Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Sokolov spielt Schubert und Beethoven


Wenn Grigory Sokolov die Bühne betritt, tut er dies mit abweisender, ungnädiger Miene. Den Applaus eher in Kauf nehmend als genießend, setzt er sich rasch an den Flügel und gebietet einige Sekunden Stille. Sobald er zu spielen beginnt, klart seine Miene auf; mitunter nimmt sie einen Ausdruck schmerzlicher Verzückung an, und in solchen Momenten ist dieser korpulente Mann mit der ergrauten Mönchsfrisur der schönste Mensch auf Erden. Womöglich hängt dieser Eindruck auch damit zusammen, dass Sokolovs Klavierspiel das prachtvollste, tiefste, überwältigendste, erregendste ist, was man derzeit zu hören bekommt.

So gewiss die Werke wichtiger sind als die jeweiligen Darbietungen, hängt ihre Wirkung doch letztlich allein am Interpreten; die bedeutendsten musikalischen Schöpfungen werden steril und öde unter den Händen begabter Nichtpersönlichkeiten. Große Interpreten erschaffen die Werke neu. Sokolov ist ein monumentaler Interpret. Seine manuellen Fähigkeiten sind überirdisch. Er musiziert absolut marottenfrei und mit sakralem Ernst. Jeden Ton hat er sich geistig angeignet. Der gebürtige Leningrader, der 1966 als jüngster Preisträger aller Zeiten sechzehnjährig den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, produziert ausschließlich Live-Mitschnitte. Es ist überflüssig, in solchen Sphären noch über Virtuosität zu sprechen, doch bemerkenswert erscheint mir dennoch, dass dieser Mann, den ich mehrfach live erleben durfte, sich anscheinend nie verspielt oder einen Ton auslässt.

Der vorliegende Mitschnitt seines 2013er Programms aus Warschau und Salzburg ist ein atemberaubendes Zeugnis pianistischer Vollendung. Sokolovs Schubert ist wirklich eine zerrissene Seele, er spielt ihn mit einer Zärtlichkeit ohnegleichen und hat doch keine Scheu, den Schmerzensstücken zugleich eine übermenschliche Größe zu geben. Den ersten Satz der Hammerklaviersonate nimmt er verblüffend lyrisch, das berühmte Andante sostenuto ist von einer unglaublichen Intensität (auch wenn das zweite Thema bei ihm in unorthodox tänzerischer Rhythmik, ja Torkelei anhebt), die Schlussfuge, ein kontrapunktisches Monstrum, besitzt bei Sokolov die Klarheit eines Bergbachs. Allein seine üblichen sechs Zugaben – fünfmal Rameau, ein Brahms-Intermezzo – würden den Kauf der beiden CDs mehr als lohnen.

 
Grigory Sokolov: Schubert/Beethoven (Deutsche Grammophon)

Erschienen in: eigentümlich frei, Aprilausgabe 2016