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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Leon Fleisher spielt Beethoven und Brahms

Jedes der fünf Klavierkonzerte Beethovens ist ein Gotteshaus, mit dem dritten beginnt die Reihe der Kathedralen, wobei Nummer vier den kühnsten, Nummer fünf den harmonischsten Entwurf verkörpert. Spätestens beim übermütigen Rondo das ersten Konzerts wird klar, dass hier ein Genie am Werke ist; unmöglich, bei dieser Musik stillzusitzen, sie gehört zu den wirksamsten Antidepressiva der Tonkunst. Das G-Dur-Konzert bricht mit der Konvention, indem es das Klavier solo mit dem Thema, einer Figur von vollendeter Schönheit, beginnen lässt. Das Andante con moto ist ein tiefsinniger Dialog zwischen dem unerbittlichen Fatum (ein erdrückendes Unisono der Streicher) und der menschlichen Seele (eine flehende Melodie des Klaviers). Zu Beethovens kostbarsten Eingebungen gehört das Adagio des Es-Dur-Konzertes; ich bin immer ganz enttäuscht, wenn das finale Rondo in diese selige Spätsommernachmittagsversonnenheit einbricht. –

Brahms komponierte zeitlebens unter dem gewaltigen Schatten Beethovens, was neben der generellen Endausgefeiltheit seiner Musik speziell auch das ausufernde Format des B-Dur-Klavierkonzertes erklären mag. Mit seinen technischen Zumutungen und seiner sinfonischen Üppigkeit bildet es im klassischen Repertoire neben Rachmaninoffs drittem (und Prokoffievs zweitem) Konzert gewissermaßen die Wasserscheide zum wahren Virtuosentum. Gleichwohl ist das dämonische, von Teufelstrillern durchsetzte Maestoso, mit dem das d-Moll-Konzert anhebt, vermutlich Brahms’ originellster Satz – und der wiederum scheint mir, aller Beethovennachfolgewuchtigkeit ungeachtet, auf den ersten Satz von Mozarts c-Moll-Konzert anzuspielen. Doch vermutlich gilt hier, was Brahms einmal bei anderer Gelegenheit fallen ließ: Das merkt doch jeder Esel.

Die Einspielungen von Leon Fleisher mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell entstanden Anfang der 1960er Jahre, bevor der bedeutende Pianist an einer Lähmung der rechten Hand erkrankte. Man kann sie nur glückhaft gelungen nennen, weshalb Fleisher hier den Vorzug vor Gilels und Radu Lupu erhält.


Leon Fleisher plays Beethoven and Brahms. Beethoven: Piano Concertos Nos. 1-5; Brahms: Piano Concertos Nos. 1-2. The Cleveland Orchestra; George Szell (5 CDs/Sony)


Erschienen in: eigentümlich frei, Juli/August 2015