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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Land der Wunder

Lande der Wunder

"Dieses Buch gibt einem glatt den Glauben an die deutsche Literatur zurück."
Kreuzer
 
   
544 Seiten - rororo  2. Mai 2009, EUR 11,00

"Land der Wunder" ist – mit anderem Titelbild! – neu verlegt worden, bestellbar hier oder hier.
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Land der Wunder
Land der QWunder
Johannes Schönbach, Geistesmensch, Trinker und Bonsai-Casanova, schlängelt sich durch eine von Alkoholikern, Spassvögeln, Bonzen und Polizisten bevölkerte Kloake namens DDR, um nach dem Novemberwunder 1989 in einem von Selbstdarstellern, Gesinnungshuren, Geldschefflern und Spasshabern bevölkerten Kasino namens Bundesrepublik festzustellen, dass entweder die Welt falsch ist oder er. 

Anfangs stehen seinem Glück vor allem die Staatsgrenze sowie die Tatsache im Wege, dass die Ostberliner Spitzenschönheit Katja Kommerell nur mit SED-Mitgliedern – jedenfalls nicht mit ihm – ins Bett steigt. Das würde der triebhafte Philologiestudent vielleicht noch ertragen haben, aber als man ihn zu einer Hilfsarbeiterexistenz in einem Schnapslager verdammt, schwindet ihm der ohnehin begrenzte Daseinssinn vollends. 

Der lebensmüde Zwangs-Aussteiger konnte es sich naturgemäß nicht träumen lassen, dass er dermaleinst seine Ostberliner Hinterhofklause gegen ein Münchner Penthouse tauschen und es zum preisgekrönten Journalisten – zuletzt sogar noch zum Millionär – bringen würde. Zuletzt? Nein. Damit enden die Wunder im Leben des notorischen Katja-Kommerell-Wiederfinders nämlich noch lange nicht … 

Michael Klonovsky beschreibt in einem erfrischenden und sarkastischen Ton die nahezu beispielhafte Verwestlichung seiner Hauptfigur. Land der Wunder ist ein satirisches und abgründiges Epos in der Tradition des Schelmen- und Entwicklungsromans, zudem eine äußerst merkwürdige Liebesgeschichte, ein auch erotischer Ost-West-Systemvergleich sowie eine Parabel über die fragwürdige Glücksverheißung einer rein geistigen Existenz.
                                              Château Auschwitz

Der Grube-&-Tag-Statthalter hieß Alexander Müller-Giordano, und er war, dachte Schönbach schon beim ersten Anblick, aus jenem Holz, aus dem man den Übermenschen schnitzen würde, wenn er jemals in Serie ginge: ein Mann in den besten Jahren, groß, schlank, energisch, sportlich (er joggte jeden Morgen eine Dreiviertelstunde), jahreszeitunabhängig gebräunt, mit tadelloser Haltung in tadellosen, stets einfarbigen Anzügen, ein Antlitz wie gemeißelt unterm allzeit frisierten, mit erlesenen Grautönen durchwirkten dunklen Haar, distinguiert, eloquent, selbstsicher. Das Beste freilich war sein rollender schwarzer Bariton, metallisch, sonor, bei Bedarf der reine Samt – jede Armee, jedes Theater und jeder Callboy-Ring hätten viel für ein solches Organ gegeben. Lobte diese Stimme, rann es einem wie Honigseim durch die Kehle, brachte sie einen Begehr vor, gehorchte man in willenlosem Glück, erwog sie Dinge, saßen alle wie die Schüler des großen Pythagoras gewissermaßen zu Füßen des Sprechers. Und bei Helga Heinrich hatte man den Eindruck, sie könne jeden Augenblick mit einem seligen Seufzer zu Boden sinken, wenn Müller-Giordano zu reden anhob.

Da der Mann aus Hamburg kam, sprach diese Stimme mit hanseatischem Akzent, und sie tat es von derselben Stelle aus, von wo einst Fleischer seine schlaffen Idiotien abgesondert hatte. Der Stuhl freilich war inzwischen ein anderer, wenngleich nicht weniger abgehobener, ein eigens eingeflogenes Designer-Modell aus dunkelbraunem Leder und mit einer Eiger-Nordwand von Lehne – »wie der Mensch sitzt, so denkt er«, pflegte sein Besitzer zu sagen. Der tiefere Sinn dieses Angebermöbels schien freilich in Müller-Giordanos Bandscheiben-Problemen zu liegen, vielleicht auch darin, dem neben ihm sitzenden Noch-Chefredakteur dessen minderen Rang vor Augen zu führen. Von Löwe wurde Müller-Giordano offiziell mit den Worten eingeführt: »Das ist Herr Müller-Giordano von Grube & Tag, der gekommen ist, um sich in unserer Redaktion ein bisschen umzuschauen.« Irgendein Schelm verpasste ihm den Spitznamen der Friseur, der sich ursprünglich wohl nur auf das inmitten habitueller Gepflegtheit noch besonders gepflegte Haar bezog, von einigen misstrauischen Redakteuren indes sofort dahingehend uminterpretiert wurde, dass der Mann gekommen sei, um alte Zöpfe und vielleicht aber auch ein paar Hälse abzuschneiden.

