Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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14. Mai 2020


Was ist die Plünderung eines Sozialstaates schon gegen die Gründung eines Sozialstaates?
(Frei nach Brecht)


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Heute nur schnell zwei sogenannte Must see-Verweise – auch der Eckladen geht mit den Sprachtrends! –, zunächst Gottfried Curios glänzend luzide Analyse der Anklagerede von Not-My-President! Steinmeier zum 8. Mai, einer Rede, die als Dokument der politisch-semantischen Gaunerei durchaus selber historisch zu werden verspricht und die in aller gebotenen entomologischen Kälte zu analysieren ich mir deshalb verkniffen habe, weil ich aus ästhetischen, moralischen und vor allem physiologischen Gründen außerstande bin, dem Mann länger als eine Minute zuzuhören; wer hier nicht "in allen Farben der Not, grün und grau vor Ekel, Überdruß, Verdüsterung, Vereinsamung schillert, der ist gewiß kein Mensch höheren Geschmacks", wie Freund Nietzsche die Sache, wenngleich in anderem, allgemeineren Kontext, auf den Punkt brachte ("Jenseits von Gut und Hitler"*, Zweites Hauptstück, 26; das "Mitgefühl" habe ich im Zitat aus guten und wahren Gründen weggelassen).

Curio diagnostiziert in Steinmeiers Worten den Willen zu einer "Politik der kontinuierlichen Retraumatisierung" der Deutschen, der Bundespräsident betrachte das von ihm kurioserweise repräsentierte Volk (das es eigentlich gar nicht gibt; einzig im Sinne der Schuldzuweisung formiert es sich zu einem verurteilenswerten Ganzen) als "offenbar genuin zum Verbrechen geneigt", um seine "völlig begründungslose Vorbringung von EU-Dogmen als 'Lehren aus 1945'" vorzutragen, er häufe Kollektivanklage auf Kollektivschuldunterstellung gegen dieses Volk bzw. Land – und nicht etwa gegen die Nationalsozialisten –, um seinen "amtsmissbräuchlichen Wahlkampf" gegen die Opposition zu treiben, und zwar auf einem geistigen Niveau, welches zeige, wie sehr Steinmeier "die Deutschen auch intellektuell verachtet".



Weit erfreulicher ist dagegen diese kurze Ansprache von Ghanas Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo. Sein Treffen mit Macron liegt bereits zweieinhalb Jahre zurück, und es ist bemerkenswert, dass eine solche Rede zwar öffentlich gehalten wurde, praktisch aber in einem medial hermetisch abgeschotteten Raum stattfand – eine Million Migranten dringen leichter nach Europa durch als eine präsidiale Rede falschen Zungenschlags –; ich bin erst vor kurzem von einem Leser auf sie hingewiesen worden. Nana Addo erklärt sich ausdrücklich gegen die Aufnahme afrikanischer Flüchtlinge durch die EU, er sagt, dass Afrika diese jungen Männer selber brauche – "Wir wollen, dass junge Afrikaner in Afrika bleiben!" – und spricht nebenher einige Wahrheiten aus, für die ein europäischer Politiker gegrillt würde, etwa die, dass der afrikanische Kontinent so reich sei, dass eigentlich die Afrikaner die anderen unterstützen müssten und nicht umgekehrt, oder dass Länder wie Malaysia, Singapur und Korea zur selben Zeit unabhängig wurden wie die Afrikaner – das BIP in Korea habe damals unter jenem von Ghana gelegen – und heute zur Ersten Welt gehören. "Es ist nicht richtig für ein Land wie Ghana – 60 Jahre nach der Unabhängigkeit – finanzielle Mittel für die Gesundheit oder Bildung von der Großzügigkeit der europäischen Steuerzahler abhängig zu machen." Afrika müsse es selber schaffen.
 

* (Dieser Geistesblitzeinschlag stammt von Eckhard Henscheid.)