Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Sergio Fiorentino: Live in Concert on Érard

Als ich vor kurzem an dieser Stelle den postum veröffentlichten CD-Dekalog des zwischenzeitlich nahezu vergessenen Jahrhundertpianisten Sergio Fiorentino (1927-1998) pries, ahnte ich nicht, dass womöglich noch Vollendeteres von seiner Hand den Weg in mein Ohr finden könnte. In Rede steht eine Live-Aufnahme aus dem Jahr 1994 zu Münster, und zwar auf einem historischen, um 1880 gebauten Érard-Flügel. Der unprätentiöse Virtuose befand zwar nach dem Probespiel, es könne „difficult“ werden, setzte sich dann aber an das alte Prunkstück und hinterließ zwei Stunden Klaviermusik für die Ewigkeit.

Halten wir uns nicht am Klang auf (ich finde ihn umwerfend). Fiorentino ist einer der bedeutendsten Bach-Interpreten. Seine Französische Suite in G-Dur gehört zum Schönsten, was mir hienieden bislang zu hören beschieden war. Etwa wie er die Arpeggien zu Beginn der Sarabande spielt, mit Fingern wie Stahlfedern und zugleich mit der Zärtlichkeit einer Mutter, die ihr Kind liebkost. Das zweite große Werk auf dieser Einspielung ist Schuberts B-Dur-Sonate D 960, ein Stück jenseits aller Virtuosität, aber von enormer seelischer Spannung. Schuberts letzte Sonate ist im Grunde keine mehr, sondern eine Grübelei, eine Meditation, eine Nachtwache. Fiorentino spielt sie ohne Sentimentalität, aber aus tiefer Empfindung, mit einer Noblesse und Eleganz, die ihresgleichen suchen. Auch sein Schubert hat etwas Letztgültiges. Der Neapolitaner nimmt das einleitende Molto moderato vergleichweise schnell (Radu Lupu benötigt zwei, Sokolov fünf, Richter zehn Minuten mehr, von Afanassiev zu schweigen), ohne dass es von seiner nächtlichen Schwere verlöre. Nur leuchtet in Fiorentinos Dunkelheit ein Licht mehr als bei den anderen. Schon die bedrohlichen Triller auf dem Kontra-Ges klingen bei ihm weniger düster. Das schwermütige Molto moderato und das zutiefst resignative Andante sostenuto sind eigentlich unfortsetzbar, sowohl das Scherzo als auch das Allegro-Finale, eine Art Rondo, wirken daneben oberflächlich, gewollt heiter und etwas trivial. Schumann war der Meinung, diese beiden Teile bedeuteten die Verweigerung des pathetischen Endes, sie flössen  dahin, „als könne es gar kein Ende haben“. Leider hatte es allzu früh ein Ende mit ihrem Schöpfer.

Sergio Fiorentino: Live in Concert on Érard. Bach, Franck, Schubert, Chopin, Strauss (Aldilà Records)


Erschienen in: eigentümlich frei, April 2015