Aber nichts schien Müller-Giordano ferner zu liegen. Er hospitierte mal in dieser, bald in jener Abteilungskonferenz, fragte viel und hörte aufmerksam zu, ließ sich auch die kleinste Kleinigkeit erklären und zeigte sich enorm neugierig, was die Zustände anbetraf, die früher hier geherrscht hatten. Er erläuterte in wohldosierten Portionen, was man drüben unter journalistischer Arbeit verstand, und widersprach geduldig auch den dümmsten Vorstellungen über die West-Presse an sich (etwa dass alle Stellenanzeigen redaktionell produzierte Fakes seien, um den Menschen zu suggerieren, es gäbe Arbeitsplätze). Er schnitt oder bevorzugte niemanden, spielte sich nicht auf und war zu jedermann auf die gleiche ausgesuchte Weise höflich, was vor allem die ehemals strammsten Genossen erleichtert zur Kenntnis nahmen, bevor sie dem neuen Gott hemmungslos verfielen. Der schenkte ihnen in einer Minute so viel Aufmerksamkeit und Verständnis, wie es ein Funkenkamp in all den Jahren seiner Quasi-Regentschaft nicht getan hatte. Dem skeptischen Schönbach schien es allerdings mitunter, als fingiere der Hamburger Herrenmensch sein Interesse nur, während er das Ostvolk in Wirklichkeit – halb Geschäftsmann, halb Ethnologe – einzig auf seine Marktwirtschaftstauglichkeit prüfte.

Das erste Unter-vier-Augen-Gespräch mit dem Friseur führte Schönbach, als dieser einen Artikel von ihm gelesen und den Autor zu sich gebeten hatte. Müller-Giordano residierte in Funkenkamps ehemaligem Büro, aus welchem der DDR-Dekorationsplunder zwar entfernt, aber durch nichts ersetzt worden war, weshalb der Raum noch ungemütlicher als vorher und sein Inhaber in seinem todschicken dunkelblauen Anzug wie ein Handlungsreisender wirkte, der hier nur eben mal hereingeschneit war. Schönbach sah, dass der Hospitant sein Manuskript mit Randbemerkungen verunziert hatte, und die autorentypische Abwehrhaltung gegenüber jedem Eingriff ins Heilig-Selbstverfasste faltete ihm die Stirn. 
Müller-Giordano lächelte allerdings entwaffnend und sagte: »Sie sind also der Mensch, der am Chefredakteur vorbei Kommentare ins Blatt schmuggelt?«
»Ja, das bin wohl ich«, sagte Schönbach, während er grübelte, ob es sich eher um Lob oder Tadel handelte.
»Setzen Sie sich doch!«
Er gehorchte.
»Sie schreiben sehr gut. Wo haben Sie das gelernt?«
»Glauben Sie, dass man schreiben lernen kann?«, fragte Schönbach mit reservierter Arroganz.
Wieder lächelte Müller-Giordano, zündete sich eine Zigarette an und sagte: »Ich schätze es, wenn Leute selbstbewusst sind. Sie haben Recht, letztlich kann einer schreiben, oder er kann es nicht. Aber man kann das journalistische Handwerk lernen. In welchem Ressort haben Sie vor der Wende gearbeitet?«
»Ich war Korrektor«, erwiderte Schönbach.
»Ach was. Und davor ?«
»Habe ich Toiletten saubergemacht.«
Mit diesem Satz gelang es ihm, Müller-Giordano stutzen zu lassen.
»Das hört sich ja nach einer echten Karriere an«, sang der Bariton verständnislos. »Wenn man etwas konnte, hat man hier wohl nichts werden dürfen?«
Schönbach zuckte mit den Schultern.
»Aber Sie haben doch studiert, oder? Dieser Wortschatz muss ja irgendwo herkommen …«
»Ich bin exkommunizierter Altphilologe. Man hat mich von der Uni geschmissen, weil ich vor allem in historischen Fragen mit der Parteilinie über Kreuz lag.«
»Ein Altphilologe, der Toiletten saubermacht?« Müller-Giordano schüttelte den Kopf und murmelte: »Ich liebe dieses Land.«

Bald rief die einst furchtsam erwartete Epiphanie des West-Journalismus allgemeine Verzückung und sogar Anbetung in der Redaktion des Berliner Tageblatts hervor. Schilling, der bislang den Westen vertreten hatte, litt unter seinem plötzlichen Bedeutungsverlust. Er war einfach ein paar Nummern zu klein, seine Ratschläge fanden kaum noch Gehör, und sein Tauchurlaub im Indischen Ozean verblasste neben der Tatsache, dass Müller-Giordano den heiligen Berg Kailash im Himalaya umwandert, halb Afrika umsegelt und schon einmal den Nordpol überflogen hatte.
Eines Tages erschien der Juso auf einen Schwatz in Schönbachs Büro und fragte nach einer Weile beiläufig: »Was hältst du eigentlich von Müller-Giordano?«
»Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen«, bekam er zur Antwort.
»Meinst du, dass er der richtige Chefredakteur für euch wäre?«
»Warum nicht?«
Schilling legte wortlos die Kopien zweier Zeitschriftenseiten auf Schönbachs Schreibtisch.
»Dann lies mal.«
Beide Artikel stammten von Müller-Giordano. Der eine, gedruckt Ende Oktober 1989, auf dem Höhepunkt der Montagsdemonstrationen, sprach sich gegen die deutsche Wiedervereinigung aus. Das sei keine 50 Jahre nach Auschwitz und Weltkrieg unmöglich, Deutschland möge seine Strafe akzeptieren, geteilt bleiben und seine Zukunft zweistaatlich gestalten. Der andere, zwei Jahre zuvor im selben großen Wochenmagazin anlässlich von Honeckers Staatsempfang in der Bundesrepublik erschienen, war deutlicher. »Der Besuch des Generalsekretärs«, stand dort schwarz auf weiß zu lesen, »ist ein Debakel für all jene Ewiggestrigen, die noch immer von der Wiedervereinigung träumen. Ein dauerhafter Frieden in Europa setzt die deutsche Teilung aber geradezu voraus.«
Schönbach las und staunte.
»Wie findest du das?«, fragte Schilling.
»Ich beginne, etwas mehr über die Bundesrepublik zu lernen. Wenn ich die Sache richtig verstehe, war die Teilung Buße für Auschwitz, nur dass eure Buße Tauchurlaube und Wanderungen um heilige Himalaya-Berge beinhaltete.«

