Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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30. Juni 2019

"Frauenfußball. Mag ich beides."
Leser ***



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Seenotrettung bedeutet, ein seeuntüchtiges Schiff, auf dem sich Menschen befinden, die es offenbar mit dem Vorsatz bestiegen haben, gerettet zu werden, an die nächstgelegene Küste zu bringen. Alles andere ist Schlepperei.


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Die Sonntage immer...!

Paintball nennt sich ein Geländespiel, bei dem womöglich etwas infantile Männer mit Farbmunition aufeinander schießen; wer getroffen wird, scheidet aus. Die deutsche Version heißt Brownpaintball und ähnelt dem Völkerball, das heißt, es darf nicht jeder schießen, aber alle außer den Schützen kommen als Ziele infrage, und wer nicht ausweicht oder sich rechtzeitig zu Boden wirft, ist draußen. Zurückschießen oder -werfen ist gegen die Spielregeln und gilt nicht. Geschossen wird in der Regel von Schreibtischen in Zeitungsredaktionen, TV-Journalen und Amadeu-Stiftungen; zuweilen reihen sich auch Parteifunktionäre, Intendanten oder Kirchenvertreter unter die Jäger. Ein Verletzungsrisko besteht nur für die Getroffenen.

Vor kurzem ist eine Brownpaintball-Partie – meines Wissens erstmals – in der Bildenden Kunst thematisiert worden, und zwar von Deutschlands berühmtesten Maler, von Neo Rauch. Das heißt, Rauch hat ein Bild gemalt, das einen Mitspieler darstellt. Dieses:

IMG 1768

Es ist kein schönes Bild, aber es ist auch kein schöner Sport. Das Opus ist auf der Webseite Anbruch. Magazin für Möglichkeiten, so beschrieben:

"In dieser unzweideutigen Erwiderung sind Künstler und Kritiker offenbar zu einer Figur verschmolzen, die auf dem beengten Dachboden mit ihren eigenen Fäkalien eine Silhouette auf die Leinwand schmiert, deren rechter erhobener Arm in Richtung des Atelier-Fensters ausgerichtet ist, durch das Hitler von außen aufmerksam – und womöglich auch mit Genugtuung ob seiner unverminderten Gegenwart im bundesdeutschen Diskurs – hineinzublicken scheint, während sich am unteren linken Bildrand Ausgaben der taz stapeln."

"Erwiderung" steht dort. Das heißt, mit diesem Bild reagiert der Maler auf irgendetwas. Dieses Irgendetwas biwakiert bei Zeit.online hinter der Bezahlschranke, und so gern ich mein Geld für Wein, Bücher, Restaurants oder gelegentlich an einen mir sympathischen deutschen Bettler verschwende (wie sie speziell im Reichshauptslum zuhauf lungern und zuwendungssuchend durch die Bahnen strawanzen), so sehr widerstrebt es mir, das allgemeine Zeitungssiechtum durch verantwortungslose Panikkäufe in die unverdiente Länge zu ziehen. Der Vorspann genügt ja. "Auf dunkler Scholle" lautet die Überschrift – Scholle, soviel ist klar, bedeutet Blut & Boden –, darunter folgt:   

"Kunst muss autonom sein, davon waren Linke und Liberale lange überzeugt. Doch das verändert sich gerade. Jetzt treten rechts gesinnte Künstler als letzte Verteidiger der Kunstfreiheit auf".

Ich weiß nicht, welche Linken das Hamburger Schnarchtantenblatt meint. Gramsci? Lenin? Schdanow? Lukács? Kurt Hager? Die Gruppe 47? Kevin Kühnert? Die Linke war seit je ein dezidierter Gegner der künstlerischen Freiheit, gerade Linke haben den Typus des autonomen Künstlers als Hofnarren des Kapitals, Bewirtschafter des falschen Bewusstseins, fortschrittsfeindlichen Ästheten etc. pp. verspottet, und sobald sie irgendwo herrschten, war sowieso Schluss mit der Unabhängigkeit und Freiheit der Kunst.

Die Liberalen wiederum sind längst aus dem toleranten Zeitalter der Liberalität in das zelotische des Liberalismus rochiert. Der schwarzrotgrüngelbe Allparteien-Liberalismus agiert heute illiberal gegen alles Nichtliberalistische und beteiligt sich an der Verfemung sämtlicher Künstler, in deren Werk die Ideologie des Liberalismus – Multikulti, open borders, Ehe für alle etc. – keinen zentralen Platz hat. Dass Kunst autonom sein müsse, ist eine Forderung, die in der westlichen Welt allenfalls zugunsten dezidiert linker Künstler erhoben wird.

Den Zeit-Text hat ein Kunsthistoriker namens Wolfgang Ullrich geschrieben, und auf der eben erwähnten Webseite des Anbruch zitieren sie ein bisschen daraus. Herr Ullrich bescheinigt dem Maler, er weiche "der verhassten Gegenwartsgesellschaft aus. Im Spiel mit leicht surrealen Bildräumen schafft er eine autonome Gegenwelt, mit viel Platz für unerfüllte Sehnsüchte."

