Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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2. Juli 2019


"Jede Abweichung ist per se dümmer als die Regel."
Peter Hacks

PS: Nachdem diverse Leser vornehmlich naturwissenschaftlicher Observanz Widerspruch anmeldeten: Dies ist ein ästhetisches Bonmot.

PPS: Muss ich einigen Besuchern des kleinen Eckladens jetzt tatsächlich erklären, dass zwischen den Sphären der Logik und der Bonmots nur eine winzige Teilmenge besteht? Credo quia absurdum est, heißt es (bei Tertullian: ineptum). "Reisen verengt den Horizont." (Chesterton). "Ich habe gehört, die Dinger wirken auch, wenn man nicht an sie glaubt" (Nils Bohr zum Hufeisen über seiner Haustür). Gerade der Widersinn soll ja den Gedanken hervorkitzeln, gerade die Verletzung des Logischen daran erinnern, dass auch der Trottel und der Teufel sich der Logik bedienen und alle Logik Glaubenssache ist (das war jetzt wieder ein Bonmot).


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Inzwischen haben auch die Straßenbahnen Monitore, und soeben erfuhr ich nahezu unausweichlich, dass irgendein Hollywood-Sternchen heute Geburtstag hat (und nicht etwa Gluck oder meinethalben Hermann Hesse, die sind ja auch tot); in der nächsten Sequenz ward mitgeteilt, dass der "Ellen-Ammann-Preis" diesmal an eine Frau verliehen wurde, die "geflüchtete Frauen und Kinder" aus den Massenunterkünften rette. Dort seien sie nämlich "großen Gefahren ausgesetzt. Jana Weidhaase will sie vor Übergriffen bewahren", wie nahezu wortgleich der Süddeutsche Beobachter mitteilt. Aber warum? Vor den Gefahren sind sie doch geflohen und glückhaft gerettet worden. Sind schon wieder Nazis, Reichsbürger, Pegidisten am rattenhaften Werk? Nein, die Gewalt kommt von drinnen. "Massenunterkünfte sind allein durch ihre Struktur gewaltfördernd", sagt die Preisträgerin, das gelte für jede Art von Gewalt, nicht nur für sexualisierte. Falls jemand glaubt, es habe etwas mit den Insassen zu tun – nicht die Spur! Sie sind wohl Rassist? Wenn die Geflüchteten erst mal mit Haupt- und Nebenfrau in der Sozialwohnung residieren, gibt auch der böse Trieb nach der Tochter im Zimmer nebenan Ruhe. Außerdem: Was meinen Sie denn, wie es auf der "Gustloff" zuging! Ein Gang Bang nach dem anderen, erst SS, dann Wehrmacht, dann Arbeitsdienst, aber hallo!

PS: Sehr geehrter Herr Klonovsky, obwohl damals Kind, kann ich mich noch recht gut an 1989 erinnern. Da wurden auch viele 'Geflüchtete', übrigens wie 2015 überwiegend über Ungarn oder die Tschechoslowakei kommend, in westdeutschen Massenunterkünften wie Turnhallen oder unterbelegten BePo-Kasernen untergebracht. Allerdings kamen mir damals weder von Eltern- noch Medienseite irgendwelche Berichte über sexualisierte Gewalt in diesen Behausungen zu Ohren. Mir stellt sich also die Frage: Wie können sich Massenunterkünfte in 30 Jahren so zum Negativen entwickeln? Ich denke, da liegt ein gesamtgesellschaftliches Versagen unbekannten Ausmaßes vor."


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Der Bundespräsident hatte die Wahl zwischen den Zahlen des BKA und denen der Amadeu-Antonio-Stiftung und hat sich seriöserweise für Letztere entschieden, die Überlegenheit der Stasi-Ermittlungsmethoden noch im Nachhinein anerkennend. "Fast 200 Menschen sind seit 1990 zu Opfern rechtsextremer Gewalt geworden. Dazu kommen zunehmende antisemitische Angriffe", sagte Steinmeier bei einer Rede zum 70 Jahrestag der dpa (die er vielleicht ein paar Hascherln, aber nicht mir, der ich 25 Jahre in dieser Branche gearbeitet habe, als objektive Nachrichtenagentur verkaufen kann). Das BKA spricht von 75 Todesopfern bis 2015. Was den zweiten Satz angeht, der mit dem ersten so gut wie nichts zu tun hat: Da versucht mal wieder einer, den Nationalsozialisten Katyn ins Kerbholz zu furchen, denn von wem die antisemitischen Angriffe verübt werden, weiß jeder inclusive des verheuchelten restdeutschen Ersatzkönigs. Die Taten derjenigen, die unsere flotten Rechtextremisten gern außer Landes jagen würden, den Rechtsextremen selber zuzuschreiben, ist natürlich ein echter Coup, wie ihn bekanntlich schon Gerhard Schröder mit seinem "Aufstand der Anständigen" inszenierte, nachdem zwei Araber eine Synagoge in Düsseldorf angegriffen hatten.  

