Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

9. April 2020



Sawsanstress


                                 ***

 

Schöne Formulierung in der Jungen Freiheit: Die Corona-Krise zeigt der EU buchstäblich ihre Grenzen.



                                 ***


Ich werde zwar nicht unbedingt mit Post zu Corona bombardiert, aber durchaus mit heftigem Feuer bestrichen – überwiegend handelt es sich um Zuschriften von Medizinern –, doch ich bleibe dabei, dass ich mich nicht dazu äußere, weil mir beide Positionen einleuchten. Zum Beispiel schildert eine Ärztin sehr drastisch die Wirkungen des Virus auf die verschiedenen Organsysteme (Lunge, Herz, ZNS) und beschreibt die schrecklichen Zustände auf den Covid-19-Stationen dieser Welt, während andere die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, für überschaubar und die Quarantäne-Maßnahmen für völlig überzogen halten.

Ich glaube beiden Seiten und pflichte ihnen ca. hälftig bei.

Was ich freilich grenzwertig finde, sind Nachrichten wie die, dass die Webseite einer Rechtsanwältin abgeschaltet wurde, weil sie die Maßnahmen verfassungsrechtlich bedenklich findet und dagegen klagt, dass Whatsapp das Weiterleiten von Nachrichten einschränkt, Bayerns Söder gefeiert wird, weil er das Bücherlesen im Freien für legal erklärt hat, oder wenn ich Meldungen wie diese lese:

"Auf Teneriffa wurden bereits vier Personen von dem Hubschrauber der Guardia Civil überrascht. Die erste gemeldete Person wurde während eines Telefonats in der Stadt Porís de Abona beobachtet. Ebenfalls aus diesem Gebiet meldete die Guardia Civil eine zweite Person, die ein dort lebendes Familienmitglied begleitete. Die dritte Person wurde beim Sonnenbaden auf einem Felsen in der Gegend von Arenas del Mar gesehen. Ein vierter Mann wurde vom Hubschrauber beim Angeln in einem Gebiet der Stadt Punta del Hidalgo beobachtet."

Man sieht, es handelt sich um kein deutsches Spezifikum.

Ein deutsches Spezifikum scheint allerdings das Gottvertrauen in eine Führung zu sein, die den Ausbruch des Virus erst verschlafen und kleingeredet hat, obwohl das Robert-Koch-Institut im Jahr 2012 ein detailliertes Katastrophenszenario vorgelegt hatte, über das die Bundesregierung das Parlament im Januar 2013 ausführlich unterrichtete. Darin wird eine Pandemie mit einem Modi-SARS-Virus aus Asien durchgespielt, das nach Deutschland kommt. ("Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge", heißt es in dem Papier. "Kinder und Jugendliche haben in der Regel leichtere Krankheitsverläufe mit Letalität von rund 1 Prozent, während die Letalität bei über 65-Jährigen bei 50 Prozent liegt.") Das Papier prognostizierte Abertausende Tote. Die Bundesregierung hat Steuermilliarden für alle möglichen Absurditäten ausgegeben, vom EU-Sponsoring bis zur "Willkommenskultur", aber keine Vorsorge für die eigenen Leute getroffen, nicht für ausreichend Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Beatmungsgeräte und anderes medizinisches Material (etwa Testkits) gesorgt. Nach dem Ausbruch tat Merkels Truppe ungefähr dasselbe, was alle zuvor befallenenen Länder taten. Es liegt kein Grund vor, diese Regierung für ihr "Krisenmanagement" zu loben.

PS: Bei Danisch fand ich diesen sehr überzeugenden Text eines Schweizer Arztes zur Gefährlichkeit von Covid-19 und zur Ignoranz der politischen Verantwortlichen im Westen.



                                 ***


Zwei ARD-Journalistinnen haben entweder die Meldung des Jahres, oder sie teilen sich einen Aluhut. Auf der Webseite der Tagesschau steht geschrieben:

"Darüber hinaus finden Taten mit rechtsextremem Hintergrund mitunter gar nicht den Weg in offizielle Statistiken. 2017 befragte das Bundeskriminalamt 30.000 Bürger über ihre Kriminalitätserfahrungen. Betrachtet man nur das Merkmal Hautfarbe, kommt man, hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ab 16 Jahren, zu einem erschütternden Ergebnis von 248.000 rassistisch motivierten Körperverletzungen. Das Bundesinnenministerium meldet dagegen nur 158 rassistische Gewalttaten."

