Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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R. I. P.


"Desmond war nach dem Krieg mit den Resten eines vergeudeten Vermögens und einem hemmungslosen sexuellen Begehren nach Paris gekommen, um sein Erbe zu verschleudern und sich dem eigenen Leben zu stellen. Aber weil er bei aller Lasterhaftigkeit ein goldenes Herz hatte, wurde er von einer Frau gerettet, die es gut mit ihm meinte, die ihn nach Fontainebleau brachte und dort eine Bleibe für ihn und die Kinder aus seinen gescheiterten Ehen einrichtete – und auch für mich, der ich mich in eines dieser Kinder verliebt hatte, nur um dann von ihr fallen gelassen zu werden."

Wer hat‘s geschrieben?

Der Autor ist Roger Scruton, und ich las genau diesen Passus, als mich die Nachricht von seinem Tode am 12. Januar erreichte. Sie versetzte mich in eine seltsam tiefe Betrübnis; ich kannte Sir Roger ja nicht persönlich, und doch war mir, als sei ein entfernter Angehöriger, ein eigenwilliger, auf einer Insel lebender Großonkel von mir gegangen. Dieses eigenwillig ist höchst wörtlich zu nehmen: nach eigenem Willen lebend. Scruton war ein polyglotter Polyhistor, in vielen Genres, Kulturen und Sprachen zuhause; er schrieb über Philosophie und Philosophen, über Religion, Musik – etwa die Opern Wagners (er spielte selber Klavier) –, über Schönheit, Architektur, erotisches Begehren, Tierrechte, die Jagd – er war ein leidenschaftlicher Verteidiger der Fuchsjagd –, über Umweltschutz und Wein.

Sir Roger, knightet by the Queen in 2016 "for services to philosophy, teaching and public education", lehrte 21 Jahre am Birkbeck College der University of London, danach in Boston und Arlington, Virginia, wo er eine Farm besaß, auf welcher er des Abends auf der Veranda saß, Wein trank und "über die alte Weide zu dem Pferd namens Sam blickte, dem einzigen Wesen, dessen Ansichten mit großer Zuverlässigkeit immer noch konservativer waren als meine eigenen".

Die Passagen stammen aus Scrutons Buch "Ich trinke, also bin ich" ("I Drink, Therefore I Am"), der post- oder besser: anticartesianischen Wende der Philosophie, auf Papier gezogen anno 2009 und genussreif bis in alle Ewigkeit. Zur Gabe, literarisch zu schreiben, gesellte sich bei Sir Roger noch glückhaft jene, Literarisches zu erleben. Seinen Tutor in Eton beschrieb er etwa so: "Wenn man ihn mit der zurückhaltenden Höflichkeit ansprach, die er selbst an den Tag legte, konnte man sich bei ihm über so ziemlich jedes Thema kundig machen – angefangen bei der Wellenstruktur des Benzenrings oder den Übersetzungen von Dante, von Frazers Theorie des Hexenglaubens bis zur Chronologie der Upanischaden. Die völlige praktische Bedeutungslosigkeit all dessen, worüber er Bescheid wusste, machte den Erwerb dieser Art von Wissen umso lohnender."

In der Hauptsache aber war Scruton der bedeutendste konservative Denker seiner Generation. Ein dem Engländer bereits vor Jahresfrist zu den Vielen vorausgegangener Bruder im Geiste, Robert Spaemann, eröffnete sein Buch "Moralische Grundbegriffe" mit dem Satz, er hoffe, hier nichts grundlegend Neues vorzutragen. Dieser Ausspruch wäre ganz im Sinne Sir Rogers. Scruton besaß keine Theorie, er hatte keine "Zukunftsmodelle", er verbreitet keine neue Lehre (und hüllte sich auch nicht in den Panzer eines akademischen Slangs), sondern er kümmerte sich um schöne Selbstverständlichkeiten und unter Diskursmüllhalden verschüttete Einsichten. Dazu gehörte beispielsweise die Feststellung, dass "Gesetzgebung keine rechtliche Ordnung hervorbringen kann, sondern sie voraussetzt". Der Kerngedanke seines Buchs "Von der Idee, konservativ zu sein" (Original: "How to be a Conservative") lautet: Eine bürgerliche Gesellschaft wächst von unten. Als beispielhaft dafür preist Scruton das alte englische Common law, das sich, im Unterschied zum kodifizierten Recht der meisten Kontinentaleuropäer, als Fall- und Richterrecht entwickelt hat und auf maßgeblichen richterlichen Urteilen der Vergangenheit fußt. "Das common law steht auf der Seite des Bürgers gegen jene, die ihm ihren Willen aufzwingen wollen – egal ob es sich dabei um ursupatorische Politiker oder einfache Kriminelle handelt."

