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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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11. November 2019

 

"Aber ein Politiker? Ein Manifestant und Tumultant? Ein Menschenrechtler und Freiheitsgestikulant? Nein, nein! –"
Thomas Mann, "Betrachtungen eines Unpolitischen" (Zu Thomas Mann unten mehr)


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Der männliche Orgasmus ist ein Produkt der Natur, der weibliche vor allem ein Produkt der männlichen Eitelkeit ;-)



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Mehrere Leser haben gefragt, ob ich den Text meiner Rede zum 30. Jahrestag des Mauerfalls veröffentliche; ich habe es vor, aber die Jott-Eff will einen Sonderdruck herausbringen; es wird also noch ein bisschen Wasser Spree und Isar hinunterfließen müssen...


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Leser *** reagiert auf die besagte Rede mit einer Gegenrede, aus welcher ich mir zu zitieren gestatte:

"Es hat vermutlich keinen Zweck, Ihnen mit alternativen Fakten zu kommen. Sie haben in diesem Land eigner Zwergdenker und -dichter jederzeit offne Mikrophone für Ihre Version einer 'Hunnenrede'. Es ist staats- und wirtschaftspolitisch gewollt, dass Sie ein bisschen Alternativ-Öl in den Busch-und-Präriebrand gießen, welchen andere global entzünden möchten. Die Tür, die Sie angeblich 'verschließen' möchten, ist das riesengroße Tor, durch welches nicht nur 'Güter' in die Welt exportiert werden, sondern auch Gewehre. Durch dieses Tor strömt Kupfer, Lithium (wofür braucht man das gleich?), Erdöl und Erdgas in enormen Mengen hinein – auf Kosten des Wohlstandes anderer Völker. Aber das kümmert Sie nicht. Das Haus, welches Sie angeblich 'sichern' möchten, ist ein Haus für Finanzhaie in der 1. Etage und Prekariat im Keller. Auch das kümmert Sie nicht. Sie empfinden keine Solidarität mit Prekariat ohne IQ 130 und Sie halten die virtuelle Tür für intellektuelle Vogelschisse aus den USA immer weit offen."


Auf Kosten des Wohlstands anderer Völker? Im Gegenteil, geehrter Herr ***, die Bodenschätze werden ja nicht geraubt, sondern bezahlt. Dass dieses Geld eher nicht den Völkern dortzulande zugutekommt, liegt weder an mir noch am Westen, sondern an den Herrschaftsverhältnissen dort, die praktisch noch auf Stammeskulturen fußen. Sorry, but this is none of my business. Wenn Afrika nicht existierte, ich würde es nicht bemerken. Und ich habe in meiner Rede kein Tröpfchen Öl irgendwohin gegossen noch greise Hunnen auf irgendeinen Kriegspfad geschickt, sondern lediglich dafür plädiert, dass Europa tut, was Sie und ich tun und auch jeder brave Marxist tut, nämlich die eigene Haustür abzuschließen, wenn die Wohngegend unsicher wird. Natürlich dürfen trotzdem weiter Besucher kommen, auch die Post, die Putzfrau, der Maßschneider und der Lieferservice. (Ja, und meinetwegen auch Nutten! Fragen Sie Paolo Pinkel!) Was das Prekariat angeht, das lebt immer im Keller, aber hier hat es immerhin ein Dach über dem Kopf. Allerdings ist der Keller längst rappelvoll, und immer mehr Bio-Deutsche müssen draußen schlafen und/oder in Mülleimern nach einem Zubrot wühlen. Die Finanzhaie im Ersten Stock sind auch mir unangenehm, ich gebe gern zu, auch ich mag sie nicht; ich halte es aber für keinen guten Weg, sie loszuwerden, dass man die Haustür aushängt und den Keller so lange mit Importprekariat flutet, bis endlich die erste Etage erreicht ist und sich die Haie davonmachen, weil sie Angst haben, aus dem Fenster geworfen zu werden. Genug metaphert.

Was das Erdöl anbelangt, das nach Ihrer Ansicht auch zur westlichen Beute gehört, als ob es nicht bezahlt würde und die Ölstaaten-Oligarchie stein-, nein stinkreich gemacht hätte, so bin ich sehr dafür, dass der gesamte Westen darauf verzichtet und stattdessen "klimafreundlichen" Atomstrom produziert (es wäre eine Hegelsche List der Vernunft, wenn die "Fridays for Future"-Hüpfer auf diese Weise Pegida sekundierten). Lassen wir doch die Araber auf ihrem Erdöl sitzen, das westliche Ingenieure für sie fördern, während asiatische Hilfsarbeiter alle Drecksarbeiten erledigen; dann können diese milliardenschweren, in Wolkenkratzern lebenden Dorfgemeinschaften, die den derzeitigen Zustand zwar nicht unbedingt mit Recht, aber mit guten Gründen als eine Art Gottesbeweis betrachten, nicht länger mit den Erlösen aus dem Ölverkauf ihren aggressiven Wüstenglauben in die Welt exportieren.