Das heißt, das Bundesinnenministerium verschweigt eine Viertelmillion "rassistisch motivierte" Körperverletzungen in ‘schland! Das ist ungeheuerlich! Die Dunkelfeldforschung ging bislang bei Straftaten von einer ca. vierfach höhren Zahl als gemeldet bzw. ermittelt aus, aber eine anderthalbtausendfach höhere, das ist schon eine andere Hausnummer. Es wird freilich nicht ganz klar, was mit dem Kriterium "Hautfarbe" gemeint sein mag; hat ein Syrer, Afghane oder Türke eine andere Hautfarbe als die beiden öffentlich-rechtlich schaffenden Blitzmädels? Ebenfalls unklar ist, auf welchen Zeitraum sich diese Bilanz beziehen soll; die 158 als Vergleichszahl führt uns wohl ins Jahr des Herrn 2017. Weiland registrierte die Polizeiliche Kriminalstatistik 145.658 Tatverdächtige bei "gefährlichen und schweren Körperverletzungen" (inclusive "Verstümmelung weiblicher Genitalien", was meistens nix mit Rassismus zu tun hat, sondern ihn höchstens auslöst). Aber selbst wenn jede einzelne Körperverletzung rassistisch motiviert gewesen wäre – die mit deutschen Opfern und ausländischen Tätern selbstredend ausgenommen –: wo mögen diese 248.000 Opfer geblieben sein? Denn über sie Bescheid wissen sollten die Beamten ja, weil die Kliniken normalerweise jeden Patienten, der als Opfer einer Körperverletzung bei ihnen vorspricht, der Polizei melden (müssen). Es werden ja wohl nicht nur Ohrfeigen und laxe Tritte in den Po gewesen sein, oder? Die Journalistinnen schreiben schließlich von Körperverletzungen. Gut, bei einem so enormen Andrang kann schon mal der eine oder andere von Rassisten ausgeschlagene Zahn unter den Statistiktisch fallen, doch eine Viertelmillion Fälle?

Ein Experte, kein Kriminologe, kein Statistiker, kein Notfallchirurg, sondern einer aus der harten Wissenschaft, ein "Rechtsextremismusforscher" namens Matthias Quent wird nun als Sekundant herbeizitiert. "Betroffene gehen häufig nicht zur Polizei, sie haben kein Vertrauen. Sie sehen darin vielleicht auch kein Sinn“, staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich: Zum Arzt gehen sie auch nicht? Stattdessen rufen sie alle bei Quent an, sonst wüsste der doch nicht genau Bescheid darüber, dass und warum sie nicht zu Polizei gehen. Anders jedenfalls ist der empirische Quentensprung kaum erklärbar.

Fehlt noch was? Ja, das Klima, in diesem eher konventionellen Sachverhalt aber lediglich das gesellschaftliche. "Es gibt auch keine Kultur in Deutschland, die dazu ermuntert, solche Vorfälle zu berichten, um sie gesellschaftlich zu problematisieren und damit auch ein Zeichen zu setzen", erklärt Herr Quent.

Das ist fast noch bizarrer als die herbeigewuchtete Opferzahl. Es gibt in Deutschland also keine Kultur, die dazu ermuntert, Rassismus zu beklagen, anzuprangern, in feinstaubminimalen Mikrodosen zu messen, ja sogar zu "konstruieren" bzw. zu erfinden? In einem Land, dessen politisch-mediales Establishment und gesamte Kulturschickeria täglich den Rassismus (der Einheimischen) beschwört, wo "Wochen gegen Rassismus" ausgerufen werden, Initiativen gegen Rassismus so dicht wachsen wie Zwergkiefern in der Baumschule, wo sich "Schulen ohne Rassismus" ernennen, Fußballvereine, Kirchen, Theater gegen Rassismus "kämpfen", Unis, Kindergärten und Omas gegen Rassismus "aufstehen" und antirassistische Stiftungen, bei denen es sich nicht selten um Linsextremistensüppchenkochklubs handelt, mit Steuergeld gepampert werden? Das ist ungefähr so, als hätte der Inquisitor Bernard Gui um 1310 herum behauptet, es gäbe in Frankreich keine Kultur, die dazu ermuntere, Katharer und andere Häretiker zu verfolgen.


PS: Ob die beiden wonnigen Schreibmaiden auch diese zu "Prügeleien" mit Teilnehmern gleicher Zahl und Gewichtsklasse verniedlichten Hetzjagden zu den verschwiegenen rassistischen Taten rechnen würden?

PPS: Leser *** fragt, ob womöglich jede Körperverletzung an einem Menschen mit dem "Merkmal Hautfarbe" in diesem Zahlenspiel hochgerechnet wurde, weil jede Straftat gegen einen Ausländer als rassistisch gelte: "Wenn also ein Afghane einen Iraker verprügelt, ist das demnach auch eine rassistische Tat. Die Täter bleiben in solchen Fällen gerne unerwähnt. Da sich unsere Dauergäste aber eben auch gerne untereinander Körperschäden zufügen, sind die 248.000 vielleicht tatsächlich nicht aus der Luft gegriffen."

Ich habe keine Ahnung.


                                 ***



"Corona"-bedingte Herumlesefunde.

