Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Chopin: Nocturnes

 

Die Nocturnes von Chopin gehören zu den bezauberndsten Schöpfungen der Klavierliteratur. Es sind intime Miniaturen, nicht ganz von dieser Welt, mondbeschienen, verträumt, meditativ, zuweilen traurig, nie trostlos, voller Finessen und auch von unergründlicher Tiefsinnigkeit – in diesen Stücken steckt soviel Metaphysik wie in einer Mahler- oder Bruckner-Symphonie. Sie gehören so wenig ans Tageslicht wie ein Smoking. Für den Konzertsaal sind sie im Grunde ungeeignet; man stellt sie sich eher gespielt vor wie auf dem berühmten Gemälde von Josef Danhauser: mit Liszt am Flügel, der Gräfin d’Agoult zu seinen Füßen und George Sand, Dumas, Hugo, Rossini und Paganini als Publikum. Da diese Zuhörer-Posten vakant sind, höre man die Nocturnes allein zu vorgerückter Stunde zum Whisky oder Rotwein.

Bisweilen wurde Missbrauch mit einzelnen Stücke getrieben, etwa das in Es-Dur (op. 9, Nr. 2) als Vorspannmusik zu Hans-Joachim Kulenkampffs „Nachtgedanken“ (nichts gegen den Gevatter übrigens), doch diese überwältigende Melodie hat sich als immun gegen Abnutzung erwiesen. Meine Lieblingsstücke sind das schwermütig-leidenschaftliche cis-Moll-Nocturne (op. 27 Nr. 1), das ihm folgende in Des-Dur (op. 27, Nr. 2), eine wie beiläufig dahingesagte Elementarwahrheit, sowie das zutiefst melancholische in f-Moll (op. 55, Nr. 1) – es wird allgemein nicht sehr hoch gehandelt, aber mir ist, als hätte es der Teufel an meiner Wiege gesungen, mir meine Daseinsgestimmtheit vorzugeben. Und natürlich das grandiose c-Moll-Nocturne, ein balladeskes Werk, das in stockenden Synkopen anhebt, sich über hämmernden Oktaven pathetisch aufrichtet und zum Hymnus wandelt, wobei der Schluss an die Coda der g-Moll-Ballade erinnert.

In puncto Interpret musste ich mich entscheiden. Bei Arrau sind die Stücke voller Dramatik und nicht mehr ganz das, was ich mir unter Nocturnes vorstelle. Das zart hingetupfte, im Dunkeln leuchtende, schönheitskundige, freilich weniger doppelbödige, gruselfreie Spiel Barenboims behagt mit derzeit mehr. Rubinstein wäre die Alternative gewesen, aber wegen seiner Anschlagssubtilitäen bekommt Barenboim heute die Palme.
 

Chopin: Nocturnes, Daniel Barenboim (Deutsche Grammophon)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Juli 2013