Schönbach beschloss, den Chef in spe bei Gelegenheit unter vier Augen auf den Grund seines inzwischen eingetretenen Sinneswandels anzusprechen. Die Gelegenheit bot sich, als dieser ihn ohne nähere Angabe von Gründen zum Abendessen einlud. Es war ein regnerischer Abend Anfang Juni, Müller-Giordano hatte ein französisches Restaurant am Savigny-Platz ausgewählt, und Schönbach marschierte mit Stadtplan und Schirm zum angegebenen Ort. Der Regen bekleckerte seine helle Hose, die einzige Nicht-Jeans, die er besaß und die er für seinen ersten Westberliner Restaurantbesuch als tauglich befunden hatte, aber das fiel nicht weiter ins Gewicht, denn unmittelbar vor dem Lokal bemerkte er, dass er sich in der S-Bahn auf ein frisches Sprayer-Opus gesetzt hatte und dieses nun spiegelverkehrt auf seinem Hintern trug. Die Hoffnung, das Missgeschick könne eventuell unbemerkt bleiben, zerstob angesichts des Lokals: es war ziemlich schick und äußerst hell.

Ein Mercedes hielt direkt neben ihm.
»Warum gehen Sie denn nicht schon rein bei dem Sauwetter?«, fragte Müller-Giordano.
»Mir ist ein Malheur passiert.«
»Was denn?«
Wortlos deutete Schönbach auf sein Hinterteil.
»Was ist das? Designerware? Oder haben Sie die Hose zusammen mit einem Tuschkasten gewaschen?«
»Jemand hat den S-Bahn-Sitz besprüht. Ich hab’s nicht bemerkt.«
»Haben Sie kein Auto?«
Schönbach schüttelte den Kopf.
»Dann hätte ich Sie doch von der Redaktion mitnehmen können. Warten Sie, da drüben ist ein Parkplatz. Ich habe noch einen Mantel im Wagen, den ziehen Sie einfach über, dann sieht es keiner, wenn Sie reingehen.«
Kurz darauf umschmeichelte ein so feiner Stoff Schönbachs Schultern, dass er meinte, ein Spinnennetz zu tragen, ungemein leicht und dennoch flauschig – er hätte den Mantel am liebsten gar nicht mehr ausgezogen. Er passte nur leider so gar nicht zu seiner Hose.

Das Lokal wurde durch drei Stufen und eine Balustrade in zwei Hälften geteilt. Im vorderen Teil zog sich ein dunkelrotes Ledersofa an der gesamten Wand entlang, über dem Spiegel hingen, und man saß an bloßen Holztischen. Hinter der Balustrade waren die Tische gedeckt, und die Wände holzgetäfelt. Hier saßen vier Herren beim Wein sowie ein Pärchen, das irgendwelche Muscheln speiste und dazu Champagner trank, er mindestens Ende fünfzig und gut und gern zwanzig Jahre älter als seine Begleiterin, die blond war und ihren Gepardinnenleib in einem schulterfreien grünen Schlauchkleid entzückend detailliert darbot.

Müller-Giordano parlierte französisch mit dem Personal und wurde beflissen an einen Zweiertisch im oberen Teil eskortiert. Ein Kellner wollte Schönbach aus dem Mantel helfen, doch der hob erschrocken die Hände und wich ihm so energisch aus, dass er beinahe die Blondine gerammt hätte, die freilich intensiv mit dem Ausschlürfen einer Muschel beschäftigt war und nichts mitbekam. Der Kellner schaute befremdet, und Schönbach errötete. Er lief um den Tisch und drehte sich so, dass niemand seine Hinterfront sehen konnte; erst dann legte er ab und hielt dem Ober, der ein paar Schritte entfernt stehen geblieben war, das gewünschte Kleidungsstück hin, aber nun wollte der auch nicht mehr, so dass Schönbach sekundenlang ziemlich dumm dastand; dann legte er den Mantel einfach über die Stuhllehne und setzte sich. Sein Gastgeber hatte bereits Platz genommen.

Jetzt nahte der Kellner doch und deutete fragend auf den Mantel. Schönbach nickte, und als das edle Gespinst davonschwebte, fiel ihm ein, dass er das Lokal ja auch wieder verlassen musste. In diese Erwägung schlug der Blick der zwei Tische weiter und ihm schräg gegenüber sitzenden Blondine eine regelrechte Schneise. Sie hatte blaue Augen, und unter dem Kleid trug sie, zumindest was den bei Tische sichtbaren Teil ihres Körpers betraf, nichts. Ihre Brüste waren nicht sehr groß, aber extrem prall. Für Sekundenbruchteile vergaß Schönbach, weshalb und mit wem er hier war.
»Na, bewundern Sie die Silikon-Fraktion?«, fragte Müller-Giordano heiter.
Schönbach riss seine Augen von den stoffumspannten Pneus und fragte verwirrt: »Was meinen Sie?«
Er erhielt keine Antwort, denn der Kellner brachte soeben die Weinkarte, während ein zweiter, den Müller-Giordano Maître nannte, mit einer schwarzen Schiefertafel anrückte, die er ihnen gegenüber auf einen freien Stuhl stellte. Darauf waren mit Kreide Rätselworte geschrieben, etwa »Coquilles St. Jacques sautées«, »Terrine de foie de volaille«, »Rôti de Lotte«, »Truffes sous la cendre«, »Poularde en demi-deuil«, »L’épaule d’agneau de Pauillac, rôti boulangère« oder »Bouillabaisse«. Hier half auch kein großes Latinum, die französische Gastronomie hatte sich weitgehend unabhängig von Rom entwickelt, lediglich in »agneau« und »volaille« schien ein lateinischer Stamm zu schlummern. Während die »Terrine de foie de volaille« offenbar irgendein Federvieh beinhaltete, erinnerte die »épaule« des Lammes an die Epaulette und meinte mithin also wohl des Tieres Schulter.

