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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Wiedervorlage: Sinnlose Verschlagwortung

Gehört der Islam nun zu Deutschland – oder nicht? Weder noch. Mit Aussagen im Headline-Format lässt sich das Problem nicht fassen/ Ein Kommentar vom 28. April 2012

Volker Kauder hat Christian Wulffs wichtigster Aussage als Bundespräsident widersprochen: Der Islam, so der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gehöre nicht zu Deutschland. Wulffs Satz bleibt aber auch in seiner Verneinung uneindeutig und missverständlich.

Zunächst einmal kann „der“ Islam so wenig zu Deutschland gehören wie Südamerika zu Argentinien. Der Islam ist eine Weltreligion, er umfasst die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, und die schließt weit mehr als eine Milliarde Menschen mit sehr verschiedenen religiös motivierten und zum Teil höchst problematischen Lebenspraktiken ein. Nach ihrem Selbstverständnis wächst sie permanent – was sich von Deutschland nicht sagen lässt. Und was wiederum meint „gehören“? Zu Deutschland gehören das Bier oder Daimler-Benz, aber auch das schlechte Wetter und die Rotlicht-Mafia. Will man „gehören“ ins Positive wenden, muss es lauten: „zugehörig fühlen“. Fühlt sich „der“ Islam Deutschland zugehörig? Diese Frage ist offenkundig unsinnig. Zugehörig fühlen können sich nur Menschen. Wenn sich jemand zugehörig fühlt, ist allerdings noch nichts darüber gesagt, ob die andere Seite dieses Gefühl teilt. Umgekehrt muss also gefragt werden, wie die nicht muslimische deutsche Mehrheit über diese Zugehörigkeit denkt. Wenn beide Seiten idealerweise zueinanderfinden, spricht man von Integration.

Der Satz „In Deutschland leben inzwischen Muslime, die hier bleiben werden“, wäre Wulff zu banal gewesen. Er wollte sagen: Da Muslime in Deutschland leben, sollen sie als Deutschland zugehörig gelten, und zwar sowohl aus der Sicht der Muslime als auch der schon länger Einheimischen. Das ist aber nichts weiter als ein Wunsch, gekleidet in die Form einer appellativen Feststellung. Fairerweise sei daran erinnert, dass Wulff bei seinem Türkei-Besuch umgekehrt formulierte, das Christentum gehöre zur Türkei. Was historisch etwas stimmiger ist, denn die gesamte heutige Türkei war, als es noch das Byzantinische Reich gab, christliches Gebiet – Deutschland indes nie muslimisches. Kauders Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, die deutschen Muslime aber sehr wohl, fußt auf diesem historischen Tatbestand, wobei die meisten türkischen Politiker bei sich daheim vom Christentum nicht anders denken.

Korrekt muss es heißen: In Deutschland, einem Land mit vorwiegend christlicher Tradition, leben Millionen Menschen muslimischen Glaubens, die sich teils der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlen, teils nicht – und die von den Deutschen teils als zugehörig empfunden werden und teils nicht, wobei es wünschenswert wäre, dass sich die Menschen muslimischen Glaubens alle der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlen und von den Deutschen durchweg als zugehörig empfunden werden, damit niemand mehr semantischen Unsinn wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ in die Debatte einspeisen muss.

Das Grundgesetz garantiert die Freiheit der Religionsausübung, sofern diese Religion eine Privatangelegenheit bleibt. Wulff und die Anhänger seiner Aussage haben freilich vergessen zu erwähnen, dass religiöse Toleranz vernünftigerweise nur gegenüber jenen muslimischen Gemeinden gelten sollte, in denen nicht gepredigt wird, dass eines Tages Deutschland zum Islam gehören wird. So herum ergibt der Satz nämlich wieder einen Sinn.


Erschienen in Focus 18/2012