Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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13. Mai 2019



Der Sommer naht nicht mehr – er droht.


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Sigmund Freud war ein Entdecker wie Kolumbus oder Alexander von Humboldt, nur dass der Kontinent, den er zu erschließen begann und mit viel unfreiwilligem Humor beschrieb, sich im Innern des Menschen erstreckt. Jüdischer Geschäftssinn überantwortete ihn dann dem Individual- und Abenteuertourismus.


PS: Ob aus der Formulierung "jüdischer Geschäftssinn" nicht "ein Hauch Antisemitismus" dünste, quölle oder stänke, erkundigt sich Leser *** und wäre "sehr beruhigt, wenn Sie mir diese Bemerkung erklären könnten". Puh, es ist schon erstaunlich, dass jede öffentliche kollektive Zuschreibung, außer vielleicht über Nazis, Sachsen und alte weiße Männer, auf einen politisch korrekten Eiertanz hinauslaufen soll. Frage: Gibt es den jüdischen Geist? Ja, gewiss, und die Psychoanalyse ist ein spezielles Produkt dieses Geistes (übrigens schon im Buch Bereschit, also der – bekanntlich jüdischen – Genesis angelegt, nämlich in den pharaonischen Traumdeutungen Josephs). Frage zwei: Gibt es einen jüdischen Geschäftssinn? Natürlich gibt es den, und es existieren viele Beispiele dafür. Deren einer ist die die Psychoanalyse als Geschäft, zumindest in der ersten Generation vorwiegend von jüdischen Therapeuten etabliert (wobei die Therapie die praktische Eigenschaft besitzt, nie enden zu müssen).
Ich fände es ja eher "antisemitisch", beides zu bestreiten, aber da geriete ich wahrscheinlich mit den echten Antisemiten aneinander...


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In der DDR wurde bekanntlich der Antifaschismus als jene Staatsreligion gelehrt, die den "rotlackierten Faschisten" (Kurt Schumacher) die Legitimation für ihr eigenes totalitäres Treiben verschaffen sollte. Für uns Schüler bedeutete das damals, dass wir mit Lektüren und Filmen traktiert wurden, worin man uns kommunistische Kämpfer präsentierte, die den – aus Inzestscheu stets "Faschisten" geheißenen – Nationalsozialisten und ihren Verbündeten tapfer die Stirn geboten hatten. Von den Mord- und Schandtaten der Roten erfuhr unsereins erst, nachdem Genosse Gorbatschow im fernen Moskau von Glasnost zu reden und der realsozialistischen Klio das Mieder zu lockern begonnen hatte, wovon die Ostberliner Genossen freilich nichts wissen wollten – die Zeitschrift Sputnik wurde von den SED-Vögten wegen ihrer sanften Neujustierungsarbeiten an den historischen Korsettstangen des Ostblocks sogar verboten.

Ich hatte bis dahin von Stalins oder gar Maos Verbrechen nur allervageste Ahnungen, und man kann nicht behaupten, dass im Westfernsehen davon groß die Rede war. Ich wusste nicht oder tat es als Propaganda ab, dass die Kommunisten auch ihre eigenen Leute hekatombenweise hingerichtet hatten. Am Übelsten fand ich freilich, dass sogar im spanischen Bürgerkrieg die Exekutionskommandos hinter den Linien umgingen, um denjenigen Kämpfern, die von der reinen stalinistischen Lehre abweichende Ideen im Kopf trugen, ungerührt in denselben zu schießen, wobei spätere Parteihistoriker die Ermordeten ähnlich ungerührt den Franco-Leuten ins Kerbholz schnitten. (Noch heute habe ich den Schauspieler Horst Schulze vor meinem inneren Auge, wie er in der letzten Szene des DEFA-Filmes "Hans Beimler, Kamerad" durchs Zielfernrohr eines Scharfschützen der Falange läuft, wo es doch weit wahrscheinlicher ist, dass Beimler von seinen eigenen Leuten ins Reich der Freiheit vorausgeschickt wurde.)    

Das war jetzt vielleicht ein bisschen zu viel des Vorgeplänkels, aber mit dem Hinweis auf gewisse Unvergesslichkeiten aus propagandadurchwirkten Schuljugendtagen bin ich immerhin bei der Sache und kann auf eine Szene aus dem Theaterstück "Professor Mamlock" von Friedrich Wolf überleiten, welche sich mir offenbar ebenfalls nachhaltig eingeprägt hat; ein Hirnschwamm, den Dr. Alois Alzheimer anno 1906 erstmals der Forschung zugänglich machte, wird eventuell dermaleinst entscheiden, wie lange noch.   

