Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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27. Dezember 2018


Heute nur "eine Mitteilung an meine Freude", wie es Richie W. auszudrücken pflegte.

Zuweilen muss man sich eingestehen, dass ein literarischer Plan gescheitert ist. Es dürfte Ende 2016 oder früher gewesen sein, als ich dem damaligen Cheflektor des Manuscriptum-Verlages beim Dinner erzählte, dass ich irgendwann einmal, als alter Mann, ein dialogisches Märchen zu schreiben beabsichtige, das im fernen China und in noch fernerer Zukunft spielen, aber von Deutschland handeln solle. Der Dialog finde statt zwischen einem greisen, aber geistig regen ehemaligen Universitätsprofessor und dessen Enkel, einem Neunjährigen, der seinem Großvater zum 90. Geburtstag einen selbstlernenden Avatar schenkt, dessen Programmierungsbefehl laute, den Alten so genau wie möglich zu kopieren, um ihn für den Enkel gewissermaßen unsterblich zu machen. Eigentlich sei die Unterhaltung eher ein Monolog, und der komme in Gang, als der Großvater die Auskunft des Jungen, der Avatar wisse bereits sehr viel, denn er sei mit sämtlichen Reden, Schriften und online-Seminaren von ihm gefüttert, mit der Frage kontert: "Aber kann er denn auch deutsch?" Bei dieser Gelegenheit hätten der Enkel und mit ihm die Leser erfahren, dass der Alte dereinst in Deutschland studiert habe, was in der Familie niemand mehr wusste, so wie seinem Nachkommen ein Land namens Deutschland nicht geläufig war.

Der Arbeitstitel hieß: "Die Deutschen – Ein Nachruf. Der chinesische Weise Chen Hongcai erzählt seinem Enkel vom erstaunlichsten Volk der Erde".


Die Geschichte, führte ich (beim Dinner) aus, werde im Märchenton vorgetragen, und ihr werde als Motto der Satz des Konfuzius: "Vergangenes soll man nicht tadeln" vorangestellt sein. Ich hätte vor, diesem wunderlichen, verschrobenen, närrisch wirklichkeitsfremden, aber durchaus genialen Volk, das sich derzeit in sein mähliches Verschwinden füge, einen von Sympathie inspirierten Epitaph aufzurichten, seinen Charakter, seine Mentalität, seine Leistungen, Fundamentalismen und Irrwege zu erzählen, vor allem aber den deutschen Genius zu rühmen, und wer wäre besser zum modernen Herodot geeignet als ein germanophiler Chinese?

Das Problem bestand nun darin, dass ich mich am selben Abend, weinselig und umgesungenwerdenswillig, dazu breitschlagen ließ, sofort mit dem Buch zu beginnen und es schnellstmöglich niederzuschreiben. Ein kleiner Vorschuss floss (und verschwand in einem neuen Flügel); ich versorgte mich mit Literatur zur chinesischen Geschichte und Geisteswelt und begann mit der Niederschrift. Ein Bekannter, Sinologe, – ich könnte auch schreiben: ein bekannter Sinologe – half mir bei der Frage, inwieweit sich deutsche Kernbegriffe wie Romantik, Bildung (als Selbstvervollkommnung), Obrigkeitshörigkeit, Treue etc. ins Chinesische übertragen lassen. Das Buch hub an mit den Worten:

"An einem sonnigen Morgen in den Tagen der Kleinen Hitze im ersten Jahr der neunten Friedens- und Wohlstandsperiode – nach alter westlicher Zeitrechnung das Jahr 2086 –, besuchte der 16jährige Chen Li seinen Großvater, um ihm zu seinem 90. Geburtstag ein besonderes Geschenk zu machen. Es handelte sich um einen Avatar, den Chen Li auf den Namen Zhu II. getauft hatte und ohne den diese Geschichte weder erzählt noch überliefert worden wäre."

Nun, auch mit ihm wird sie weder erzählt noch überliefert. Ein Grund steht bereits im ersten Satz: das Alter des Jungen. Chen Li wurde bei der Niederschrift immer älter, und zwar je mehr mir der Märchenton abhanden kam. Es gelang mir nicht, die dafür notwendige Distanz zum Thema herzustellen, geschweige denn, aus der Zukunft zu schreiben. (Man könnte es eine momentane Déformation professionnelle nennen; vielleicht finde ich eines Tages wieder zurück zur Distanz.) Chen Hongcai erzählte nicht, was er geliebt hatte, sondern referierte und zitierte bzw. rezitierte abwechselnd wie ein Geschichts- oder Deutschlehrer. Außerdem stellte ich fest, dass sich die Nekrologe auf dieses Land zu häufen begannen. Bei den Buchmessen wurde das schlechte Gewissen vorstellig, weil ich den Verlag auf die jeweils nächste vertrösten musste. In diesem Herbst fand ich zu meiner peinvollen Verblüffung das Buch im Katalog für 2019 angekündigt. Nachdem ich mit immer längeren – zum Teil monatelangen – Unterbrechungen zwei Jahre an dem Text herumgedoktert hatte, teilte ich kurz vor Weihnachten dem Verlag mit, dass ich das Buch nicht beenden werde. Seitdem ist mir wohler.