Wieviele Todesopfer die migrantische Gegenseite in diesem "molekularen Bürgerkrieg" (H. M. Enzensberger) produziert hat, erwähnt Steinmeier naheliegenderweise nicht; die Zahl ist seit 1990 gewiss ins Vierstellige gewachsen, und irgendwie sind das auch alles Opfer rechter Gewalt. Der Kampf rechts gegen rechts steht erst am Anfang.


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Am Sonntag hielt ich in der Nähe von Bamberg bei einem Treffen der Jungen Alternative eine Rede, die sich mit der reizvollen Thema beschäftigte, wie "konstruiert" ein Etwas namens "Volk" sei. Also mit der Frage, ob Heribert Prantl, wenn er morgen zu den Tsonga auswanderte, einen Lendenschurz aus Ziegenfell anlegte, Fußrasseln umbände und sich in den Fruchtbarkeitstanz einreihte, fortan ein Bantu wäre. Unmöglich kann ich den geneigten Besucher des kleinen Eckladens bei diesem herrlichen Wetter mit dem gesamten, im Grunde nur aus Abschweifungen bestehenden Text traktieren. Nur einen kurzen Auszug will ich hier einrücken. Nämlich:

Dass diese Frage sozusagen in der Luft liegt, hängt damit zusammen, dass der momentane Zeitgeist in der westlichen Welt von Kräften bestimmt wird, die den Wunsch hegen, dieses Etwas namens Volk möge als ein Konstrukt gelten, weil es dann leichter abgeschafft werden kann. Wo es kein Volk gibt, gibt es nämlich auch keine Heimat, und wo es keine Heimat gibt, darf sich jeder heimisch fühlen. Es handelt sich also um einen normativen Gedanken, dessen Vater bzw. Elter 1 der Wunsch ist. Ein reines Konstrukt kann man ja nicht abschaffen. Der Zweck des Konstruktivismus ist nicht die Konstruktion, sondern die Dekonstruktion.

Wie alle Flüsse ins Meer strömen, sollen sich alle Völker und Nationen in den Ozean der Weltzivilisation ergießen und vereinen. Mag sein, dass nicht nur die linken Globalisten und die internationalen Konzerne das so wünschen, sondern auch der Weltplan dergleichen vorsieht. Dann wird man aber, um in diesem Bilde zu bleiben, konstatieren müssen, dass es die Flüsse tatsächlich gibt. Die progressivsten unter den Gesellschaftsozeanographen indes behaupten, die Existenz verschiedener Ströme sei halb Einbildung, halb Ideologie, vereint zum Vorurteil, alle Wasser seien gleich, alle flössen längst im selben Delta. Sie bestreiten sogar, dass ein Unterschied zwischen Süß- und Salzwasser besteht.

Wie konstruiert also ist "Volk"? Der erhebliche und auch nachhaltige deutsche Denker Robert Habeck zum Beispiel hat gesagt, es gebe kein deutsches Volk. Wenn das stimmt, dann gibt es keine verallgemeinerbaren deutschen Eigenarten, denn wer sollte sie besitzen? Ich habe verschiedene Gründe, darüber nachzudenken. Zum Beispiel, weil ich ein Mitglied und das vergleichsweise machtlose Oberhaupt einer multiethnischen, multireligiösen Familie bin, die mein Bruder inzwischen bis nach Tansania ausgedehnt hat. Aber der eigentliche Grund besteht darin, dass man mit dieser These versucht, mir etwas wegzunehmen. Unter uns helldeutschen Betschwestern kann ich ausnahmsweise verraten, was.

Fast alles, was ich hasse, ist deutsch. Fast alles, was mich anwidert, ist deutsch. Fast alles, was ich verachte, ist deutsch. Wenn es dieses Deutsche nun gar nicht gibt, wie immerhin ein Mann behauptet, der deutscher Kanzler werden will, Kanzler eines Konstrukts gewissermaßen, dann bin ich wahrnehmungsgestört und muss sofort zum Psychiater. Und zum Augenarzt. Sogar meine Nase und meinen Gaumen müsste ich kontrollieren lassen. Vielleicht bilde ich mir nur ein, dass ich Wein trinke, und tatsächlich ist es Kommodenlack.

