Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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14. März 2020


Geneigte Besucher des kleinen Eckladens, ich weiß nicht, was ich von der momentanen Situation halten soll, insofern sie jenes Virus betrifft, von welchem Leser *** meint – und er untermauert diese seine Meinung mit der Offerte eines vergleichsweise alten Bordeaux bei Beweis des Gegenteils –, dass es im Maskulinum zu stehen habe wie "alles, was im Deutschen mit ‚-us‘ endet, also Orgasmus, Antisemitismus, Altruismus, Parlamentarismus" etc. Oder unser kleiner Gast müsste eben Virum heißen.*

Geehrter Herr ***, instinktiv schrieb ich früher der Virus, allein der Toxizität wegen, welche diese Kleinchen wie beanntlich alles Männliche auszeichnet, aber andere Leser belehrten mich daraufhin, dass der Duden das Neutrum vorschreibe, und ich schickte mich aus Konformismus darein. Aber eine Bemerkung zu Ihrem Angebot muss ich leider machen: Parker gab dem 1981er Château Montrose nur 84 Punkte, fand ihn "übertrieben karg" und prophezeite dessen Eintritt ins Greisenalter für ca. anno 2000; womöglich agoniert der Tropfen längst. Auch wenn ich Parkers Verdienste um den Weinbau nur knapp oberhalb jener der Reblaus verorten würde, kann der Mann nicht ganz danebenliegen; also machen Sie der Bouteille rasch den Garaus und leeren Sie sie z. B. auf die Maskulinität!

Das oder der Virus trägt den Namen Corona, was den Monarchisten in mir anspricht. Sein Ausbruch oder Übertritt in bzw. nach Kein-schöner-'schland hat für meine Begriffe eine gewisse Ähnlichkeit mit der sogenannten Flüchtlingskrise: Die Vorsorge war mangelhaft, obwohl das Nahen des Problems auf der Hand lag, das Krisenmanagement begann vergleichsweise spät, die Kanzlerin schwieg erst lange und verkündete danach die gewohnten Plattitüden, mangels Umfrageergebnissen erst einmal die Reaktionen der anderen Länder abwartend; die Regierung hat umfangreiche Hilfen angekündigt, die aus den Steuerkeltern fließen sollen. Wie bei der Massenmigration verlässt man sich darauf, dass die zwar nicht mehr stabile, aber belastbare Restsubstanz des deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftsbaus alles schon irgendwie tragen werde, wovon die fröhlichen Worte von Herrn Scholz zeugen, dass reichlich Geld vorhanden sei, und irgendwie wird der deutsche Michel die Sache mit seinem üblichen Fleiß und seinem organisatorischen Talent meistern; eine Generation später, wenn all die Quotenfrauen, Quotenmigrant*innen, Postkonstruktivisten und Gegen-rechts-Kämpfer noch mehr Stellen besetzt halten und noch mehr alte weiße Männer das Zeitliche gesegnet haben werden, würde ich nicht mehr darauf wetten.

Nachdem die Kanzlerin wie gewohnt in ihrer bräsigen Weise nichts gesagt hatte, hub unter den Genoss*innen Medienschaffenden ein Wettstreit darum an, dieses Nichts mit Bedeutung und Führungsqualitäten aufzuladen. Mit der Schlagzeile "Merkel sagt einen wichtigen Satz" stieg n-tv in den Panegyrici-Slam ein, aber die News-Hamsterraddreher bedachten nicht, dass in dieser Feststellung automatisch die Komplementäraussage mitschwingt, nämlich dass wir es mit einem ungewöhnlichen Einzelfall zu tun haben. Der in Rede stehende Satz lautete übrigens: "Wir werden das Notwendige tun." Dass ein Regierungschef beim Ausbruch einer Seuche (oder eines Seuchleins, wer weiß das schon?) erklärt, die Regierung werde das Notwendige tun, ist jedenfalls löblich und eine Headline wert. Strenggenommen sagte Merkel übrigens: "Wir sind gewillt, alles zu tun, was notwendig ist." 

