Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Giacomo Puccini: Madama Butterfly


„Madama Butterfly“ ist die Geschichte einer kolonialisierten Medea, die Chronik einer Liebespsychose mit tödlichem Ausgang, die Beschreibung eines Zusammenpralls der Kulturen. Vor allem aber betritt in diesem Werk der Archetyp der verlassenen Frau die Bühne. Die Musik dazu ist dermaßen anrührend, ergreifend und „herzzerknüllend“ (Eckhard Henscheid), dass kaum jemand trockenen Auges aus einer Aufführung kommt.

Gleichwohl hört man zuweilen, Puccinis „Tragedia giapponese“ sei ein sentimentales und leicht kitschiges Werk. Völliger Unsinn. Hier ist alles wahrhaftig. Die Partie der Cio-cio-san ist die längste, innigste und berückendste, die der Maestro geschrieben hat. Die beiden Arien der Titelfigur, des überirdisch-hoffnungsbesoffene „Un bel di vedremo“ und das niederschmetternde „Che tua madre“, sind völlig konkurrenzlos und, was erstere angeht, obendrein abnutzungsresistent gegen ihre Wunschkonzertdauerverwurstung.

Das Warten ist das Thema des zweiten Aktes, insofern ähnelt „Butterfly“ dem dritten Aufzug von Wagners „Tristan“. Auch die den Akt jeweils prägende Geste, das augenwunde Starren aufs Meer, verbindet beide Werke. Beide Figuren erleben endlich die ersehnte Ankunft des Schiffes, beide sterben, die eine erlöst, die andere vernichtet. Konsequenterweise zitiert Puccini mehrfach aus dem „Tristan“. Kaum jemand hat’s bemerkt. Bewundernswert ist die Meisterschaft, mit der Puccini durch Zitate von Originalmelodien, „unechte“ Pentatonik, die Verwendung der Ganztonleiter und eine exotisch wirkende Instrumentierung die Musik „japanisiert“.

Im dritten Akt zerfällt Butterflys Ich förmlich, was mit dem Zerfallen ihrer Musik illustriert wird. Es gibt in der Operngeschichte wohl kein zweites Beispiel, wo dem Publikum die Demontage einer Illusion und schließlich die Auslöschung der von ihr beherrschten Person dermaßen penibel vorgeführt wird. In ihrem Entschluss, sich auf tradionelle japanische Weise zu töten, fügt sich die junge Frau wieder zur Person. Was dann folgt, ist das Allerschlimmste. Hätte Puccini nur den Abschied der Gheisa von ihrem Kind komponiert und nichts außerdem, man würde ihn zu den Unsterblichen zählen müssen.


Giacomo Puccini: Madama Butterfly. Renata Scotto, Anna di Stasio, Carlo Bergonzi, Rolando Panerai; Coro e Orchestra del Teatro dell’Opera di Roma; John Barbirolli (EMI)


Erschienen in: eigentümlich frei 166