usbeken oder Aserbaidschanern. Immer schön heimatlich bleiben in den Zeiten der Globalisierung!



Mein Faible für den Taschen-Verlag und seine bemerkenswert schönen Bildbände habe ich hier schon gelegentlich vorgetragen. Gestern nun, nachdem ich den Elfenbeinturm leeren Kopfes verlassen und gegen einen Buchladen vertauscht hatte, verlor ich mich fast eine Stunde lang in einem neuen Opus aus diesem Hause: einem kiloschwereren, gehwegplattengroßen Band mit nachkolorierten Fotografien namens "Deutschland um 1900" (hier, aber die präsentierten Buchseiten vermitteln allenfalls eine Ahnung von der Pracht des Originalbandes). Gerade der Mensch da draußen im "besten Deutschland, das es je gab" (so A. Merkel, aber auch P. Tauber u.v.a.m.) sollte sich, je nach Gemütslage staunend oder heulend, durch das überwundene Gesterndeutschland blättern, als dessen Städte noch mittelalterlich-düster und architektonisch reizlos waren, die Bevölkerung unbunt und uncool, die öffentlichen Plätze langweilig, die Universitäten autoritär, und die Zahl der wissenschaftlichen Nobelpreise, die in dieses Land gingen, jene, die Amerikaner erhielten, nur um ein lächerlich Geringes überstieg...



Auf der Suche nach Informationen über den Islam in China stieß ich auf eine Trouvaille aus der Reihe Aufbewahren für alle Zeiten. Im Handelsblatt schrieb ein Gardegrenadier der Postaufklärung namens Finn Mayer-Kuckuk ("Keine Namenswitze!" hat mein journalistischer Leitplankenaufsteller H. Markwort immer geboten, und solcherart konditioniert, bremse ich mich submissest) unter der Überschrift "Wie China mit Muslimen umgeht" am 11. Januar 2015:

"Ganz unabhängig von den potenziell fremdenfeindlichen 'Pegida'-Demonstrationen in Deutschland und dem extremistisch motivierten Terroranschlag auf eine Satirezeitung in Paris geht auch in China die Akzeptanz für den Islam derzeit deutlich zurück. In Fernost war es ein eher dilettantischer Brandanschlag auf das Tor des Himmlischen Friedens, der am Anfang des harten Kurses gegen die Muslime im eigenen Land stand. Im Oktober 2013 waren drei Uiguren mit einem Geländewagen unter das berühmte Mao-Portrait an dem Tor gerast und war dann in Flammen aufgegangen. Außer den Insassen starben zwei Passanten. Die Sicherheitsbehörden nahmen das zum Anlasse, einen 'harten Schlag' gegen den islamistischen Terror zu beginnen. (...) Nun kommt das Verbot von Schleier und Burka – Bekleidungsvorlieben, die auch in China eigentlich zum Privatleben gehören. Nicht so in Xinjiang. Schon seit Jahren bekommt dort offenbar keine Familie Sozialhilfe, in der die Frauen muslimisch korrekte Kleidung oder die Männer lange Bärte tragen. In der Gesamtbevölkerung ist die Toleranz für die Gängelei vergleichsweise hoch. Nach mehreren Anschlägen mit möglicherweise islamisch-extremistischem Hintergrund – beispielsweise auf den Hauptbahnhof von Kunming im März 2014 ist das Bedürfnis da, irgendetwas zu tun, egal was" (hier).

Man sieht: Der deutsche Journalist schreibt immer nur über den deutschen Zeitgeist, egal welches Land zufällig in Rede und Beobachtung steht. Ob er auch FDJ-Hemd, Mao-Kittel und Sträflingsjacke zu den "Bekleidungsvorlieben" zählt?

In der nordwestlichen Provinz Xinjiang leben mehrheitlich Muslime, vor allem Uiguren, die sich traditionell den benachbarten Turkvölkern verbunden fühlten, die zeitweilig im Südbauch der Sowjetunion eingemeindet waren (die Sowjets regierten auch permanent in diese Region hinein, aber das gehört nicht zum Thema) und heute korrupte und wirtschaftsschwache, aber unabhängige Staatsgebilde mit dem Islam als Staatsreligion sind. Die Volksrepublik China siedelte dort Han-Chinesen an, und diese große Minderheit hat dafür gesorgt, dass Xinjiang eine der reichsten chinesischen Provinzen geworden ist. Die muslimische Mehrheit dagegen lebt eher ärmlich, bringt aber hinreichend viele Angehörige hervor, die sich gottgewollt und überlegen fühlen. The same procedure as everywhere. Im Gegensatz zu den Muslimen beispielsweise in Europa können jene in Xinjiang mit einem gewissen Recht behaupten, annektiert worden zu sein. China wird die Provinz wohl irgendwann abstoßen, aber noch fühlt es sich zu stark dazu. Vielleicht ist es aber auch stark und fruchtbar genug, das Problem auf muslimische Weise zu lösen.


PS:
Morgen werde ich diesen Elfenbeintum beziehen:

Schloss_Ettersburg_Fuerstenloge.jpg


Hinter der Scheibe befindet sich eine Kapelle mit diesem spätgotischen Schnitzaltar:

Ettersburg_Kirche_Schnitzalter.jpg

Sie werden verstehen, dass ich dort "offline" bin. Das Buch, das ich schreibe, ist ein Nachruf. Es ist die Zeit der Nekrologe, ja der Nekromanten...