Das Stück schrieb der Arzt und Kommunist Wolf, dessen Spross Markus später die legendäre Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung, also die DDR-Auslandsspionage leitete, im Jahr von Hitlers Machtergreifung im Exil. Die literarische Qualität des Werkleins ist hier nicht Thema. Professor Mamlock wird 1933 als chirurgischer Chefarzt einer Klinik entlassen, weil er Jude ist (also abwechslungshalber mal kein Kommunist, aber sein Sohn ist einer). Ein einflussreicher Bankier, der für eine dringende Operation in die Klinik eingeliefert wird, besteht aber darauf, von Mamlock behandelt zu werden. Da der Professor im Weltkrieg als Frontsoldat dem Vaterlande gedient hat und ein neues Gesetz jüdischen Kriegsteilnehmern die Arbeit in öffentlichen Institutionen erlaubt, darf er an die Klinik zurückkehren.

Dort legt ihm sein einstiger Assistenzarzt und nunmehriger Chef, Dr. Hellpach, ein Papier zur Unterschrift vor, in dem die Entlassung aller anderen jüdischen Mitarbeiter verfügt wird. Mamlock protestiert, beruft sich auf das "in der Verfassung feierlich verbürgte Recht, daß alle deutschen Bürger ohne Unterschied der Rasse und des Standes vor dem Gesetze gleich sind" und erklärt dem SA-Mann Hellpach: "Die Regierung kann riesige Volksmassen in Bewegung setzen, formieren und kommandieren, sie kann keine Überzeugungen kommandieren! Die Regierung erhielt von der Volksmehrheit ihr Mandat: Sie kann Gehorsam fordern, aber keine Gesinnungslumperei! Gewissenszwang aber, Herr Kommissar, erzeugt Knechtseelen, Feiglinge, Denunzianten und Gesinnungslumpen!"

Der Professor fügt der Entlassungsliste stattdessen seinen eigenen Namen hinzu. Daraufhin verfasst Hellpach ein zweites Papier, dem zufolge die Mitarbeiter der chirurgischen Station aus Regierungstreue und patriotischen Stücken eine weitere Zusammenarbeit mit dem Professor ablehnen. Im Beisein Mamlocks zitiert er alle Ärzte, Pfleger und Schwestern zum Unterzeichnen herbei. Natürlich unterschreiben sie durchweg, mit den zu allen Zeiten gleichen Heucheleien und Entschuldigungen auf den Lippen. Nur eine junge Ärztin verweigert die Unterschrift, Dr. Inge Ruhoff, eine enthusiastische Nationalsozialistin. Und nun kommt die Stelle, von der ich sagte, dass ich sie nie vergessen habe:

Dr. Hellpach: Sind Sie noch Pg.? Gehören Sie noch zur Bewegung?

Dr. Inge: Wenn Ihr Verhalten das Verhalten der Partei ist, nein!

Dr. Hellpach: Angesteckt (gegen Mamlock) von dem?

Dr. Inge: Aufgeklärt von Ihnen, Herr Kommissar! – Ja, Herr Kommissar, auch mir war die Partei alles, diese riesenhafte Bewegung mit ihren Ideen, ihren Kämpfen, ihren Zielen, alles! – Sauberkeit, Mut, Wahrhaftigkeit, Kameradschaft... jawohl, ausmisten wollten wir, hinauswerfen die Feiglinge, die Profitjäger, ein neues wahrhaftiges Geschlecht sollte im Aufbruch sein...

Dr. Hellpach: Es ist im Aufbruch!

Dr. Inge: Wir wollten dem "jüdischen Händlergeist", den Duckmäusern, Schiebern den feigen Nutznießern neue Gestalten entgegensetzen, die Gestalt des Kriegers, des Kämpfers, des ritterlichen Menschen...

Dr. Hellpach: Daran wird es nicht fehlen.

Dr. Inge: Es wird daran nicht fehlen, richtig, Herr Kommissar, aber auf welcher Seite sind hier die Kämpfer und auf welcher die Kriecher? Wo steht hier der letzte Ritter, der Soldat seiner Überzeugung, und wo stehen die anderen?