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Mit dem trefflichen Diktum "wohlstandsverwahrloste Neomarxisten" beschreibt die NZZ die sogenannten Klima-Protestler, und soviel ist sicher: Das könnte in keinem deutschen Mainstreamblatt stehen.


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Da keine Stasi mehr zuhanden ist, um ahnungslosen Oppositionellen toxische Cocktails zu verabfolgen, träumen sich ein paar kleine Antifanten in die Heldenrolle des sozialistischen Giftmörders; hat aber nichts mit Hass zu tun, sondern ganz orwellesk mit Widerstand, Liebe und Kunst.


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Am Rande einer Veranstaltung in Berlin sprach mich ein Herr auf das Thomas-Mann-Wort vom Antikommunismus als "Grundtorheit unserer Epoche" an, eine Formulierung, die auch ich in den Acta verwendet hätte bzw. habe, und versprach, er werde mir einen Artikel aus einer älteren FAZ schicken, aus dem hervorginge, dass dieses Zitat nicht korrekt sei. Nun ist der Text eingetroffen. Er stammt aus der "Bilder und Zeiten"-Tiefdruckbeilage (seufz) vom 24. Juni 1995 und ist überschrieben mit: "Antikommunismus, eine Grundtorheit? Über ein angebliches Zitat von Thomas Mann" (leider nicht online zu finden).

Dieses Zitat sei in der DDR überaus populär gewesen, führt der Autor aus, die SED-Oberen hätten die Aussage des Nobelpreisträgers als eine "Kostbarkeit" für ihre Propaganda betrachtet, man habe Manns Worte auf Plakate und Transparente gedruckt (sie standen jedenfalls in meinem Deutsch-Lehrbuch). "Nur: Das Zitat ist nicht echt, es stellt, wie Erika Mann 1965 in einem Brief an den führenden Kulturfunktionär der DDR, Alfred Kurella, festgestellt hat, eine 'Vereinfachung' dar, 'die der Fälschung gleichkommt'." Thomas Manns Tochter habe damals ausdrücklich verlangt, dass Plakate mit diesen Worten "umgehend verschwinden" sollten und eine Richtigstellung erfolge.

Kurella antwortete schlau, er werde selbstverständlich und umgehend seinen Teil zur Tilgung jedes Falschzitates beitragen, aber im gegebenen Falle handle es sich ja gar nicht um ein "Fehlzitat", sondern "um eine völlig sinngetreue und daher legitime Zusammenziehung und Vereinfachung". Erika Mann reagierte pikiert, doch offensichtlich blieben ihre Interventionen erfolglos. Die Genossen drüben wollten ihre Beute nicht preisgeben. Aber hatte Erika Mann recht? "Der Unterschied zwischen dem falschen Zitat und dem tatsächlichen Ausspruch Thomas Manns liegt darin", resümiert der FAZ-Autor, "daß Thomas Mann nicht im 'Antikommunismus' die 'Grundtorheit unserer Epoche' sieht, sondern 'in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat.'"

Meinte der politisierende Dichter also etwas ganz anderes?

Im Acta-Eintrag vom 5. Juli steht zu lesen, es habe wohl kaum ein deutscher "Großschriftsteller" vor Grass "mehr politischen Unsinn geschrieben als der Schwafelhans Thomas Mann, der sich seine ehrenwerte Hitlerverachtung mit einer ehrlosen Stalinbeschleimung erkauft hat (was zwar in linken deutschen Kreisen en vogue, aber nicht nötig war), vom 'Antikommunismus als Grundtorheit unserer Epoche' bis hin zu den 'gutmütigen Riesen' Russland und Amerika, wie er 1950 im Vortragsessay 'Meine Zeit' schrieb, wo sich über Stalins Völkerschlachthaus der Passus findet: 'Ich möchte keinen Zweifel lassen an meiner Ehrerbietung vor dem meiner Zeit angehörigen historischen Ereignis der russischen Revolution. Sie hat in ihrem Lande längst unmöglich gewordene anachronistische Zustände beendet' und 'das Lebensniveau der Massen unendlich menschlicher gestaltet'."

Dann lag ich wohl auch daneben, und jetzt lande ich auf einem Misthaufen mit den DDR-Kulturbonzen?

Lesen wir einfach Manns Originaltext von der fraglichen Stelle an weiter. In Rede steht der Aufsatz "Schicksal und Aufgabe", 1944 zuerst auf englisch veröffentlicht, kurz darauf in: Deutsche Blätter, Santiago de Chile, Heft 7/1944 auf deutsch. Der Kommunismus, führt der Schriftsteller im Anschluss an die missbräuchlich-berühmte Formulierung weiter aus – ich zitiere nach: Thomas Mann, Essays, Bd. 5., Frankfurt/M 1996, S. 234 ff. – sei zwar ein politisch-ökonomisches Programm "und in dieser Form stark zeitgebunden", aber "schon die religiösen Volks-Bewegungen des ausgehenden Mittelalters (hatten) einen eschatologisch-kommunistischen Charakter". Der Kommunismus sei also "älter als Marx und das neunzehnte Jahrhundert. Der Zukunft aber gehört er an insofern, als die Welt, die nach uns kommt, in der unsere Kinder und Enkel leben werden, und die langsam ihre Umrisse zu enthüllen beginnt, schwerlich ohne kommunistische Züge vorzustellen ist: das heißt, ohne die Grundidee des gemeinsamen Besitz- und Genußrechtes an den Gütern der Erde, ohne fortschreitende Einebnung der Klassen-Unterschiede, ohne das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit für alle."