Weil Müller-Giordano französisch sprach, hielt es der Maître nicht für nötig, sein Speiseangebot zu erläutern. Da saß Schönbach nun auf seiner versauten Ost-Hose, deretwegen er sich bereits wie ein Verrückter aufgeführt hatte, und verstand die Karte nicht. Offenbar führte ein steiniger Pfad der Demütigungen in die Genüsse des Westens.
»Eh bien«, sagte Müller-Giordano, der parallel Karte und Tafel studierte. »Essen Sie lieber Fisch oder Fleisch?«
»Eher Fleisch.«
»Und als Vorspeise?«
»Vorspeise?«
»Gab es so was in der DDR nicht?«
»Doch, doch«, murmelte Schönbach und fügte in kindischem Trotz hinzu: »Wir hatten sogar Strom.«
Müller-Giordanos Gutgelauntheit nahm einen Wimpernschlag lang die Form von gekitzelter Albernheit an, aber schnell fing er sich wieder und vollführte nur noch ein dezent-distanzierendes Einbahnstraßenlächeln, das sich jede Fraternisierung verbat und stattdessen forderte: Los, weiter, amüsiere mich, es gefällt mir!
Aber Schönbach stieg nicht darauf ein, sondern schwieg verstockt.

Ein paar peinlich stumme Sekunden verstrichen, dann fragte Müller-Giordano: »Sind Sie damit einverstanden, dass wir mit einem Weißen als Aperitif beginnen? Wie wäre es mit einem Chablis – oder lieber ein Mersault?«
»Das überlasse ich alles Ihnen«, sagte Schönbach, der sich entschlossen hatte, die ihm vom Schicksal zugewiesene Rolle offenherzig zu spielen. »Ich bin nämlich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Gaststätte dieses Kalibers.«
Ein Blick prüfenden Mitleids traf ihn. 
»Entschuldigen Sie, ich vergaß. – Une bouteille d’eau minérale et un Chablis Grand cru«, wandte sich Müller-Giordano an den Maître, und nachdem dieser enteilt war, verdolmetschte er dem Zonendödel die Tafel.
Schönbach entschied sich für Ziegenkäse auf Salat und Lammschulter.
»Ich werde Jacobsmuscheln und dann auch das Lamm nehmen«, sagte sein Gastgeber im Ton einer gewichtigen Entscheidung. »Dazu brauchen wir dann einen schönen Roten aus dem Pauillac.«
Er rieb sich zufrieden die Hände und erklärte seinem journalistischen und nunmehr auch kulinarischen Eleven, der Norden sei nun mal traditionell frankophil, während der Süden der Nähe wegen mehr auf Italienisches abfahre.

Schönbach hatte etwas anderes auf dem Herzen. »Was kostet eigentlich so ein Mantel?«, erkundigte er sich.
»Gefällt er Ihnen?«
»Durchaus.«
»Der kostet um die zweitausend Mark.«
»O je!«
»Keine Sorge, bei Ihrem Schreibtalent können Sie sich bald solche Mäntel leisten«, prophezeite Müller-Giordano, und sein warmer Bariton streichelte Schönbachs geplagtes Ego.
»Danke für die Blumen«, murmelte er geschmeichelt. Es war, als würde er auf einen Schlag für Jahre der Gängelei und Zurücksetzung entschädigt.
Der Kellner brachte den Weißwein, entkorkte die Flasche und goss Müller-Giordano einen Schluck ein. Der führte das Glas zur Nase, beschnüffelte ausgiebig seinen Inhalt, nahm ein winziges Schlückchen, ließ es im Mund kreisen, als wolle er gurgeln, schluckte und spitzte nachschmeckend die Lippen. Dann endlich nickte er. Der Kellner schenkte beide Gläser zur Hälfte voll und stellte die Flasche in einen Eiskübel. Währenddessen brachte Müller-Giordano offenbar seinen Rotwein-Wunsch vor.

Appetitlich funkelte die goldgelbe Flüssigkeit in den Gläsern, die unter ihrem Andrang beschlugen. Schönbach nahm einen meditativen Schluck. Es schmeckte nach Glanz und Wonne. Nach Metall und Frucht. Nach dem Gesang der Dichter. Nach Welt.
»Und?«, erkundigte sich der Gastgeber.
»Hinreißend«, sagte Schönbach. »Ich habe unlängst einen Chardonnay getrunken, der war auch sehr gut. Aber der hier …«
»Das ist ein Chardonnay.«
»Ich denke, ein Chablis?«
Müller-Giordano lächelte nachsichtig. »Chablis heißt die Region, Chardonnay die Rebsorte.«
»Aha.«

Die Vorspeisen wurden aufgetragen. Schönbach bekam seinen Ziegenkäse auf einem Salatkränzchen. Zwischen all dem Grünzeug lagen schwarze Miniatur-Eier mit stellenweise leicht gerunzelter Oberfläche. Er nahm eines davon auf die Gabel und kostete vorsichtig. Es war eine Frucht, bissfest, ölig, fast fleischig, leicht bitter, kein Gemüse, erst recht kein Obst, und doch von beidem etwas. Sie traf genau seinen Geschmack, ohne dass er von der Existenz eines solchen Geschmacks je eine Ahnung gehabt hatte.
War das die Frucht des Ölbaums …?
In der Tat, der Herr Gräzist verspeiste soeben die erste Olive seines Lebens.
»Ich wollte Sie heute einmal in Ruhe sprechen«, sagte Müller-Giordano kauend und spülte genüsslich und auch irgendwie genusssicher eine Jacobsmuschel mit Weißwein hinunter, »um mit Ihnen über Ihre Zukunft und die des Blattes zu sprechen, was für meine Begriffe zum Teil zusammengehört.«
Schönbach verstand die Worte nur akustisch, er war zu beschäftigt mit seinem jahrzehntelang betrogenen Gaumen, als dass er sich auch noch hätte darauf konzentrieren können. Außerdem schoss ihm in dieser Sekunde eine Idee durchs Hirn, nämlich dass Müller-Giordano seine Anzüge (und Mäntel) in erster Linie als Rüstung trug, hinter der man sich im Gefühl, gut gekleidet zu sein, den Anfechtungen des Alltags gegenüber gewappnet fühlte und Distanz zum Gesindel herstellen konnte; in Badehosen oder wenn er morgens seine Hämorrhoidensalbe auftrug, würde der Mann so albern und angreifbar wie alle anderen wirken, mochte er sein Fett wegjoggen, wie er wollte. Es mussten freilich tadellose Anzüge sein, nicht diese brettsteifen Narrenkostüme, in denen früher DDR-Funktionäre herumrannten.