Eins.
In seiner Nabokov-Biographie zitiert Brian Boyd den Autor und Literaturdozenten Alfred Appel, der nach seiner ersten "Lolita"-Vorlesung an der Columbia University diesen Dialog zweier Studienanfänger aufgeschnappt hatte:
"Liebst du nicht auch jeden Satz?" "Doch. Welche Passage gefällt dir am besten?"
Darum geht es: um jeden einzelnen Satz. Und dann wird das Gremium derer, die man unbedingt lesen muss, recht überschaubar.

Zwei.
Im Film "300" (den der Pathetiker in mir, dem so selten das Wort erteilt wird, natürlich mag) kommen recht gleich am Anfang die persischen Abgesandten nach Sparta. König Leonidas empfängt sie und nimmt ihre Botschaft entgegen; sie lautet: "Erde und Wasser", also Unterwerfung zu Land und zur See. Der Film-Leonidas ist von der Forderung nicht nur unbeeindruckt, sondern er wird richtig böse und lässt die Boten in einen tiefen brunnenartigen Schacht werfen (den Anführer tritt er mit dem Ruf "This is Sparta!" selbst hinein).

In Plutarchs "Griechische Heldenleben", im Themistokles-Buch, Kap. 6, steht geschrieben:

"Lobend erwähnte man auch sein" – also des Themistokles – "Vorgehen gegen den Dolmetscher, der im Gefolge der Gesandten des Perserkönigs Erde und Wasser forderte. Denn wenn auch sein Amt als Dolmetscher es erforderte, Griechisch zu sprechen, ließ Themistokles ihn doch verhaften und hinrichten aufgrund eines Volksbeschlusses, er habe die Sprache der Griechen für die Forderungen der Barbaren missbraucht."

Also die Athener waren's, nicht die Lakedaimonier, und nicht die Gesandten mussten dran glauben, sondern wie immer der Überbringer der schlechten Nachricht. (Ich weiß, es gibt noch den Passus bei Herodot, demzufolge die Boten sowohl in Sparta als auch in Athen in mysteriöse Gruben gestoßen wurden, allerdings noch unter der Herrschaft des Dareios, nicht des Xerxes.)

Drei –
und wie derzeit regelmäßig bei mir eine Frucht aus Ciorans Notizen:
"Die Politiker der Antike umgaben sich gern mit Philosophen, die von heute bevorzugen Journalisten."


                                 ***


Nach der Meinung von Spiegel TV, bezeugt die Zeitgeist-Schrottsammelstelle, "liefert Renaud Camus mit seinen rechtsextremen und völkischen Texten den Nährboden für Attentate wie die in Halle oder Christchurch".

Wie rührend, diese unbewussten Nachhutgefechte des deutschen Idealismus! Aber wo der alte Marx recht hatte, hat er bis heute recht: Es sind keineswegs oder jedenfalls nicht primär Texte, die solche Taten bewirken, sondern Zustände. Dass diejenigen, die an der Herbeiführung solcher Zustände beteiligt waren, jetzt auf andere Ursachen zeigen und die Zustände leugnen, gehört zu ihrem durchaus schmutzigen Geschäft.



                                 ***


Auf die Bibliothek des Konservatismus ist in der Nacht vom 5. zum 6. April "mit Farbe und Hammer" ein Anschlag verübt worden. "Ob es die Systemmedien melden werden?", fragt Leser ***, der mir den Link auf das Bekennerschreiben schickte.

"Die Operation 'konservative Bibliothek' wurde ohne die Mitwirkung von Cis-Männern durchgeführt", heißt es dort. "Lasst uns auf eine verantwortungsvolle Weise die Kontaktbeschränkungen umgehen. Wir brauchen keine Erlaubnis für unseren Widerstand!"

Die Bibliothek "bietet rechtskonservative, rechtsextreme und antifeministische Literatur und Zeitschriften an. Somit ist sie ein Ort, an dem faschistische Ideologie dazu ermutigt, menschenverachtende Gewalt auszuüben."

Die "Faschisierung unserer Gesellschaft" werde "immer sichtbarer"; unter anderem in Hanau, wo zehn Menschen "von einem Faschist ermordet" wurden, "und der antisemitische und antifeministische Anschlag in Halle ist schon längst in Vergessenheit geraten". Das steht da wirklich: der antifeministische Anschlag von Halle. Und einen Satz weiter ist davon die Rede, "Feminizide" würden "nicht als solche benannt". In Halle erschoss der Täter eine Frau und einen Mann, in Hanau fielen dem Amokläufer – neben seiner Mutter – eine Frau zum Opfer, aber acht Cis-Männer. Es war ein Maskulizid.

Egal, wie groß diese "Widerstandgruppe" ohne Cis-Männer gewesen ist, wenn man den Grips von jedem beliebigen Referenten, der in den vergangenen zwölf Monaten in der BdK aufgetreten ist, auf sie verteilte, schaute jede einzelne deutlich gescheiter aus ihrer wahrscheinlich ziemlich reizarmen Wäsche.


                                 ***


Krall Coronabonds


                                 ***


Ja, ich bin zurückgekehrt zum Cembalo wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Pianofortespielern die Schweine gehütet.