Deswegen möge sich der Mensch "vor Wortgespenstern wie 'Kommunismus'" nicht fürchten, es verhalte sich mit den sozialen Veränderungen nicht anders etwa als mit den Entwicklungen in der Musik, erst erscheine das Neue als Kakophonie, aber dann gewöhne man sich daran, in der Steuergesetzgebung nicht anders als im Konzertsaal, es ergehe dem Ohr kaum anders als dem "sozialen Gewissen".

"Ich habe gar keinen Zweifel", fährt Mann fort, "daß Welt und Menschenleben sich nolens, volens und unaufhaltsam in eine Lebensform hineinbewegen, für die das Epitheton 'kommunistisch' noch das zutreffendste ist, das heißt in eine Lebensform der Gemeinsamkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und Verantwortlichkeit, des gemeinsamen Anrechtes auf den Genuß der Güter dieser Erde, einfach infolge des Zusammenwachsens des Erdraumes, der technischen Verkleinerung und Intimisierung der Welt, in der alle Heimatrecht haben, und deren Verwaltung alle angeht."

1944, während der Genosse Stalin eine kurzes Massenmordpäuschen einlegte, aber nur, weil er sogar seine GULag-Leibeigenen für den Kampf gegen die deutschen Aggressoren benötigte, phantasierte sich Thomas Mann den Kommunismus mit menschlichem Antlitz zurecht, ohne sich um die realen Zustände im Riesenreich der Gemeinsamkeits-Apostel und Gesellschafts-Intimisierer zu scheren. Bemerkenswert, wie der Dichter, obwohl Zeitgenosse und damit Zeitzeuge, den Nexus zwischen Kommunismus und Faschismus verwischt, indem er unterstellt, der Faschismus habe vom kommunistischen Schreckbild profitiert, wo doch ohne die bolschewistische Schreckensherrschaft weder der Faschismus noch der Nationalsozialismus überhaupt die Weltbühne betreten hätten; ohne Lenin kein Mussolini, und A. Hitler wäre Postkartendesigner geblieben. Der Kommunismus ist die Grundbarbarei unserer bzw. der 1990 verstrichenen Epoche, der Antikommunismus mithin eine Grundweisheit aller künftigen Zeiten, und der große Schriftsteller Thomas Mann war – von seiner, wie gesagt, aller Ehren werten, wenn auch durch keinerlei Kompromittierungsversuchungen gefährdeten Verachtung der Nazis selbstverständlich abgesehen – ein politischer Esel.


PS: "So sehr ich Ihre Beiträge schätze, möchte ich doch anmerken, dass sie mit dem Politesel Thomas Mann übers Ziel hinausschiessen", moniert Leser ***. "Klar waren viele seiner politischen Essays, angefangen von den 'Betrachtungen' bis hin zu den Ihnen vielleicht vorliegenden weiteren Aeusserungen in vielerlei Hinsicht politische Eselei. Beeinflusst zuletzt vielleicht auch von der zu recht rief verletzten Erika Mann, die ja am Lebensende auch zwischen allen politischen Stühlen gesessen hat. Tatsache aber bleibt, dass die Familie Mann wirksamer als jede Einzelperson gegen die Nazis opponiert und zu deren Fall beigetragen hat. Viel schlimmer ist, dass gefeierte Grossschriftsteller und andere Granden, sogar mit Nobelpreis nach 1950 immer noch treudoof Moskaus Trompete gewesen sind, wo längst klar gewesen ist, was dort passiert war."

Die "Betrachtungen", geehrter Herr ***, sind nach dem "Joseph" mein Lieblingsbuch von Mann...


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Aus der Leser-Post. Zuerst eine süffisante Doppeldeutigkeit über bereits deutlich sichbare bloße Anfänge:

Firefox vom 10.11.2019


Dann ein progressiver Öffentlichkeitsarbeiter bei der Zurschaustellung seines blinden Flecks:


image1

Zum dritten ein Zeugnis, dass man gewisse Dinge grundverschieden sehen kann:

trotzkist2019

(Aufgenommen vor der Berliner Humboldt-Uni.)

Na und zuletzt diese sprechende Parallel-Pantomime:

AbseitsDerSprache


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Es gibt eine in ihrem Facettenreichtum völlig verkannte, ja verrufene Organisation, die sich eigentlich für die Zivilgesellschaft einsetzt und eine wichtige Quelle des Verfassungsschutzes bildet: die Antifa. Es muss stimmen. Immerhin steht es in einem gebührenfinanzierten Medium.