Einstweilen wehre ich mich gegen die Unterstellung, dass ich verrückt bin und Gespenster sehe. Was mir im Reichshauptslum Berlin entgegenkommt, den linken Teil des Schädels kahlrasiert, blaue Strähnen rechts, ein Pfund Blech gleichmäßig im Gesicht verteilt und ansonsten großzügig tätowiert, im Unterhemd, mit zerfetzter Jeans, Wagner für einen Pizzafabrikanten und den Kapitalismus für den Weltfeind haltend, aber für einen Sexisten immer noch irgendwie als weiblich erkennbar, ist erstens kein Konstrukt und zweitens: deutsch! Der Internetauftritt der grünen Jugend, eine Hüpfburg hysterischer Kretins und geschlechtsneutraler Teletubbys, neben der ein Zigeunerhaus wie eine Palladio-Villa wirkt: deutsch! Der Staatskirchenparteitag der Mösenmaler: deutsch! Die tägliche schwarze Messe um das Alien aus Braunau und seine unsühnbare Teufelsherrschaft: deutsch! Die Gier nach Gleichheit, die Verhöhnung des Besonderen, Artifiziellen, Verfeinerten: deutsch! Die Bereitschaft, im Kollektivrausch politischen Übergeschnappten zu folgen und sich den Kopf lustvoll an der dicksten Wand einzuschlagen, ob nun 1918, 1941 oder 2015: deutsch! Infantile Horden, die durch die Straßen laufen und skandieren: "Hoch mit dem Klima, runter mit der Kohle!": deutsch! Schamlosigkeit und Vulgarität, verkauft als Authentizität und Natürlichkeit: deutsch! Anton Hofreiter, Sascha Lobo, Konstantin Wecker und Claudia Kipping-Eckardt: deutsch! Fernstenliebe aus Mangel an Nächsten, kinderlose Frauen, die eigene Kinder unter Klimaschädlinge rubrizieren, aber afrikanische Kinder am Bahnhof mit Teddys begrüßen: deutsch! Klassikkonzertbesucherinnen, die in die Jahre gekommen sind, jedoch nimmermehr auf die Idee, sich ihre Haare frisieren oder gar färben zu lassen: deutsch! Intellektuelle, die im Ausland nicht deutsch reden, weil sie sich dafür schämen, als Deutsche erkannt zu werden: deutsch! Überhaupt, diese ganze verklemmte Selbstablehnung, diese Streberei im endgültig Besiegtsein, diese Wollust, sich in Europa oder gleich der ganzen Welt aufzulösen, das sich-Suhlen in nationaler Minderwertigkeit, durchdrungen vom Größenwahn, dergleichen sei moralisch vorbildlich: deutsch! Windräder hineingerammt in Caspar-David-Friedrich-Landschaften: deutsch! Ungeschminkte Frauen auf flachen Sohlen, die mehr Nahrungsmittelunverträglichkeiten kennen als unsereins Stellungen: deutsch!

Ich breche hier ab, keineswegs weil ich erschöpft bin, ich könnte eine Stunde fortfahren. Ich habe in meinem Leben nichts Widerlicheres kennengelernt als Deutsche, und nun kommen Spitzenvertreter des widerwärtigen Deutschtums und behaupten, meine Wahrnehmung sei gestört, es gebe gar nichts originär Deutsches. Bis an den letzten Tag, den Allah für mich werden lässt, werde ich diesem Schwindel widersprechen. Deutsch sind sie, kerndeutsch, knalldeutsch, quietschdeutsch, dummdeutsch, jedenfalls deutsch! Basta!


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Joe Kaeser, der sich bei jeder Gelegenheit wie ein DDR-Kombinatsdirektor im Sinne der Regierung zu Wort meldende Siemens-Chef, heißt eigentlich Josef Käser. Geboren wurde er in einer niederbayerischen 2000-Seelen-Gemeinde. Als er 1980 bei Siemens anfing, hörte er noch nicht auf die Kanzlerin, wie auch, die war ja damals in der FDJ, aber nach wie vor auf seinen Namen. Ab 1994 arbeitete Käser bei zwei Siemens-Tochterfirmen in Kalifornien. "Seit seinen USA-Aufenthalten", belehrt uns Wikipedia, "nennt er sich Joe Kaeser." Offenbar war ihm seine Herkunft peinlich geworden. Der deutsche Provinzler in seinem dunklen Drange nach Internationalität ist doch ein immer wieder rührendes Schauspiel.


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Nachdem er gehört hatte, dass Versailles nach Urin stinke, weil alle Besucher des Sonnenkönigs ihr Wasser an den Außenwänden des Palastes abschlügen, befahl ein deutscher Provinzfürst seiner Dienerschaft, dasselbe an seinem Schloss zu tun, damit es wie das königliche röche. Von einer Namensänderung weiß die Fama indes nichts.


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"Wenn Ihnen das deutsche Brownpaintball-Spiel zu viel wird", schreibt Leser *** zum Eintrag zu Neo Rauch (Acta vom 30. Juni), "denken Sie bitte an von Platens Verse aus seinem Gedicht 'Es sehnt sich ewig dieser Geist ins Weite':


Mein Geist, bewegt von innerlichem Streite,
Empfand so sehr in diesem kurzen Leben,
Wie leicht es ist, die Heimat aufzugeben,
Allein wie schwer, zu finden eine zweite.

Doch wer aus voller Seele hasst das Schlechte,
Auch aus der Heimat wird es ihn verjagen,
wenn dort verehrt es wird vom Volk der Knechte.

Weit klüger ist's, dem Vaterland entsagen,
als unter einem kindischen Geschlechte
Das Joch des blinden Pöbelhasses tragen.

In puncto Schwierigkeit, eine zweite Heimat zu finden, bin ich nicht von Platens Meinung. Es ist sehr leicht, sich in der Schweiz (meinem gegenwärtigen Domizil), in Österreich (ich kann Ihnen insbesondere die Gegend um Graz empfehlen), in Italien oder sogar Kroatien (an der Küste kommt man mit deutsch und italienisch gut klar) heimisch zu fühlen. 

Die einzige Perspektive, aus der sich Deutschland noch erträglich anfühlt, ist die von aussen."