»Sie sollten wissen, dass ich mich noch nicht entschieden habe, ob ich das Tageblatt übernehme«, hörte er sein Gegenüber sagen, dessen Nimbus durch solche Erwägungen etwas angeschrammt wurde, obwohl er ihn in dieser Form nicht geschaffen hatte. Auch seine Solarium-Bräune und seine unumstößliche Frisur dienten dem Zweck, Bastionen um sich aufzubauen, erwog Schönbach. Es war alles Fassade und Firlefanz! Aber dieser Wein war echt, der führte einen in die Nähe des Daseinsgrundes. Und dass Müller-Giordano so etwas von jeher trinken durfte, gehörte wohl ebenfalls zu den Ursachen seines staunenswerten Selbstbewusstseins. 
»Ich habe den endgültigen Vertrag noch nicht unterschrieben«, sagte aus weiter Ferne Müller-Giordano, »nicht weil es ein Risiko wäre, das ist es ganz und gar nicht, das Tageblatt besitzt in Ostberlin das absolute Monopol, so viele Leser können überhaupt nicht wegbrechen, als dass die Sache wirtschaftlich kritisch wird. Aber wirtschaftliche Solidität ist die eine Seite, journalistisches Niveau die andere. Was mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, ist das Personal.«
Mir bereitet Sorgen, dass der Wein gleich alle ist, dachte Schönbach und ließ dennoch einen besonders üppigen Schluck über seine begeisterten Geschmackspapillen rinnen. Dann riss er sich zusammen und fragte: »Sie meinen, mit dem vorhandenen Stamm kann man keine akzeptable Zeitung produzieren?«
»Ganz so krass würde ich es nicht formulieren«, entgegnete Müller-Giordano. »Es gibt eine Reihe von Redakteuren, denen ich den Turnaround zutraue. Sogar manchen älteren.«

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Schönbach, geschmeichelt von der Initiation und berauscht von diesem Wein, lauschte ergriffen.
»Grube & Tag will diese ehemalige Parteipostille so pushen, dass es die überregionale Zeitung aus Berlin wird. Kein dröges Verlautbarungsblatt, sondern ein investigativer Opinionleader. Eine deutsche Washington Post ! Aber wie Sie vielleicht wissen, mussten wir uns verpflichten, der gesamten Belegschaft für drei Jahre eine Arbeitsplatzgarantie zu geben.«
Er brannte sich eine Zigarette an, deutete auf die Schachtel und sagte: »Bedienen Sie sich!«
Schönbach bediente sich. Allerdings blieb der erste Zug völlig folgenlos, er zog energischer, doch es schien nichts aus der Zigarette herauszukommen. Brannte sie überhaupt? Seltsamerweise entwich nun Rauch seinem Mund. Er betrachtete die Schachtel. »Auslese« hießen die Dinger. Ein neuerlicher Zug brachte das identische Resultat. Dass er inhaliert hatte, sah er am Qualm, aber er merkte es nicht.
»Die sind Ihnen zu mild, was?«, erkundigte sich Müller-Giordano.
»Mild ist gut, ich habe das Gefühl, gar nicht zu rauchen.«
»Es sind die leichtesten, die es gibt, Sportler-Zigaretten sozusagen. Aber zur Befriedigung oraler Gelüste reichen sie.«
Schönbach blickte unschlüssig auf den Glimmstengel in seiner Hand, dann riss er kurzentschlossen den Filter ab.
»Schon besser«, stellte er fest – aber eine richtige Zigarette war es immer noch nicht.

»Sie sollen wissen«, griff Müller-Giordano das ursprüngliche Thema wieder auf, »dass ich den Laden nur übernehme, wenn toughe Leute wie Sie dabei sind. Ich möchte von Ihnen wissen, ob Sie vorhaben, in Berlin zu bleiben, oder ob Sie in den Westen gehen wollen.«
»Darüber habe ich offen gestanden noch nicht nachgedacht«, erwiderte Schönbach und fand diese Tatsache auf einmal ziemlich bescheuert.
»Das sollten Sie aber«, insistierte sein Gegenüber, der vom Chablis allenfalls ein Drittel abbekommen hatte.
»Ich werde bleiben«, erklärte Schönbach mit Entschiedenheit, »ich habe hier noch einiges zu erledigen. Ich meine: journalistisch.«
»Gut«, sagte Müller-Giordano und nickte zufrieden. »Dabei kann ich Ihnen zur Seite stehen.«

