Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Furtwängler dirigiert Beethovens Neunte

 

Im Frühjahr 1942 nahm Wilhelm Furtwängler zweimal kurz nacheinander Beethovens Neunte Symphonie auf. Beide Einspielungen gehören zum Ungeheuerlichsten, was wir auf Tonträgern besitzen.

Es ist überliefert, dass Furtwänglers Konzerte von vielen Verächtern des Regimes als Gegenwelt verstanden wurden. Marcel Reich-Ranicki erinnert sich, diese Konzerte hätten zwar die Tyrannei nicht gemindert, aber „das Leben vieler Menschen erträglicher, ja sogar schöner gemacht“. Der Münchner Autor Jens Malte Fischer wirft freilich die „grundsätzliche“ Frage auf, „ob es eine sinnvolle Aufgabe von Kunst und künstlerischer Tätigkeit ist, das Leben in einem Terrorregime erträglicher zu machen“ und damit eventuell auch „Abwehrkräfte einzulullen“. Wir sind hier fast bei der Argumentationslinie des angelsächsischen Luftterrors gegen Zivilisten: mitgefangen, mitverantwortlich, mitgehangen – ihr könnt ja einen Aufstand anzetteln. Bedauerlicherweise darf man solche Grundsatzfragensteller nicht in eine Diktatur einsperren, auf dass sie Demut lernen.

Furtwänglers Aufnahmen sind Zeitdokumente höchsten künstlerischen Karats. Irrsinnige Tempi und Fortissimi überrollen den Hörer, schmerzlich zerdehnte Momente peinigen ihn. Bomben und Granaten schlagen ein, die Posaunen des Gerichts ertönen, ohrenbetäubend pfeifen die Piccoloflöten, die Streicher flehen um Erbarmen, Choreinsätze klingen wie Artilleriesalven. Gewiss, das ist manchmal nicht mehr Beethoven – und doch mehr Beethoven denn je. Es ist eine Orgie des Schmerzes, der Klage und der Anklage. Wenn sich im Finalsatz aus dem Grummeln der Kontrabässe und dem Bitten der Violinen im Forte der Bläser das so unendlich abgegriffene D-Dur-Thema erhebt, ist es, als werde erstmals auf Erden die Hoffnung geboren. Überhaupt empfiehlt es sich, da man selber ja verschont geblieben ist, während dieser Aufnahmen mit gefalteten Händen durchzuheulen.

 

Beethoven: Symphony Nr. 9. Briem, Höngen, Anders, Watzke; Berliner Philharmoniker; Wilhelm Furtwängler; 22./24. März 1942 (tahra)

 

Beethoven: Symphony Nr. 9. Berger, Pitzinger, Rosvaenge, Watzke; Berliner Philharmoniker; Wilhelm Furtwängler; 19. April 1942 (Archipel)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Mai 2013