Etwas mehr Zeit, seinen Kommentar auszubrüten, hatte ein Witzbold bei der Welt. Ihm rauschte Folgendes durch die Rübe: "Die Kanzlerin hatte mit dem Ende der DDR schon einmal erlebt, dass sich Gewissheiten innerhalb kürzester Zeit auflösen können. Ihre ostdeutsche Mentalität und ihre Erfahrungen können bei der Bewältigung der Corona-Krise sehr hilfreich sein." Aber nicht dass jetzt jemand auf den Trichter kommt, die ostdeutsche Mentalität und ihre Erfahrungen gestatteten auch eine hilfreiche Bewertung anderer Krisen!

Ich überspringe weitere Exempel, um rascher beim Besten anzukommen, was die momentane Merkel-Minne anzubieten hat. Dirk Kurbjuweit vom Spiegel griff dafür elanvoll in die Tasten.

"Wer jetzt auf schnelle, kraftvolle Entscheidungen hofft, der lebt mit der falschen Bundeskanzlerin", beginnt dessen Beitrag mit einer raffinierten Anti-Klimax, und ich will nicht pingelig sein, aber unsereiner, der niemals auf schnelle, kraftvolle Entscheidungen dieser Person hoffte, hofft und hoffen wird (von einem kraftvollen Rücktritt einmal abgesehen), lebt ebenfalls mit der falschen Kanzlerin.

"Sie hat, wie es ihre Art ist, lange gewartet, lange geschwiegen", slammt Kurbjuweit. "Erst am Mittwoch dieser Woche stellte sie sich den Fragen der Journalisten zum Thema Corona. Sie sprach vage, vorsichtig, blieb äußerlich ungerührt. Sie empfahl den Bürgern, sich zur Begrüßung statt eines Handschlags eine Sekunde länger als sonst in die Augen zu sehen und dabei zu lächeln. Vielleicht wird das als Merkel-Gruß in die Geschichte eingehen."

Vielleicht hätten wir dann endlich die Gegengeste zum Hitler-Gruß, zu der sich leider weder Schmidt noch Kohl noch Schröder entschließen wollten. (Geben Sie aber acht, dass Sie auf der Straße nicht versehentlich den Falschen oder deren züchtig verhüllten weiblichen Besitztümern eine Sekunde zu lang in die Augen schauen, womöglich brauchen Sie dann doch den Hitlergruß, um ungeschoren davonzukommen!) Dass Merkel äußerlich ungerührt bleibt, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sie es auch innerlich ist. Dank Corona werden ja Wohnungen frei, und es machen obendrein die Richtigen Platz, deutsche Alte jenseits der 65 – das sagt natürlich nicht die Kanzlerin, das sagen ein paar ihrer Adepten im alimentierten Fernsehen, die damit, nebenbei, auch Frau Dr. A. Merkel den Tod wünschen. 

"Am Donnerstagabend hörte man von ihr bei einer Pressekonferenz zum ersten Mal Worte, die als kleine Ansprache an die Bevölkerung durchgehen könnten", fährt Kurbjuweit gerührt fort. "Sie sprach von einem 'dynamischen Ausbruchsgeschehen'. Das klang mehr nach Wissenschaftlerin als nach einer sorgenden Bundeskanzlerin."

Nein, tat es nicht. Seitdem sie als Bundesumweltministerin die deutschen Atommeiler korrekt die sichersten der Welt genannt hatte, kam von Merkel nichts mehr, das nach Wissenschaftlerin klang.

Merkel Atom

Und um Sorge für diejenigen zu empfinden, denen sie ihren Job verdankt, ist diese Frau nicht sentimental oder schizophren genug.

"Wohin schnelle, kraftvolle Entscheidungen führen können, hat einmal mehr Donald Trump gezeigt, als er die Grenzen für die meisten Europäer schloss, mit der falschen Ankündigung eines Einfuhrverbots für Waren aus Europa Verwirrung stiftete, und damit einen üblen Kurssturz an den Börsen auslöste. (...) In der Krise schlägt eher die Stunde der Berufspolitiker wie Angela Merkel, die Stunde des von den Rechtspopulisten so verachteten und bekämpften ‚Establishments‘. Dort ist dann doch mehr Substanz zu erwarten als unter den geifernden Freunden der einfachen Lösungen. Die gibt es jetzt nicht, auch die AfD hat für Situationen wie diese nichts zu bieten.“