Scrutons Vater war Labour-Mitglied und Gewerkschaftler, also formell ein Sozialist, aber "in Wirklichkeit", erinnerte sich der Sohn, lebte in ihm "ein tiefempfundener konservativer Instinkt", nämlich "die Liebe zum England seiner Spaziergänge und Betrachtungen" und zur "englischen Freiheit", das "hartnäckige 'Wir' der einfachen Menschen". Konservativ zu sein bedeutete für Sir Roger, die Frage zu stellen, "wo wir hingehören, was unsere Loyalität und unsere Verpflichtungen bestimmt". Und alles beginne mit dem Ort. "Das Erste ist das Territorium." Der geistige Universalist Scruton war ein politischer Partikularist, ein Verteidiger des Nationalstaats. Er ist der Philosoph des Brexit.

"Menschliche Gesellschaften sind von Natur aus exklusiv, das heißt, sie gewähren nur den Insidern Privilegien und Vorteile. Diese können nicht nach Belieben an alle Ankömmlinge verschenkt werden, ohne das Vertrauen zu opfern, von dem die soziale Harmonie abhängt", notierte er. Jede Demokratie sei "auf das Bestehen des bürgerschaftlichen Geistes angewiesen, wenn sie nicht zum Schlachtfeld von Sonderinteressen verkommen soll". Dem bürgerschaftlichen Geist entspricht die akademische und wirtschaftliche Freiheit. "Da es zur Marktwirtschaft keine Alternative gibt, bleibt die einzige Frage, wie wir die Güter, die nicht gehandelt werden sollen, davor abschirmen." Es sind jene Güter, die durch Kommerzialisierung zerstört werden; Scruton nennt Liebe, Sex, Schönheit und Heimat.

Während das Gros seiner akademischen Kollegen im Gefolge der Studentenunruhen Deleuze, Foucault, Derrida las, mit den Neuen Linken sympathisierte und den Gips für den akademischen Nippes der kulturmarxistischen Renaissance anrührte, las Scruton die Klassiker, studierte die französischen Weine und suchte den Kontakt zu Dissidenten des Ostblocks, vor allem in der Tschechoslowakei, wo er undercover Lehrveranstaltungen abhielt. Den Zusammenbruch des Realsozialismus erlebt zu haben, war für ihn das größte politische Glück seines Lebens. Aber natürlich machte er sich keine Illusionen über eine nachlassende Fruchtbarkeit dieses Schoßes. Er selber wurde noch vor wenigen Jahren mit einer der üblichen Denunziationskampagnen von links überzogen, aber in allen lächerlichen Anklagepunkten rehabilitiert.

Sir Roger erlag im Alter von 75 Jahren einem Krebsleiden. Ich stelle mir vor, dass er bis zuletzt auf den Rebensaft nicht verzichtet hat: "Es vergeht keine Woche, in der die Zeitungen nicht über die Schäden berichten, die der Gesundheit durch Alkohol, Kaffee oder Cola zugefügt werden. Ich denke, es ist an der Zeit, einen Schlussstrich unter diese Propaganda zu setzen. ... Man trinke, was einem schmeckt, und zwar so viel, wie man möchte. Dann stirbt man vielleicht ein bisschen früher, aber dieser Verlust wird wettgemacht durch die gute Laune, die man seinen Mitmenschen damit schenkt."

Wie anders soll man eines solchen Toten würdig gedenken, als mit einem Glas Wein in der Hand? "Es gibt keine besseren Wein, den man zu Schellfisch, Hühnchen mit weißen Saucen oder den Trios von Haydn servieren kann", empfahl der philosophierende Priester des Bacchus, "am besten aber harmoniert Chablis mit mehr Chablis."

Ruhe in Frieden, Sir Roger. Cheers!