Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Alfred Cortot: Anniversary Edition

 

Den großen französischen Pianisten Alfred Cortot habe ich in dieser Kolumne schon einmal gepriesen, als pianistischen Ölmaler im Vergleich zum heute vorherrschenden Typus des Aquarellisten sowie als König des Rubatos. Anlässlich seines 50. Todestages im Juni 2012 hat die EMI eine 40 CDs umfassende Jubiläums-Edition herausgebracht, die so ziemlich alles enthält, was Cortot auf Schallplatte hinterlassen hat, darunter auch einige der legendären Trios mit Jacques Thibaud und Pablo Casals, Cortot als Liedbegleiter („Dichterliebe“) und als Klavierlehrer – 3 CDs enthalten Vorträge vor Studenten über Beethoven-Sonaten. Chopin hatte er am häufigsten im Repertoire, gefolgt von Schumann und Debussy, aber natürlich auch Liszt, Brahms, Mendelssohn, Ravel, César Franck, Fauré, Bach und und und. Viele Stücke hat Cortot mehrfach eingespielt, so ist Schumanns „Carnaval“ in den Aufnahmen von 1923, 1928 und 1953 vertreten; die Préludes von Chopin gibt’s gar viermal (1926, 1933, 1942, 1957). Wer sich in Quervergleiche vertiefen mag, wird Schätze heben.

Diese CD-Box ist ein Schnäppchen sondergleichen, eine Ali-Baba-Höhle, eine Tauchfahrt in ein vergangenes Äon, ein Kompendium subtilster Offenbarungen und vor allem ein Monument künstlerischer Freiheit. Hier spielt einer die Werke, wie er es für richtig hält, und nicht, wie „man“ sie spielt – keiner war weiter weg vom elenden „Man“ als Cortot. Nichts ist bei ihm routiniert, nichts poliert, nichts konventionell, der Ton oft von romantischer Opulenz, doch gleich darauf überrascht der Meister mit sparsamstem Pedaleinsatz und höllischen Tempi. Wenn ich eingangs Ölmaler schrieb, hätte ich auch Bildhauer sagen können – man höre nur, wie Cortot das skulpturale Hauptmotiv von Liszts h-Moll-Sonate modelliert und emporknetet. Der Tauermarsch aus Chopins zweiter Sonate klingt bei ihm, als hätte man ihn noch nie zuvor gehört, die Aria aus Bachs f-Moll-Konzert ist ein solches Wunder an Schönheit, dass man es kaum für möglich hält, und mein geliebtes c-Moll-Präludium von Chopin spielt niemand ergreifender. Überhaupt, sein Chopin...
 
Alfred Cortot, Anniversary Edition, 40 CDs (EMI)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Oktober 2013