Wussten Sie, dass es beim Spiegel einen Wettbewerb gibt, welcher Autor – unabhängig vom behandelten Thema – am schnellsten Invektiven gegen Trump, die Rechtspopulisten und die AfD in seinem Artikel untergebracht hat? Wer den geifernden Freunden von einfachen Lösungen wie Wir schaffen das, Scheitert der Euro, dann scheitert Europa, Nun sind se halt da oder Multikulti ist gescheitert vor Augen führt, dass sie nichts zu bieten haben? Am Rande: Die Regierung hat "auch" (Kurbjuweit) nichts zu bieten, sie verfügt nur über die Mittel, und wir werden, da es in diese Sphäre keine Konkurrenz gibt, nie erfahren, was andere mit diesen Mitteln bewirkt hätten.

"Merkel ist eine promovierte Wissenschaftlerin, sie setzt auf die Wissenschaften, und auch das ist eine gute Grundlage für diese Krisenzeiten. Fakten sammeln, um eine Basis für Entscheidungen zu haben, manchmal auch Versuch und Irrtum."

Siehe oben.

"Das ist ein Weg, um aus dieser Krise zu kommen. Mit Merkel kann man ihn gehen."

Dito.

"Zumal sie manchmal doch in der Lage ist, schnell über große Fragen zu entscheiden. Spontan beschleunigte sie 2011 den Atomausstieg. Spontan entschied sie 2015, dass Deutschland Flüchtlinge aus Ungarn aufnimmt. Beides war richtig."

Flüchtlinge "aus Ungarn", insgesamt reichlich anderthalb Millionen. Es war richtig, sie aufzunehmen. Wie der Atomausstieg auch. Mit Merkel kann man gehen. Gott, wäre es schön, wenn diese Fatzkes mit ihr gingen.


* Die wirklich wichtigen Themen finden sofort Resonanz. Leser ***, "Ex–Lateinlehrer", schreibt: "Es ist doch eines Gedankens wert, daß, wiewohl lateinische Substantive, die auf -us enden, in der Regel maskulin sind, es zwei Ausnahmen gibt: virus und vulgus, die Neutra sind. Wiewohl cunnus – die weibliche Scham – grammatikalisch männlich bleibt. Da muß sich doch Jupiter, der die Sprache erschuf (dagegen gibt es keinen Widerspruch), etwas dabei gedacht haben."

PS: Sogleich wuchtet Leser *** noch weitere Exempel für die nichtmaskuline u-Dekliniation auf den Eckladentisch: "Domus, manus, tempus, foedus – alles kein Maskulinum. Wo die herkommen, da gibt es noch mehr. Auch ganz ohne sexuellen Bezug. Aber nun zur wichtigen Frage: Warum sollte Latein den Schiedsrichter spielen? Haben wir keinen Mut zur eigenen Sprache?"

PPS: "Als Deutschlehrerin in Finnland muss (darf) ich widersprechen: Alle Nomen auf die Endung -mus sind maskulin, die mit der Endung -us haben damit nichts zu tun."


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Ob das Virus am Ende den Rassismus fördert?

Deutscheinitalien

Mit absichtsvoller Penetranz drückt uns die Werbung derzeit dunkelhäutige bis tiefschwarze Models als repräsentativ für die westlichen Gesellschaften auf, so dass wenigstens in diesem von progressiven Menschen bewirtschafteten Segment der von Rechtsextremen beschworene ominöse Austausch stattfindet, den es in der schnöden Wirklichkeit natürlich nicht gibt. Oder sehen Sie etwa, wenn Sie sich in ihrem persönlichen Umfeld umschauen, dermaßen viele Dunkelhäutige wie auf den Werbeplakaten? Eben.


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Die harte, aber notwendige Sensibilisierung gegen schlimme Anfänge erfasst nun auch einen bislang unbescholtenen Sportschuh-Hersteller:

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Hier aber irrt die zu recht wachsame Öffentlichkeit. Pumas Vorbild für den rechten Schuh war nämlich dieser nur mittelmäßig aggressive Verteidiger der deutschen Strafraumgrenzen von 1966 bis 1974:


beckenbauer