Entweder hatte der Maître – es war diesmal wieder der Maître – Schönbachs enormen Durst gespürt, oder die Flaschenablösung war ohnedies gerade angezeigt, jedenfalls stand er nun wieder am Tisch, präsentierte die Bouteille wie einen Schatz und sagte ölig: »Grand-Puy-Lacoste, Monsieur.«
Müller-Giordano warf einen Blick aufs Etikett und sagte sehr behaglich: »Der 85er, ausgezeichnet. Vous pourriez décanter, s’il vous plaît?«
»Oui, Monsieur.«
Der Chef machte dem Kellner ein Zeichen, worauf dieser verschwand, aber sofort mit einem Kolben in der Hand wiederkehrte, dessen Form Schönbach an jene Gefäße erinnerte, in welche Frischoperierte männlichen Geschlechts ihre Blase zu entleeren pflegten, nur dass bei diesem ein kleiner Silberdeckel die kurzhalsige runde Öffnung verschloss. Die Prozedur von vorhin wiederholte sich, wobei der Maître das Entkorken diesmal ausgiebiger zelebrierte; der Korken war auch deutlich länger, und er verließ die Flasche ohne Flupp. Der Mundschenk schnupperte an ihm, dann reichte er ihn Müller-Giordano, der sich nicht lumpen ließ und ebenfalls seine Nase kennerisch zum Einsatz brachte. Sodann probierte er den anscheinend obligatorischen winzigen Schluck, den der Maître vorher im Glas mit geübtem Schwenken einige Steilkurven hatte absolvieren lassen, schnalzte mit der Zunge und nickte. Nun floss der Nektar in die Ente, und aus dieser wiederum verabfolgte der Maître zwei Portiönchen in ihre Gläser.

Schönbach hätte sich gern auf den Rotwein konzentriert, aber vorerst irritierte ihn, dass Müller-Giordano sein noch halbvolles Glas Chablis weit von sich geschoben hatte, als wollte er dem Kellner signalisieren, er möge es mitnehmen. Das empfand er als arge Verschwendung, und gern hätte er seinen designierten Chef gefragt, ob er statt seiner das Glas leeren dürfe, aber das war wohl keine gute Idee. Er sandte dem schnöde verschmähten Goldnektar einen wehmütigen Abschiedsblick über den Tisch zu und nippte zerstreut am Grand-Puy-Lacoste.

Der erste Schluck war etwas enttäuschend, dünn, fast fade, doch auf mysteriöse Weise endete er nicht und schmeckte immer noch, obwohl er den Gaumen längst passiert hatte. Schönbach nippte ein zweites Mal. Woran erinnerte ihn dieser Geschmack bloß? Saftiges Gras unmittelbar nach dem Regen? Den dritten Schluck behielt er länger im Mund. Der Graseindruck verschwand und wich einem nicht aufzudröselnden Spektrum von Fruchtaromen, es fühlte sich an, als ob der Stoff im Mund an Fülle zunähme. Zugleich zogen sich die Schleimhäute wie unter Wonneschauern zusammen, und ein beeriger Geschmack breitete sich aus. Schönbach besah den rubinroten Saft, der Schlieren an der Wand des Glases zog und dem ein betörender vegetabiler Geruch entstieg. Nun war Schluss mit Nippen – er goss sich den Mund richtig voll. Wie das schmeckte und schmeckte und gar nicht mehr aufhörte zu schmecken! Er hätte vor Begeisterung losbrüllen können. Und so etwas hat man mir beinahe dreißig Jahre vorenthalten und hätte es gern in alle Ewigkeit so fortgesetzt, dachte Schönbach; kein Nietzsche, kein Nabokov, das war übel genug, aber dass sie einen von solchen Tränken wegbetoniert hatten, dafür sollte man das verdammte Kommunistenpack noch nachträglich massakrieren.
»Saalhäuser Sonnenwinkel«, murmelte er und kicherte närrisch vor sich hin.
»Wie bitte?«
Ach ja, Müller-Giordano war ja auch noch da. Schönbach sandte ihm einen verklärten Blick zu.
»Das war ein Wein, den ich zu DDR-Zeiten getrunken habe«, erklärte er. »Hätte ich gewusst, dass es so etwas gibt« – er deutete auf sein Glas – »ich wäre wohl auch auf die Straße gegangen.«

Das Lamm wurde aufgetragen. Von so viel Gaumenstreichelei überwältigt, wäre Schönbach am liebsten auf den Stuhl gestiegen und hätte »Vive la France!« gerufen, aber es war mindestens eine Flasche zu früh dafür. Allmählich hatte sich der vordere Teil des Lokals gefüllt. Die Blondine im grünen Schlauchkleid stöckelte zur Toilette. Schönbach sah ihr nach und freute sich auf die Währungsunion.
»Sie gehörten nicht zu den Montagsdemonstranten?«, nahm
Müller-Giordano den Gesprächsfaden wieder auf. »Ich hätte Sie für einen gehalten.«
»Tatsächlich? Wieso denn?«
»Wer an seinem Chefredakteur vorbei Kommentare ins Blatt schleust …«
Das schien ihn zu beschäftigen.
»Ich wollte mit diesen Oppositionellen nichts zu tun haben«, erklärte Schönbach.
»Heißt das, Sie wollten die Wiedervereinigung gar nicht?«
»Doch. Aber nicht um den Preis, dazuzugehören.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Es ist eine sehr abstrakte und unrealistische Haltung, ich weiß. Nun haben die, die ich meinte verachten zu müssen, die Dreckarbeit erledigt, und ich darf die Früchte mitgenießen.«
Sein Gastgeber schien entweder diese Worte zu bedenken, oder aber das Lamm, dem er sehr distinguiert zu Leibe rückte, verlangte seine gesamte Aufmerksamkeit. Er kaute und schwieg.
»Und warum wollten Sie nicht wiedervereinigt werden?«

