Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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16. Juni 2020


"Die Süddeutsche muss weiblich bleiben!
 Mindestforderung: Süddeutsche Beobachterin."
(Leser ***)


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Angesichts solcher Bilder – wir sehen die gestürzte Statue des dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, vor der Jefferson High School in Portland (Oregon) –:


Sklavenhalter liegend


fragt Leser ***, ob sich die "progressiven und diversen Aktivisten" tatsächlich damit begnügen wollen, Denkmäler umzustoßen, wo sie doch gleich die US-Hauptstadt umbenennen könnten? Schließlich habe George Washington Sklaven besessen.
 
"Die Hauptstadt nach einem Sklavenhalter benannt? Unerhört. Warum nicht einen anderen George als Namensstifter? Wie wär es mit Floydtown D.C.?"

PS: "Wenn, dann doch bitteschön Floydograd."
(Leser ***)


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Fragen eines lesenden Arbeiters, x.te Folge (Netzfund):


Repräsentativ

 
Und warum kniete 2001 keiner nieder, um sich stellvertretend zu entschuldigen? War wohl nix Strukturelles, das können nur Weiße.


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Leserin *** moniert die gelegentliche Verwendung des Kürzels "BRD" während meiner Eckladenmonologe und vermutet meine Herkunft aus der "Ostzone" dahinter. "BRD", notiert sie, "war SED-Bonzensprech. Ich habe sehr, sehr gern in der Bonner Republik gelebt. Gerade weil man sie heftig kritisieren durfte, weil es Meinungsfreiheit gab und die Medien noch unterscheidbar waren. Natürlich trug sie 'den Keim des Verderbens' schon in sich, doch die BRD war sie nie. Die BRD gab es nur in Bonzengehirnen. Die ihr Ziel erreicht haben. Wir sind jetzt die BRD. In einer Form, die nachträglich die ehemalige DDR fast sympathisch macht, wenn das möglich wäre. Es ist nicht möglich.
Sie können es sich nicht vorstellen: 'Freiheit statt Sozialismus', mit dieser und ähnlichen Parolen gewann die CDU die Wahlen. Es ist vorbei, alles ist dahin. Und es konnte nicht anders kommen. Ein ausgehöhltes, leeres Bürgertum konnte der 1968er-Bewegung geistig nichts mehr entgegensetzen. Amen."

Besser, hochgeehrte Frau ***, hätte ich es selber nicht beschreiben können, warum ich neuerdings mitunter auf diese Abkürzung zurückgreife.


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Man würde ihn den Wilhelm Furtwängler seiner Generation nennen, wenn er nicht schwarz wäre: Brandon Keith Brown. Sie haben den Namen nie gehört? Eben! "Wir werden immer als etwas Unerwartetes bestaunt, wenn wir die Bühne eines klassischen Orchesters betreten." Also sprach der schwarze Dirigent Brandon Keith Brown zum Deutschlandfunk. (Jetzt bitte "Eroica", Marcia funebre, Adagio assai, c-Moll.)

Welcher Musiker möchte schon als etwas Unerwartetes oder Wundertier bestaunt werden? Schon Mozart und der erste komponierende Quasi-Schwarze Beethoven wollten das nicht. Nicht mal der Indianer Liszt! Auch Jimi Hendrix und James Brown nicht, aber die machten das beste draus, indem sie gar nicht erst in klassische Konzertsäle gingen, um nicht vom klassischen Konzertpublikum angestaunt werden zu müssen.

"Wir gelten unbewusst als minderwertig – einfach, weil wir schwarz sind", fährt Brandon Keith Brown fort, der nicht nur die Partituren der Weißen, sondern auch deren schwarzes Unterbewusstsein kennt.

Grace Bumbry, Leontyne Price, Simon Estes, Jessye Norman wurden zwar weltweit vom Publikum gefeiert und, wie man sagt, auf Händen getragen, aber unbewusst hielt der weiße Konzertpöbel sie für minderwertig.

"Die klassische Musik unterteilt die Gesellschaft nach Rasse und Klasse."

Deswegen möge sie fürderhin auch Rassik heißen!
(Willkommen bei Rassik-Radio! Wir laden ein zu den Rassik-Wochen im BR!)

"Schauen Sie sich doch in den Konzertsälen um, wer da sitzt, und wer da nicht sitzt. (...) Das ist eine hoch-fein verlesene Zuhörerschaft, ein ganz bestimmtes Grüppchen von Weißen, die da zuhören."

Seit Jahren demonstriere ich abwechselnd vor der Münchner Oper und der Berliner Lindenoper (und demnächt auch vor dem Bayreuther Festspielhaus!), dass die Schilder "Kein Zutritt für Neger" entfernt werden – vergeblich. Nicht einmal mein Vorschlag, sie durch "Kein Zutritt für Kanaken" zu ersetzen, weil die ja eh nicht reinwollen, stieß auf Gegenliebe.

Ansonsten ist der Rassismus auch seitens der ja durch die Bank weißen Komponisten ein strukturelles Problem, die Partituren z.B. Bachs sind extra so gesetzt, dass Schwarze spätestens beim Einsetzen der dritten Stimme nicht mehr mitkommen, das heißt, ohne es explizit zu formulieren, schrieben sie nur für ein weißes Publikum. Der weiße Kitschier Puccini hat das indirekt eingestanden, als er bemerkte, er komponiere für alle Menschen, "auch für die Neger, wenn sie sich einmal entwickelt haben".

