Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Johann Strauß: Die Fledermaus

 

Zum Jahresende wird in vielen Opernhäusern traditionell die „Fledermaus“ gegeben, und wir wollen es auch so halten. Womit hier erstmals ein Genre berührt wird, bei dessen Erwähnung sich viele Mundwinkel in sanfter Verachtung senken. Operette gilt als dämlich, oberflächlich, sentimental, Oma-Musik, kurzum: als irgendwie vorgestrig. Natürlich ist das Gegenteil richtig. Eine gute Operette ist anspruchsvoller als all der Amüsierkäse, der heute gewöhnlich läuft. Vielleicht hat es nie eine doppelbödigere Populärkunstgattung gegeben. Der „holde Irrsinn“ (Karl Kraus), der sich äußerlich so fröhlich-bunt, affirmativ und gern auch maskiert darbot, war ja oftmals Gesellschaftsdemaskierung par excellence, ein Frontalangriff auf die bürgerliche Moral oder vielleicht gar auf die Conditio humana an sich. Freilich, solche „Gesellschaftskritik“ kam noch subtil und boshaft und nicht anklagend und erpresserisch daher.

Aber auch die Musik selber, leichte Muse hin, Unterhaltung her, besitzt hohe Qualität. Wer daran zweifelt, muss nur schauen, wer in der goldenen Zeit des Operngesanges – also ungefähr von den Dreißigern bis zu den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts – alles Operette gesungen (und dirigiert) hat: Mit Ausnahme der schweren Wagner-Stimmen, die nun wirklich einfach nicht passen, ist die gesamte Prominenz vertreten. Allein die verfügbaren Einspielungen der „Fledermaus“ lesen sich, was die Besetzung angeht, wie ein Who is who des Spitzengesangs. Und an den jeweiligen Pulten stehen Karajan, Böhm, Clemens Krauss, Harnoncourt – und eben Carlos Kleiber. Dieser extremst skrupulöse Maestro hat kaum ein Werk häufiger dirigiert. Trotz der namhaften Konkurrenz steht seine Version mit ihrem Feuer, ihrer Präzision, ihrer perfiden Walzerseligkeit und den geradezu vibrierenden Chören des Zweiten Akts einzig da. Dass der Prinz Orlofsky mit Iwan Rebroff, der sich nervtötend durch die Partie falsettiert, grenzwertig besetzt ist, muss man halt in Kauf nehmen; irgendwas ist ja immer.


Johann Strauss: Die Fledermaus; Julia Varady, Lucia Popp, Hermann Prey, René Kollo, Benno Kusche, Bernd Weikl u.a.; Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber (Deutsche Grammophon)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Dezember 2012