Die Übermenschenherrlichkeit zerstob auf einen Schlag. Müller-Giordano wurde verlegen wie ein Schuljunge, er errötete sogar ein wenig oder vielleicht auch heftig; bei seiner Gesichtsbräune war das schwer zu sagen. Er trank nervös einen Schluck, betrachtete sein Gegenüber forschend und fragte schließlich: »Sie spielen auf meinen Bekenntnisaufsatz vom Oktober an?«
Schönbach bejahte.
»Woher kennen Sie den denn?«
In Erwägung, dass der emsige Schilling vielleicht noch den einen oder anderen Artikel im Tageblatt unterbringen wollte, behauptete Schönbach: »Also hundertprozentig dicht war der antifaschistische Schutzwall nun auch wieder nicht.«
»Tja, das war sicherlich mein dümmster Artikel«, seufzte Müller-Giordano (»Ihr zweitdümmster«, dachte Schönbach). »Ich hing damals der fixen Idee an, ein vereintes Deutschland würde in Europa isoliert dastehen und wieder auf verhängnisvolle Sonderwege geraten. Ich hatte Bedenken, dass der deutsche Nationalismus noch stark ist und wieder gefährlich auflodert… Aber wie es aussieht, haben vier Jahrzehnte demokratische Erziehung diesem Volk politische Manieren beigebracht, zumindest in unserem Teil.«
»Und wie es denen jenseits der Mauer ging, hat Sie nicht interessiert?«
»Ich habe mehr versucht, die Dinge aus der gesamteuropäischen Perspektive zu betrachten. Wissen Sie, ich habe ein Häuschen im Périgord, wo die SS das Nachbardorf vor fünfundvierzig Jahren ausgeräuchert hat, und dass ich als Deutscher dort heute wieder willkommen bin, ist das eigentliche Wunder.«

Na immerhin finden deine Wunder im Périgord statt, dachte Schönbach; du bist in deinen Daimler gestiegen, nach Frankreich gefahren und hast bei einem guten Glas Rotwein Kommentare über die Teilung als gerechte Strafe für Hitler geschrieben, und nun gibst du dem Ossi sogar vom Wein ab, obwohl die SS das Nachbardorf plattgemacht hat. Laut sagte er: »Ist es für Europa nicht besser, wenn die Deutschen aufhören, sich gegenseitig mit Atomraketen zu bedrohen, die obendrein nicht mal ihre eigenen sind?«
»Sofern sie nicht stattdessen andere bedrohen, gewiss.«
Müller-Giordano hatte seine Souveranität zurückgewonnen, Schönbach insistierte nicht weiter, denn er hoffte auf eine dritte Flasche und wollte dem Mann nicht die Laune verderben. Außerdem schmeckte dieser Wein viel zu gut, als dass man seinen Genuss mit politischen Debatten trüben sollte.
Der Kellner erschien und fragte: »Désirez-vous du fromage? Ou bien un dessert?«
»Möchten Sie ein Dessert? Oder etwas Käse?«, übersetzte Müller-Giordano.
»Käse, warum eigentlich nicht?«, antwortete Schönbach.

Müller-Giordano bestellte Käse und für sich eine Crème brulée. Schönbach sah zum Tisch der Blondine, deren Galan inzwischen mit erwartungsfroher Greisengeilheit ihr Händchen tätschelte. Der Kellner brachte eine zur Hälfte aufklappbare Käseglocke und einen Teller. Schönbach war bestürzt über die Menge, außerdem hatte von der Platte schon jemand gegessen (von wegen vornehmes Lokal!). Aber da Müller-Giordano, der seine Crème brulée bekommen hatte, daran nichts Anstößiges zu finden schien, fragte auch sein Gast nicht nach und stellte sich der Herausforderung. Schnell war sein verbliebener Appetit gestillt, nur aus Pflichtgefühl und um den netten Maître nicht zu kränken, schob er weiter ein, was eben ging und noch ein paar Bissen darüber hinaus, bis ihm allmählich übel wurde. Er verspeiste etwa ein Pfund Käse, doch es war einfach zu viel. Jetzt werden sie sauer sein, dass sie so viel wegschmeißen müssen, dachte er. Aber wie konnte man auch einen solchen Montblanc als Nachtisch servieren?

Der Kellner blickte eher erstaunt als erbost auf das Schlachtfeld, das Schönbach hinterlassen hatte, und trug die Platte kopfschüttelnd zu der zunehmend betrunkener werdenden Herrenrunde. Nun verstand Schönbach überhaupt nichts mehr. Wieso brachte man seine Essensreste an einen anderen Tisch? War das so Sitte in Frankreich? Hatten sie diesen Brauch vielleicht von ihrem Algerien-Abenteuer mitgebracht?
Er fragte Müller-Giordano, der statt einer dritten Flasche leider bloß die Rechnung in Auftrag gegeben hatte und in ein selbstgefälliges Gelächter ausbrach.
»Ihr Ossis seid doch zu goldig«, rief er. »Jetzt haben Sie gleich drei Klischees auf einmal bedient: verfressen, weltfremd, gehorsam. Um Himmels willen, dieser Käse ist für alle da! Die Platte macht die Runde, und jeder schneidet sich ein paar Stückchen ab.«
»Und ich dachte, sie würden böse sein, weil ich nicht aufgegessen habe.«
»»Ha ha ha!«

Die Rechnung kam, Müller-Giordano zückte mit gleichgültiger Miene fünf Hunderter und legte sie auf das Tellerchen.
Schönbach schluckte. Hatten sie allen Ernstes in zweieinhalb Stunden das Begrüßungsgeld von fünf Ossis verprasst? Über Gehaltsfragen hatten sie dummerweise nicht gesprochen, aber es hob Schönbachs Selbstwertgefühl, dass Müller-Giordano so viel Geld für ihn ausgab.
»Ich danke für die Einladung«, druckste er, »aber ist das nicht ein bisschen zu teuer gewesen. Ich meine, Sie –«
»Das zahlt die Firma«, unterbrach ihn Müller-Giordano und lächelte generös.
»So etwas geht?«
»Aber was denken Sie denn? Die meisten Abendessen hierzulande gehen auf Firmenkosten.«
Erst als der Kellner mit dem Mantel kam, fiel Schönbach seine verdorbene Hose wieder ein. Aber inzwischen war es ihm egal, und er reichte das noble Stück an seinen Besitzer weiter.
Der sah ihn fragend an.
»Und Ihre Hinterfront?«
»Ich werde es überleben.«
»Wo müssen Sie jetzt hin?«
»Zum Prenzlauer Berg.«
»Soll ich Sie ein Stück mitnehmen? Ich wohne im Grand Hotel Friedrichstraße, da sind Sie wenigstens auf sicherem Ost-Terrain.«

