Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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29. April 2019


Der grüne Tübinger OB Boris Palmer, der als Mathematiker mit kalter weißer männlicher Logik praktisch vergiftet worden ist, hat angesichts der neuen Bahnwerbekampagne die vor toxischer kalter weißer männlicher Logik triefende Frage gestellt, welche deutsche Bahnkundschaft eigentlich mit dieser Konterfei-Auswahl abgebildet und angesprochen werden solle:

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Die 'tsche Bahn konterte in machtgeschützter Abgeklärtheit, er, Palmer, habe "offenbar zum wiederholten Male Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft". Das mochte zwar mit Palmers Frage im logischen Sinne nicht das Geringste zu tun haben, war aber ungiftig, lauwarm, bunt und superoffen. Was wir hier sehen, Genossinnen und Mitschwestern, ist das Deutschtum in prangender Reinheit, seinen aktuellen Ausdruck findend in einer repräsentativ unrepräsentativen Collation, die so dumm-, dumpf-, knall- und sturheildeutsch daherkommt, wie womöglich niemals eine Kampagne zuvor (zumindest seit der gegen die entartete Kunst). Heil Vielfalt! Haben Sie das endlich verstanden, Palmer? Können Sie überhaupt auf dieser Meta-Ebenen denken, Sie Erbsenzähler? Nicht die Modelle sind typisch deutsch – was liegt an den Models? –, die Kampagne selber ist es, und wenn nötig werden die folgenden noch totaler und radikaler tolerant sein, als wir es uns und vor allem Sie Schnösel es sich heute überhaupt erst vorstellen können!



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Zum Vorigen. Vielfalt, wohin das Auge blickt:



Und es wird noch totaler und radikaler, als wir es uns heute überhaupt erst ...


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Ich weiß nicht, inwieweit die Weißenquote auf den Werbeflächen Südäquatorialafrikas beherzigt wird – wenigstens bei den Stop-Rape-Kampagnen? –, doch blicken wir nicht zurück, sondern in die Zukunft. Leser *** machte mich auf einen cleveren Google-Algorithmus ausfmerksam, der auf den Suchbegriff "american inventors" diese radikal repräsentative Auswahl offeriert. In der deutschen Version zeigen sich denn wieder Defizite, aber die Kolonie braucht ja immer ein bisschen länger als das Mutterland. Einstweilen unlösbar im Sinne von Vielfalt und Toleranz erscheint das Problem bei dieser Blütenlese, but "we work on it" (Marc Zuckerberg in ähnlichem Zusammenhang zu A. Merkel).

PS: Immer auf Draht, die Eckladenbesucher: "Man könnte tats. zunächst vermuten, dass diese seltsamen Suchergebnisse durch Manipulation zustande kommen", notiert Leser ***, "aber es gibt auch (mögliche) technische Erklärungen dafür", und zwar hier.


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Leider schwächeln die Medien, die von solchen Triumphen künftig künden könnten bzw. müssten. Die verkaufte Auflage des Spiegel sank vom ersten Quartal 2012 (933.000) zum ersten Quartal dieses Jahres auf 701.000 Hefte; der stern brach noch weit eindrucksvoller ein (826.000 auf 476.000). Sogar das Neue Deutschland, die einzige täglich gedruckte offizielle Grabbeigabe, verlor stark (69.000 auf 45.000); wahrscheinlich aber seltener durch Abbestellung als durch Ableben. 

Nicht unerwähnt lassen darf ich hier Focus, ein mir und manch anderen von früher her bekanntes Medium, das Monat für Monat mit neuen sogenannten all time lows aufwartet, also gewissermaßen ein Auflagen-Limbo mit sich selbst veranstaltet, denn da kommt nicht einmal der stern mit. Der Focus-Kioskverkauf lag zuletzt bei 35.555 Exemplaren; wen es durchaus nach Ursachenforschung gelüstet, bitteschön, ein Passus aus einem Interview mit dem russischen Oligarchensohn Emin Agalarow in der aktuellen Ausgabe:



Einen Mann, der als Narr und Clown verspottet wurde, als er zum Wahlkampf antrat, dem niemand eine Chance gab, der dennoch gegen alle Prognosen Präsident des mächtigsten Landes der Erde wurde und seither Freund und Feind in Dauerregung versetzt, weil er tatsächlich seine Wahlversprechen hält und gegen sämtliche Widerstände beharrlich durchsetzt, der seinem Land einen Wirtschaftsaufschwung beschert, gute Chancen besitzt, wiedergewählt zu werden, und sich jetzt schon in Klios Annalen ein eigenes Kapitel verdient hat, einen solchen Mann als politisch erfolglos zu charakerisieren, das ist so brüllblöd, dass man Interviewerin und Textabsegner sofort feuern müsste, oder aber es ist eine famose Satire – das Folgestöckchen, welches die Interviewerin hinhält, lässt beide Versionen zu –, wobei für Letzteres der Einzelverkauf spricht (35.500 Käufer, das ist für ein Satiremagazin ein guter Schnitt), während es sich andernfalls früge, weshalb überhaupt jemand vier Euro fünfzig oder was das Ding kostet hinlegt, statt von dem Geld irgendeinem Dreijährigen ein Eis zu kaufen und sich lieber dessen Geplapper anzuhören...

35.500 – das sind so viele Leser, wie im kleinen Eckladen in zwei Tagen vorstellig werden, und ich kann mich als einer, der am so märchen- wie kometenhaften Aufstieg dieses drolligen Magazins von Anbeginn mittat, noch entsinnen, dass ich Anfang 1994 die Titelgeschichte des Heftes geschieben habe, das erstmals die 700.000-er Marke durchbrach (aber nicht nur Kiosk-, sondern Gesamtauflage), nämlich diese. Auf mögliche Zusammenhänge mag sich jeder seinen eigenen Reim machen.


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Mit zwei Verlinkungen auf Youtube-Mitschnitte, die Sie, geneigter Leser, sich nicht entgehen lassen sollten (denn Ihnen entginge Brillanz), will ich es für heute bewenden lassen. Der erste demonstriert vorbildlich, wie man mit politisch Verhaltensauffälligen entspannt und souverän umgeht und mag als ein schönes Exempel gelten, dass die neue Superfraktion der Rechtspopulisten im Europaparlament personell gut aufgestellt sein wird (hier). Der zweite führt zu einem allmählich alten Bekannten und mephistophelischen Schwefelbuben, der ebenfalls intellektuell unterfordert ist, aber präzise alles Nötige zu einer Agitprop-Studie vorträgt (hier).

Ich wünsche eine gesegnete Nachtruhe!