"Hier wird natürlich nicht die Musik verkauft, sondern hier wird im Grunde nur die Überlegenheit der weißen Rasse verkauft." (Es spricht immer noch Brandon Keith Brown.)

Derselbe Verdacht kam mir vor vielen Jahren erstmals, und zwar bei Schuberts "Winterreise". Es kann auch beim "Deutschen Requiem" von Brahms oder den doch sehr rassendünkelhaften "Metamorphosen" von Strauss gewesen sein. Allerdings darf man die Anklage dieses Rassendünkels keinesfalls auf die Musik beschränken! Auch die Atomphysik, die Relativitätstheorie, die Raketen - und Computertechnik, ja sogar der Fahrzeug- und Brückenbau, alles wird uns als Überlegenheit der Weißen verkauft!    

"Das klingt jetzt sehr abstoßend und ekelhaft – weil es abstoßend und ekelhaft ist.“

Also sprach Brandon Keith Brown. Haben Sie sich den Namen endlich gemerkt? Ansonsten wäre das ganze Gegacker ja umsonst gewesen, oder ist irgendwo ein Ei zu sehen?



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Man muss die richtigen Fragen stellen. Etwa:

"Warum wollen so viele Menschen von Farbe lieber ausgerechnet in jenen Ländern leben, die ihnen laut öffentlicher Weltmeinung das Leben so fürchterlich zur Hölle machen?
Zu gebende Antwort, wenn man seinen Job behalten will:
Weil die Weißen den Menschen von Farbe in deren Heimatländern deren Leben noch fürchterlicher zur Hölle machen."

(Mehr dazu, mit Umfrageergebnissen zum Woher und bevorzugten Wohin, hier.)

Wenn se dann halt hier sind, gilt es allgemein als rassistisch, diskriminierend, herabwürdigend, beleidigend, anmaßend, herrenmenschenhaft und dingens, äh, faschistoid, sich nach ihrer Herkunft zu erkundigen, weil damit der angebliche Fremde noch exponentiell zum Fremden gemacht werde.


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Ein Weißer kann das nicht verstehen, weil er keiner Rasse angehört. Deswegen kann er auch nicht wegen seiner Rasse diskriminiert werden. Außerdem hat der Kerl gut reden, wo doch vor seiner Haustür immer sauber gekehrt war!


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Es sind auch in der Regel Weiße, die sich darüber aufregen, wenn zweierlei Maßstäbe gelten. Aber die gelten ja nur wegen ihnen und bis sie endlich weg oder zumindest nicht mehr oben sind!


Gute Party

Böse Party


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"Das über die Romantik Gesagte"  möchte Leser*** "nicht hinnehmen. Mit der gleichen Begründung könnte man die Wurzeln des Nationalsozialismus in der Romantik verorten, was zu behaupten, sich besonders kulturell verwahrloste, zumeist staatsaffine Intellektuelle erdreisten. Vor Jahren sah ich beispielsweise eine Sonderausstellung im Louvre, die unter deutscher wissenschaftlicher Federführung stand und genau einen solchen Zusammenhang, eine direkte Linie von Caspar David Friedrich zum Nationalsozialismus heraufbeschwor. Diese Denkweise ist mindestens so abscheulich, wie die penetranten Versuche, Wagner posthum für den Nationalsozialismus zu vereinnahmen. Man schlägt damit von offizieller Seite natürlich zwei Fliegen mit einer Klappe. Man diskreditiert die deutsche Kultur und verschleiert den Einfluß der damaligen politischen Verhältnisse und Ereignisse auf die Entstehung des Nationalsozialismus (Versailles, Bolschewismus etc.). Daß man man auf diese Weise mit der deutschen auch die europäische Kultur mit dem Bade ausschüttet, kommt diesen intellektuellen Bewältigungsexhibitionisten anscheinend nicht ungelegen.

Nach meiner Auffassung ist die Romantik der Wiedereinbruch der Transzendenz in die menschliche Realität, die den Blick über den Horizont des Verstandes hinaus rekultiviert hat. Die Hinwendung zur Natur war mehr als eine Realitätsflucht. Dahinter stand das Bemühen, die Stellung und Bedeutung des Menschen , mithin auch des menschlichen Verstandes innerhalb der Schöpfung neu zu justieren. Auf diese Weise wurde die menschliche Vernunft relativiert und ihr Zuständigkeitsbereich in gewissem Sinne reprivatisiert. 'Die moderne Tragödie ist nicht die der besiegten, sondern die der triumphierenden Vernunft', schrieb Dávila. Wann immer der Verstand triumphiert, wendet er sich gegen sich selbst, gegen die menschliche Natur. In der Folge wird das Individuum beliebig und austauschbar, bevor das menschliche Leben selbst zu einer Verhandlungsmasse herabgewürdigt wird. Denn der vergöttlichte Mensch kennt keine Gnade. Und wenn es eine nachvollziehbare Linie gibt, dann jene zwischen Aufklärung und Apotheose im allgemeinen bzw. der Französischen Revolution und dem Nationalsozialismus/Bolschewismus im besonderen."


Es gibt Aussagen, die man entweder mit Schweigen oder mit einem Buch beantworten müsste. Aus Rücksicht auf die Geduld der Eckladenbesucher entscheide ich mich für Version eins.

PS: Ich verwende den Begriff "romantisch" gemeinhin nicht kulturhistorisch, sondern synonym mit "eskapistisch".