Und eine weitere Premiere dieser premierenreichen Tage fand statt: Schönbach fuhr zum ersten Mal in einem Mercedes mit. Was nach dem Osterwunder des Mauerfalls für 90 Prozent seiner Landsleute gewissermaßen das Pfingstereignis der Wiedervereinigung gewesen wäre, ließ ihn allerdings kalt. Vom Selberfahren verstand er nichts, und als Beifahrer saß man in Kühls altem Wolga fast genauso gut. 
„...unverschämt zynisch, sexistisch, obszön und brillant geschrieben ... So viel blühende Landschaft war im deutschen Roman lange nicht ... „Land der Wunder“ sollte in allen Goethe-Instituten gelesen werden.“
Sächsische Zeitung


„Schönbach, der dürre Mann, blickt von halbaußen auf beide Systeme. Macht sich lustig und lacht. Es ist ein sehr sardonisches Lachen. Das einzige, was geht.“
Die Welt


„Das Buch gibt einem glatt den Glauben an die deutsche Literatur zurück... Warum hat sich eigentlich kein deutscher Verlag dieses bisher einzigen wirklich unterhaltsamen Wenderomans angenommen? Asche über ihre Häupter, Lob und Ehre der wackeren Schweiz!“
Kreuzer, Leipzig


"'Land der Wunder'  betrachten einige als das Beste, was deutsche Autoren nach 1989 geschaffen haben."        
Arcana (Krakau) 


„Nicht artig, aber irgendwie einzig.“
Westdeutsche Allgemeine


„Klonovsky ist ein Wortfex und begnadeter Unterhalter.“
dpa


„Mit diesem Mann läßt sich Deutsch-Deutschland erleben. So ironisch, so abgedreht, so verrückt...“
NDR kultur


„Wenn es bislang keinen Wenderoman gab: Hier ist er.“
Playboy 


„Klonovsky erzählt seine Geschichte in der Tradition des Schelmenromans mit einem Hang zu pikaresker Überdrehtheit, mit viel derbem Witz.“
Neue Zürcher Zeitung


„’Land der Wunder’ ist eine knackige deutsche Gesellschaftssatire geworden. Ein Zerrspiegel, mal grob, mal fein geschliffen. Je länger man hineinschaut, desto tiefere Einblicke liefert er... Kaum zu glauben, Jonathan Franzens ‚Korrekturen’ haben ein deutsches Pendant bekommen. Sicher, beide Bücher sind stilistisch nicht zu vergleichen, aber die Grundidee ist dieselbe: Ein Mensch überdenkt und korrigiert sein Leben. Davon kann man auch in Form eines Schelmenromans erzählen. Zumindest Michael Klonovsky kann es.“
Leipziger Volkszeitung


„Klonovsky, in Ost-Berlin sozialisiert, hat einen wunderbaren, autobiografisch inspirierten Wenderoman geschrieben. Mit bissigem Scharfsinn, ätzender Satire, politisch völlig inkorrekt, eine Provokation für jede Frauenbeauftragte... Klonovskys Systemvergleich ist so desillusionierend, wie seine Milieuschilderungen authentisch sind. Ein unverschämter Lesespaß.“
Berliner Morgenpost


„Das Happy End balanciert am Rande des Kitsches, ist demnach genauso aberwitzig und politisch inkorrekt wie das ganze Buch... Was für ein Roman!“
Cora Stephan in Focus


„Klonovsky hat ein fabelhaftes Buch geschrieben, gleichsam den Knüller der diesjährigen Büchersaison... glänzend erzählt, sprachspielerisch, humorvoll und geistreich zugleich, ein pures Lesevergnügen.“
Junge Freiheit


„Klonovsky hat nicht nur einen satirischen Entwicklungsroman über die Mutation eines Ossis zum Wessi geschrieben, sondern der Münchner Gesellschaft ein Who is Who verpaßt, das die Stadt nun ins große Rätselraten stürzt.“
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung


„Daß man sich bei der Lektüre dieses Romans bestens unterhalten fühlt, liegt vor allem an Klonovskys exzellent formulierten Sätzen und an den vielen absurd beschriebenen Details... Es geht einem mit Schönbach wie mit den Trostlosfiguren des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Man verfolgt sein Leben gleichermaßen mit Abscheu und Interesse. Doch im Gegensatz zum pessimistischen Houellebecq ... hält Klonovsky für Schönbach am Ende des Romans doch eine ganz hübsche Lösung bereit.“
Neues Deutschland



"Michael Klonovskys 'Land der Wunder' ist eine Ost-Klamotte. ... Ein schlecht sitzendes Bild folgt dem nächsten... Das Ganze soll die Beschreibung eines 'Narrenfestes' sein, ist aber nur so witzig wie der Kölner Karneval am Mittwochmorgen."
Süddeutsche Zeitung



Ich habe der Rezensentin daraufhin folgenden Brief geschrieben:

Madame oder –emoiselle,

sportlich gesinnt, wie ich zuweilen bin, biete ich Ihnen folgendes an: Für jedes „schlecht sitzende“ – also im konventionellen Sprachgebrauch: schiefe – Bild, das Sie mir in „Land der Wunder“ nachweisen, kriegen Sie von mir exakt soviele Euro, wie Ihnen Ihr Artikel darüber insgesamt eingebracht hat. Cash auf das holde Krällchen.

Leider bzw. logischerweise blieb er unbeantwortet.