Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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26. Oktober 2019


Die gestrigen Einlassungen zu Thomas Bernhard stoßen "naturgemäß" (derselbe) auf Widerspruch aus der Gemeinde seiner Anhänger. Ich könnte die Sache auf der Feststellung beruhen lassen, dass Menschen auf Texte eben aus verschiedenen Gründen verschieden reagieren und die Intentionen des Autors letztlich für den Leser einerlei sein können. Aber da ich selber mal ein begeisterter Bernhard-Leser gewesen bin, ich kenne alle Romane von ihm – sofern man diese Suaden so nennen mag –, meldet sich mein Renegaten- oder Konvertiten-Eifer, diese Metanoia zu begründen. Während es Autoren gibt, die ich erst geliebt, dann enttäuscht beiseitegelegt und schließlich doch wieder in mein Herz geschlossen habe – Heine und Thomas Mann etwa –, wird dies bei Bernhard wohl nimmermehr eintreten.

Leserin *** beispielsweise hält dagegen:
 
"
Ja, Bernhard- Texte sind recht monoton, was Stilistik und Themenwahl betrifft,
Ja, man darf bei Thomas Bernhard nicht erwarten, etwas zu lernen 'aus solchen Büchern', wie Herr Kleinschmidt beklagt.
Ich finde allerdings den Anspruch, aus Büchern, noch dazu Romanen/ Erzähltexten etwas zu lernen, schon sehr abgegriffen. Geht es da nicht eher um den künstlerischen Genuss? Über die Schmähsucht eines Thomas Bernhard konnte ich immer zumindest lächeln. Ich habe das aber nie als Identifikationsangebot betrachtet.
Gerade seine autobiografischen Texte sind alles andere als 'virtuos dumm'."

Nicht gerade, sehr geehrte Frau ***, sondern ausschließlich. Es sind die einzigen Bücher, die er aus eigener Erfahrung geschrieben hat, und man muss schon ein außerordentlich schlechter Schriftsteller sein, wenn man über sich selbst, also aus erster Hand über die relative Daseinsbeschissenheit des verletzlich-beladenen, überdies aus "einfachen Verhältnissen"* stammenden Menschenwesens nichts Symphatisches zu erzählen verstünde. Die letzten drei, vier Seiten im "Keller" sind große Literatur und nach meiner Ansicht das Beste, das er geschrieben hat.

Was den künstlerischen Genuss angeht, muss ich passen. Jeder wie er kann. 

Leser *** findet, "das Tolle an Bernhard ist, daß er ein so großartiger Stilist und so potenter philosophischer Humorist ist, daß es auf seine konkreten inhaltlichen Aussagen in seinen Romanen nahezu überhaupt nicht ankommt. Daß Sie das nicht erkennen, enttäuscht mich etwas. Es bestärkt meinen Verdacht, daß Ihre Musikalität, die für das Verständnis von Bernhard nötig ist, nicht weit genug entwickelt ist. Natürlich geht auch mir an B. sein pauschaler Nazischmäh auf die Nerven, aber diese inhaltliche Schwäche zerkrümelt sprichwörtlich vor seiner großartigen Prosaarchitektur. Ich übersetze seinen Nazibegriff stets mit 'Mitläufer/Saubermann'. So gehts etwas."

Leser *** ist also leider etwas enttäuscht von mir. Gestatten Sie, dass ich antworte. Bernhard ist kein großartiger Stilist, sondern ein Autor, der seine Masche fand und zu Tode strapazierte. Jeder Depp kann aus dem Stegreif zehn Seiten Bernhard schreiben, dafür braucht man überhaupt kein Talent, einen Satz als Vorgabe, und los rattert die Variationsnähmaschine, aber man soll Bernhard zugute halten, dass er diese Masche erfunden hat. Die Idee, seine in leichten Variationen immergleichen Wortkaskaden seien musikalisch, kann, mit Verlaub, nur einem ziemlich amusischen Menschen kommen, es sei denn, man erklärt Philipp Glass oder Steve Reich zu den Maßstäben von Musikalität. Überhaupt sollte man sich mit solchen Genre-Vertauschungen zurückhalten; einen musikalischen Menschen erkennt man nach meinem Dafürhalten vor allem daran, dass er ein Instrument spielt, dass er nach dem Gehör die Töne findet, dass er singen kann oder dass er komponiert. Nun mag jemand einwenden, auch Romane könnten, ja müssten komponiert werden, einverstanden, doch was jene von Gevatter B. betrifft, vermag ich keine Komposition zu erkennen, die über den stupiden musikalischen Minimalismus der genannten beiden Herren hinausgeht.

Wie es um Bernhards eigene und eigentliche Musikalität stand, dafür genügt der Hinweis, dass er im "Untergeher" Glenn Gould über Horowitz stellt, in Rollenprosa gewiss, aber es gibt in der Bernhardschen Rollenprosabewertung anderer Künstler, wenn mir nichts entfallen ist, ausnahmslos gockelhafte Schwachsinnsurteile, und wenn er abwechslungshalber lobt, etwa in den "Alten Meistern", dann liegt er grotesk daneben (der Fratzenmaler Goya als der Größte überhaupt). Es ist Anmaßung aus Größenwahn, und dieser Größenwahn gründet nicht in Bernhards Urteilskraft, das weiß er selber, sondern in seiner Masche des omnipotenten Allesbeschimpfers. Alle seine Hauptpersonen beherrschen ein Metier oder vermögen irgendetwas Bedeutendes hervorzubringen, auch wenn bisweilen nur theroetisch ("Beton"), aber es ist ihnen angemaßt, ihr Schöpfer kann von alldem nichts, nimmt aber eine geliehene überlegene Perspektive ein, von der aus er die Welt abkanzelt, inclusive Geister, die himmelhoch über ihm stehen, Goethe, Stifter, Bruckner, Heidegger...

Kurzum: Ein (halbwegs) virtuoser Dummkopf. 
Sela, Psalmenende.


* "Er kam aus 'einfachen Verhältnissen'? Das ist nicht richtig. Es war nur kein Geld vorhanden. Die Verhältnisse waren kompliziert."
Johannes Groß