Das taten sehr viele Maler zu nahezu allen Zeiten, daran ist nichts Außergewöhnliches. Die Trigger-Vokabel lautet "verhasst". Ich weiß nicht, ob Neo Rauch "die" Gegenwartsgesellschaft hasst, mir ist nicht bekannt, dass er dergleichen je bekundet hätte. Aber nach Blut & Boden haben wir jetzt auch Hass & Hetze im Sortiment. Die Klischees dieses sehr gewöhnlichen, aber unspeziellen Hetzers schnappen schneller ein als Zeit-Abonnentinnen beim Blusenkauf. Und wozu der Hass als symbiotische Klette gehört, ist ja bekannt:

"Die Distanz zur Gesellschaft lebt man nicht mehr als Bohemien aus, sondern begibt sich in eine Wahlverwandtschaft zu Reichsbürgern und Preppern, die sich in ihrem Bunker auf die finale Katastrophe vorbereiten."

Kurz: Neo Rauch begibt sich in Wahlverwandtschaft zu Verrückten und Staatsfeinden, ungefähr so wie der Herr Ullrich zu Blockwarten und Stasi-Denunzianten. Die sogenannten Reichsbürger bestreiten die Existenz der BRD als souveräner Staat, sie tun praktisch nichts anderes als die letzten zwölf US-Präsidenten oder die EU-Kommission, aber sie sind halt deutsche Staatsbürger, und da bringt das gewisse Probleme mit sich. Ob diese Freaks wirklich so gefährlich für den Bestand der Bundesrepublik sind, wie oft zu lesen, wage ich zu bezweifeln, zumindest halte ich sie nicht für gefährlicher als die Libanesen-Clans, die Salafisten oder die Antifa. Prepper indes sind Personen, die sich in ihren Wohnungen oder wohl meist Häusern auf Katastrophen jeglicher Art vorbereiten, indem sie beispielsweise Nahrungsmittel horten, sie gelten als etwas närrisch, werden allerdings, sollte es beispielsweise einmal zu einem deutschen Blackout kommen, als vernunftgesteuerte Genies der Vorsorge gelten.

Rauch, heißt es weiter, benutze seine Prominenz, um "das politische Klima in Deutschland zu verschieben". Anders als Campino, Grönemeyer, Lindenberg, Böhmermann, Berben, Kebekus etc.pp., wobei ich bitte, das mit der Prominenz cum grano salis zu nehmen. Aber Rauch schiebt das Klima, statt sich in dessen Rettungsfront einzureihen, nach "rechts". Eine These, "auf deren Begründung auch der aufmerksamste Leser im Weiteren freilich vergebens wartet“, wundert sich der Anbruch-Autor. Konkreteres lesen wir demnächst im "Protest der Richard-Wagner-Geburtsstadt Leipzig" gegen eine in ihrer Mitte entartete Schule.

Der in seinem Habitus und seiner Attraktivität mit Rauchs rasch hingehauenem Bild recht famos getroffene Kotwerfer hat übrigens zuletzt ein Buch über Selfies geschrieben, dessen Klappentext sich wie eine Bewerbung bei bento liest:

"Die Grimassen und digitalen Nachbearbeitungen von Selfies stehen in einer langen kulturgeschichtlichen Tradition von Masken und Theaterspiel. Mit Selfies machen Personen sich selbst zum Bild; damit entsteht durch sie nicht weniger als eine neue Form von öffentlichem Leben (...). Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich zeigt, dass Selfies als erster Typus einer demokratisierten wie auch einer globalisierten Bildkultur gelten können und dass sich in ihnen lang gehegte Utopien erfüllen."

Denunziantentum "gegen rechts" und Narzissmus, diese Verbindung ist enorm en vogue; ein paar unappetitliche Prototypen habe ich aufgezählt. Aber die Konkurrenz ist zahllos, und niemand wird sich den Namen dieses Fliegengewichts merken müssen. 


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Nicht ohne Rührung lese ich in Andreas Vonderachs sehr empfehlenswerten Buch "Völkerpsychologie. Was uns unterscheidet", dass der Franzose Bernard Nuss, der 1993 ein Buch namens "Das Faust-Syndrom" veröffentlicht hat, ein typisch deutsches Bedürfnis darin erblickt, dem Leben einen höheren Sinn zu geben, es einer großen Aufgabe zu weihen – Wir schaffen das! 200 Seiten später konstatiert Vonderach lakonisch, das Bedürfnis nach Sinn sei nach Ansicht einiger völkerpsychologischer Autoren ein westlicher Mythos und keineswegs ein universales Bedürfnis des Menschen.


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Was macht eigentlich die Intelligenzpresse? Zum Beispiel solche Überschriften.


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Die Monatsendfigur muss wieder vorstellig werden. Wahrscheinlich in einem Anflug von Nostalgie möge sie es sein:

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Hier ist die Lady live zu sehen. Notfalls eben einfach ohne Ton abspielen.

Wie immer zum Monatsende geht auch heute die Kollekte um, mit einem Vergelt's Gott an alle, die sie im vergangenen Monat zum Klingen brachten; alle anderen klicken bitte hier.