Und nun richten wir unsere Blicke in die deutsche Gegenwart, keineswegs um irgendetwas gleichzusetzen, ja nicht einmal, um etwas zu vergleichen, nur auf der Suche nach der Seite, wo sich die meisten Kriecher, Knechtseelen und Gesinnungslumpen sammeln, heute nicht mehr unter Bannern, sondern unter Hashtags wie "#wirdsindmehr" oder bei der "Erklärung der vielen"...



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Der Knechtseelen und womöglich gar Gesinnungslumpen einer ist, bei aller unterstellbaren Satirüberbietungsgeneigtheit, der Reiseschriftsteller und PEN-Vizepräsident Ralf Nestmeyer, dessen Bekenntnis zur Staatsführung und spätes coming-out als oppositionsfeindliche Hofseele bei dafür Empfänglichen wehmütige Erinnerungen an die ja immerhin sprachbegabte Honecker-Schranze Hermann Kant zu wecken vermag. Folgende Bekenntnisse entließ Nestmeyer im Interview mit der Deutschen Welle der geblähten Brust:

1. Er sehe "in Deutschland eine Tendenz, dass die Meinungsfreiheit bedroht ist" – durch die Rechtspopulisten, indem sie von ihr übermäßigen Gebrauch machten.

2. Proteste "von der rechten Seite" führten "oft zu Gewaltausbrüchen" – diskret unterließ er es zu erwähnen, dass diese Gewalt in neundreiviertel von zehn Fällen von Linksextremisten ausgeht, weiß aber eh jeder.

3. "Die Freiheit des Wortes ist ganz wichtig für den PEN. Wir versuchen, Offenheit zu schaffen und ein möglichst breites Diskussionsspektrum zu ermöglichen." Aber "nahezu alle, wenn nicht sogar alle Positionen" der AfD seien "untragbar"; es sei folglich und füglich "obsolet, sich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen".

4. Durch Deutschland erstrecke sich nicht nur der indiskutabel gefährliche blaue Pfuhl, sondern "glücklicherweise eine ganz tolle Medienlandschaft". Er habe "keinen Zweifel daran", vertraut also blind darauf, dass die Berichte "renommierter" Medien und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks "auf gründlicher Recherche basieren. Da kann es immer mal wieder einen kleinen Ausrutscher geben – siehe der Fall Relotius beim Spiegel –, aber das ist dann im Promillebereich." (Vielleicht sollte man die Relotiaden tatsächlich aus der Promille-Perspektive betrachten; schließlich ist auch bei der DDR-Presse gesoffen worden, was die von über sie laufenden Läusen lädierten Lebern hergaben.)

5. Der PEN "sieht keine Veranlassung für eine direkte Interaktion mit der Neuen Rechten. Wir wollen nicht in einen Dialog treten, weil deren Agitation nicht des Dialogs würdig ist. Es ist verlorene Liebesmühe, diesen Gedankenstrukturen zu folgen." Die Freiheit des Wortes ist zwar wichtig für Le PEN, aber "ein möglichst breites Diskussionsspektrum" ist eben nicht dasselbe wie ein breites.

Aus dem Juste Milieu dringen inzwischen täglich aggressive geistige Bankrotterklärungen.


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Wegen der "hohen Zahl" von Messerangriffen befasst sich der Bundesrat mit einem Änderungsvorschlag für das Waffengesetz. Der Antrag stammt von den Ländern Bremen und Niedersachsen; allein in Niedersachsen wurden 2018 von der Polizei 3754 Taten mit Stichwaffen registriert. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte bereits vor Monaten "angesichts offenbar zunehmender Messerangriffe" eine "gesellschaftliche Grundsatzdebatte über wirksame Gegenmaßnahmen" gefordert. Nun will man Messerverbotszonen schaffen, vor allem dort, "wo sich viele Menschen aufhalten, etwa in Fußgängerzonen, Einkaufszentren, öffentlichen Verkehrsmitteln oder rund um Kindergärten und Schulen". Dort könne "das Führen von Messern jeglicher Art untersagt werden" (hier).

Das wird bestimmt Eindruck machen. Denn wenn das Führen von Messern untersagt wird, dämmert auch dem Letzten, dass wahrscheinlich auch das Zustechen verboten ist. Fragwürdig bleibt, warum die Länder angesichts der seit 1949 konstanten Zahl der Messerattacken pro Stich jetzt auf einmal Präventionsmaßnahmen aushecken. Das ist geeignet, die Bevölkerung zu verunsichern, Vorurteile und Ängste zu schüren, Generalverdächte gegen Gruppen zu erzeugen und den Rechtspopulisten in die gezinkten Karten zu spielen.