Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Elena Gurevich: Recital


Geneigter Leser dieser Kolumne, heute naht deren heikelster oder gar frivolster Teil, denn bei der vorgestellten Pianistin handelt es sich um jenes Frauenzimmer, welches auch bei mir daheim das Pianoforte erklingen lässt, mein holdes Weib und Ehegespons. Nur keinen Neid! Die CD der eigenen Gattin anpreisen, das hat womöglich einen Hautgout; andererseits gilt für diese Rubrik, das ist mit Lichtschlag so abgesprochen, nur ein einziges Kriterium, nämlich dass der Verfasser seine Lieblings-Klassikeinspielungen präsentieren möge, und diese, da ist nichts zu deuteln, gehört einfach dazu.

„Recital“ ist sie benamst, weil die Folge der Stücke den Gepflogenheiten des Konzerts (übrigens auch der Prüfung) gehorcht, also in zeitlicher Reihung Barock, Klassik, Romantik, Moderne, im vorliegenden Falle: Barock, Romantik, Spätromantik. Wobei ich nicht müde werde, festzustellen, dass der Satz, Bach sei ein Barock-Komponist, in etwa so stimmig ist wie der, Asien sei ein Teil Chinas. Dessen Französische Ouvertüre habe ich nie inniger, erlesener, bezaubernder gespielt gehört. Womit das Haupt- und Glanzstück dieser deutsch-russischen Cuvée genannt wäre. Madame Gurevich hat nicht nur Klavier, sondern auch Cembalo studiert, was unter anderem die hinreißenden Verzierungen demonstrieren, etwa in der Ouverture der Französischen Ouvertüre (Tape 1, 1.04). Die Fuga, welche die besagte Ouverture in der Mitte teilt, saust mit atemberaubendem Tempo dahin, die Sarabande glänzt in überirdischer Schönheit. Auch Schuberts G-Dur-Sonate  ist eindrucksvoll musiziert, speziell das schwermütige Molto moderato. Bei den beiden Russen wird der Ton derber und exaltierter zugleich. Rachmaninoffs berühmtes cis-Moll-Präludium ist hier noch ganz Mysterium, seelenvoll und düster, gespielt wie von einem Kraftkerl, während die beiden Skrjabin-Etüden op. 2 Nr. 1 und op. 8 Nr. 12 in Schwärmerei und Überschwang einen schönen Abschluss bilden. Die Aufnahme fand übrigens mit einem Fazioli-Flügel statt, was ihren erdigen und pastosen Klang erklärt und eine erfreuliche Abwechslung zum üblichen Steinway-Ton darstellt.

Elena Gurevich: Recital. Bach, Schubert, Rachmaninoff, Skrjabin (Bayer-Records)


Erschienen in: eigentümlich frei, November 2013