Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Jules Massenet: Werther


„Werther“ von Jules Massenet, 1892 in Wien uraufgeführt, ist insofern ein solitäres Opus, als es sich um die wahrscheinlich einzige Oper handelt, in welcher der Name Klopstock fällt bzw. sogar schmachtend geseufzt wird. Indem er ein Werk des Weimarer Olympiers für die Bühne vertonte, wagte Massenet – wie zuvor seine Landsleute Hector Berlioz („Huit Scènes de Faust“, 1846), Charles Gounod („Faust“, 1859) und Ambroise Thomas („Mignon“, 1866) –, was sich die rechtsrheinischen Kollegen nicht recht trauten. Prompt warf man dem „welschen Hahn“ (so Karoline Stöhr im „Zauberberg“ eher allgemein) vor, er habe Goethes Jugend- und Gesellschaftsdrama auf eine frivole Liebesgeschichte reduziert. Stimmt. Aber erstens sind „Die Leiden des jungen Werthers“ zunächst einmal genau das, zweitens schrieb der Welsche eine hinreißende Musik dazu.

„Werther“ ist ein bemerkenswert geschlossenes, durchkomponiertes und von einigen prägnanten Leitmotiven beherrschtes Werk. Wie gut Massenet Wagner kannte, illustriert das Vorspiel zum Vierten Akt, die französische Version des „Waldwebens“. Im Interesse einer lyrischen und sich sozusagen im bürgerlich überschaubaren Rahmen haltenden Grundstimmung mied der Komponist die üblichen Stilelemente der „Grand opéra“ und verzichtete auf konventionelle Arien und Chöre. Die Instrumentierung ist intim; nur in den Szenen der beiden Liebenden setzen sich die dramatischen Eruptionen im Orchester fort. Man könnte die Oper als ein gelegentlich von Statisten unterbrochenes Liebesduett bezeichnen. Ihr stilles Zentrum bildet Charlottes nahezu in Form eines langsamen Walzers angelegte sogenannte Tränenarie („Va! Laisse couler mes larmes“), ein erlesenes, oboenumwobenes Stück Kummerbewältigung.

Neben Werther und Lotte bleiben alle anderen Figuren Staffage. Albert taucht gelegentlich als eine Art düstere Wolke auf. Werther singt im Grunde keinen einzigen normal temperierten Takt; ein Borderliner bricht in eine Idylle ein und infiziert Charlotte mit seiner Leidenschaft. Niemand verkörperte dieses menschliche Pulverfass besser als Franco Corelli, aber die Einspielungen mit ihm sind vergriffen oder zu Mondpreisen erhältlich. Deshalb empfehle ich diesmal eine DVD.


Jules Massenet, Werther; Sophie Koch, Jonas Kaufmann u.a.; Orchestre de l’Opéra national de Paris; Michel Plasson, 2 DVDs (Decca)


Erschienen in: eigentümlich frei, Maiausgabe 2016