Da ich weiß, dass einige Besucher meines kleinen Eckladens über diese Mitteilung nicht eben erfreut sein werden, veröffentliche ich hier einen kurzen, selbsterklärenden Auszug aus dem ersten Kapitel des Fragments. Sowie diesen kleinen Passus, der ähnlich selbsterklärend ist:

"Ich bin, als ich ungefähr so alt war wie du, durch einen Bruder meiner Mutter, den ich Onkel Wang nannte, sozusagen mit der Nase auf Deutschland gestoßen worden. Onkel Wang war in seiner Jugend Marxist und ist danach ein Liberaler geworden. Vor allem aber war er ein glühender Bewunderer der deutschen Kultur. Er sah, dass ich unsere Klassiker las, und brachte mir Bücher der deutschen Klassiker mit. Er erklärte mir zum Beispiel, die denkende Menschheit teile sich in zwei Gruppen: die Nachfahren der deutschen Philosophen Hegel und Schopenhauer. Zwischen diesen beiden müsse sich jeder entscheiden, es gebe kein Drittes. Und zwar gleichgültig, ob man je einen Text der beiden Denker je gelesen habe oder auch nur ihre Namen kenne, einem der beiden müsse man folgen. Ich hörte die Namen damals zum ersten Mal. Ich verstand wenig von dem, was Onkel Wang mir erzählte. Von den Büchern, die aus einer sehr weit entfernten Sprache übersetzt vor mir lagen, begriff ich nur Bruchteile. Aber sie machten einen gewaltigen Eindruck auf mich. Während meine Klassenkameraden Sport trieben und anfingen, sich für Mädchen zu interessieren, lernte ich deutsch und las Bücher, seit Onkel Wangs Empfehlung fast nur noch deutsche Autoren. Während meine Klassenkameraden amerikanische und chinesische Popmusik hörten, hörte ich deutsche klassische Musik. Ich besuchte oft ein Mädchen namens Li Xi, die mir zwar nicht besonders gefiel, aber sie spielte wundervoll Klavier. Bach, Mozart, Beethoven, Schubert. Du lieber Himmel, dachte ich damals ergriffen, was ist das für herrliche Musik, es gibt nichts Schöneres auf der Welt! Ich denke es übrigens heute noch. Die arme Li Xi glaubte, ich interessiere mich für sie, doch ich interessierte mich nur für die deutschen Komponisten, die sie mir vorspielte. Ein bisschen schämte ich mich dafür. Sie wurde später eine bekannte Konzertpianistin. Sie spielte auch in Europa. Ich konnte mein Gewissen also damit beruhigen, dass ich sie noch mehr zum Üben verleitet hatte, als sie es ohnehin schon tat."

"Und damals hast du dir gewünscht, in Deutschland zu studieren?"

"Genau das. Als 20jähriger reiste ich, die Zulassung einer der namhaftesten Universitäten des Landes in der Tasche, zum Studium nach München. Wie mir zumute war, hat der französische Schriftsteller Ernest Renan eindrucksvoll formuliert, der mehr als 200 Jahre vor mir dasselbe tat: Ich habe geglaubt, einen Tempel zu betreten."

Chen Hongcai schwieg einen Moment, ehe er fortfuhr: "Nun, das Gefühl zerstreute sich schnell. Ich betrat im Jahr 2016 ein Land, das mit dem meiner Phantasie und Schwärmerei kaum etwas zu tun hatte."

Dieser Übergang passt. Ab morgen wird hier auf bewährte Weise weiter gehetzt!

PS: Dies ist übrigens kein Versuch, sozusagen "über Bande" auf Ermunterung seitens der Leserschaft zu spekulieren, ich möge das Buch doch fertig zu schreiben, wie nunmehr einige freundliche Menschen mutmaßen. Ich fühlte mich lediglich genötigt zu erklären, warum ein bereits an dieser Stelle sowie im Verlagskatalog angekündigtes Opus nun doch nicht erscheinen wird.