Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Mozart: Don Giovanni


Wer heute im Sinne des sogenannten Regietheaters den Don Giovanni inszenierte, läge nicht falsch, wenn er den Komtur als frommen Muslim und die höllischen Rachegeister als Scharia-Polizisten auf die Bühne schickte. „Viva la femmine, viva il buon vino! Sostegno e gloria d’umanità“ („Es leben die Frauen, es leben der gute Wein, sie sind Stütze und Glorie der Menschlichkeit“), das sind die letzten Worte, die der Schwerenöter vor dem Erscheinen des Steinernen Gastes singt. Sein anschließender Dialog mit dem toten Komtur, der eigentlich ein Terzett ist, weil Don Giovannis unter den Tisch geflohener Diener Leporello die ganze Zeit entsetzt vor sich hinbrabbelt, und an dessen Ende der Wüstling seiner Höllenstrafe überantwortet wird, die vorletzte Szene der Oper also gilt als der unübersteigbare Höhepunkt des Genres. Theodor W. Adorno hat gefordert, die folgende Schlussszene zu streichen, um dem Publikum diesen Absturz ins Triviale, den finalen Triumph des Mittelmaßes zu ersparen. Aber das Stück heißt eben Drama giocoso, und Mozart war viel zu weise, um die Dinge zu idealisieren. Der Held ist tot, die Nullen sagen, ihm sei recht geschehen; so läuft es eben – und basta.

Mit dem dissonanten Anfangsakkord (mit den Ohren des 18. Jahrhunderts gehört) des gesamten Orchesters in d-Moll klopft der Tod an die Tür, die Streicherfiguren ab Takt 13 der Ouvertüre beschreiben, wie das Blut in den Adern des Don gefriert. Der düstere Zauber dieser Oper hat auch damit zu tun, das in ihr praktisch ständig Nacht ist. Dem großen Verführer geht zwar ab der ersten Szene alles schief, doch er bleibt bis zum letzten Takt der Beherrscher des Ganzen, ein Archetyp und Übermensch. Die drei Frauenrollen decken quasi das gesamte weibliche Geschlecht ab. Keine der drei wird den Don je vergessen. Ansonsten: unsterbliche Arien, das sprühende Finale des 1. Akts mit drei verschiedentaktigen Tänzen gleichzeitig, die sprechende Statue auf dem Friedhof: eine Shakespeare-Szene, überhaupt eine Shakespeare-Oper...

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni; Lisa della Casa, Suzanne Danco, Hilde Gueden, Cesare Siepi, Walter Berry, Anton Dermota, Kurt Böhme; Wiener Philharmoniker, Josef Krips (ZYX)


Erschienen in eigentümlich frei, Nr. 167
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