Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

3. August 2020

 

Gendersternchen sind semantische Hijabs: Als sichtbares Glaubensbekenntnis markieren sie ihr Revier im Schriftbild und fordern andere Schreiber zur Unterwerfung auf.


                                 ***

"Für eine gewisse Sorte von handwerklich lausigen, dafür aber umso kämpferischeren Jungautoren im Online-Journalismus trifft es am ehesten der Begriff: 'Lumpenvolontariat'."
(Wolfram Ackner)


                                 ***


"Spare an der ZEIT, dann hast du in der Not."
(Leser ***)


                                 ***


Auch die Neue Zürcher Zeitung "nähert sich zunehmend der Alpen-Prawda an, viel fehlt nicht mehr", schreibt Leser *** und schickt mir dies:


200802 NZZ Kundgebung gegen Corona Massnahmen in Berlin

Zur Entschuldigung der Schweizer muss man wohl anführen, dass es sich bei der Autorin um eine Deutsche handelt, die in der Brühe einer deutschen Journalistenschule sowie deutscher Zeitschriftenredaktionen gegart worden ist; man bekommt ja kein anderes Personal hierzulande.

Verglichen mit dem, was über die letzte Dekade in den deutschen Journalismus hineinwuchs, ist eine Baumschule vielgestaltig und ein Nürnberger Reichsparteitagsmarschblock pittoresk.



                                 ***


Manchmal mischen sich schon länger hier Lebende unter die Gruppen, was gesondert vermerkt werden muss:


200801 WELTonline


Ist es nicht erstaunlich: An jedem Tag, den Allah werden lässt, schlagen oder messern ausländische Täter Eingeborene ins Krankenhaus (oder stoßen sie vor Züge), ohne dass die öffentlich-rechtlichen Staatsmedien es für verbreitenswert halten, aber wenn einmal der umgekehrte Fall geschieht, meldet es die Tagesschau in der Hauptnachrichtensendung. Und das ist journalistisch gesehen auch richtig so, denn wie schon der Volontär lernt, ist "Hund beißt Mann" keine gute Story, "Mann beißt Hund" aber allemal.

PS: Der M(L)DR teilt mit:


Screenshot 2020 08 03 13.11.25


Auch das ist man von Gewalttätern mit dem existenzveredelnden Hintergrund gewohnt; sie kommen oftmals auf freien Fuß, ehe bei ihren Opfern die Blutungen gestillt sind, was aber auch daran liegen kann, dass die Gefängnisse inzwischen so voll sind, dass einfach kein Platz mehr ist – nicht mal für biodeutsche Rassisten. Hélas!


                                 ***


Zu den wirklich wichtigen Dingen. Der Deutschlandfunk funkt:


Screenshot 2020 08 02 14.25.04


Der Biologe Prof. Martin S. Fischer, Mitautor der "Jenaer Erklärung" zur Abschaffung des Rassebegriffs, wird zitiert mit den anheimelnden Worten: "Wir werden häufig gefragt: Wenn wir nicht mehr ‚Rasse‘ sagen dürfen – was schon schlimm genug ist, dieser Satz – wenn wir nicht mehr ‚Rasse‘ sagen dürfen, was sollen wir denn dann sagen? Sollen wir jetzt Population sagen? Sollen wir Ethnie sagen? Das Erste, was ich antworten würde: Man soll nicht ‚Rasse‘ nicht mehr sagen, sondern man soll ‚Rasse‘ nicht mehr denken." Ein echter deutscher Wissenschaftler greift an die Wurzel und reißt sie aus!

Die genetischen Differenzen zwischen den Gruppen sind nämlich so minimal, dass es unsinnig ist, von verschiedenen Rassen zu sprechen:


Screenshot 2020 08 02 13.43.58

Richard Lewontin, Evolutionsbiologe an der University of Chicago, hatte im Jahr 1972 Blutproteine von Menschen aus der ganzen Welt untersucht und war zu dem Ergebnis gelangt, dass die meisten genetischen Unterschiede – etwa 85 Prozent – innerhalb einer menschlichen Population bestünden, die Unterschiede zu anderen Populationen oder Rassen indes nur etwa 15 Prozent betrügen. Die rassische Variabilität erschien ihm folglich als minimal im Vergleich zur Gesamtvariabilität, und seine Argumentation gehört bis heute zum Repertoire dickhirnschaliger Vielfaltsplanierer. Aber anno 2003 brach die gesamte Argumenation zusammen. Im erwähnten Jahr führten die US-amerikanischen Genetiker Jeffrey C. Long und Rick A. Kittles (ein Schwarzer übrigens) eine Art Überprüfung dieser Werte durch, sie untersuchten acht genetische Merkmale von acht menschlichen Populationen, fügten allerdings der Analyse noch eine Gruppe von Schimpansen hinzu. Legte man Lewontins Werte zugrunde, hätte kein Rassenunterschied zwischen den Affen und Menschen existiert.

Ein paar Prozent Abweichung können eben verdammt viel sein.

Wir sind gleichwohl bei Strafe des Exkommunziertwerdens gehalten, nur die Gemeinsamkeiten zu sehen und alle Unterschiede zu ignorieren. Das ist, wie so vieles Wohlmeinende, totalitär. Für den Kultivierten, dem die Nuancen alles sind, und seien es nur die zwischen Rameau und Couperin oder zwischen foie gras de canard und foie gras d'oie, ist es die reine Barbarei.

Dabei reichen bereits die Unterschiede zu meinem Nachbarn, um mit ihm nichts zu tun haben zu wollen. Dass wir alle Menschen sind, ist eine Binse, die gar nichts sagt; Ralf Stegner und Georg Restle sind auch Menschen. Und sogar noch ethnisch besonders ähnliche! Vielleicht schlägt jemand einen Aliasbegriff für "Rasse" vor? Aber nein, der Professor von vorhin hat ja verboten, auch nur daran zu denken – und was es nicht gibt, dafür gibt es auch keine Aliasbegriffe. Deswegen gibt es umgekehrt keine Asiaten und erst recht keine "Schwarzen".


Screenshot 2020 06 11 18.48.04


                                 ***



PS:

Molekulargenetikerin



Man wird sagen: Die Idee, dass es Rassen gar nicht gibt, verhalf immerhin einer zum Verschwinden.


                                 ***


An allen deutschen Höfen des 18. Jahrhunderts sprach man französisch, am Wiener Hof italienisch. 250 Jahre später erklären deutsche Politiker, dass Englisch die Hauptsprache sei. Mehr sprachliche Selbstverleugnung kennt kein Volk. Aber was ist alles geschrieben worden in diesen 250 Jahren!

                             
                                 ***


Lange nichts mehr von einem speziellen Fan(t), einem außerfahrplanmäßigen Professor aus der Marx-Geburtsstadt, gelesen. Geht’s Ihnen gut, Mensch? Leckt man sich bei der NZZ noch nach Ihren messerscharfen Analysen das Blut von den Fingern? Lassen Sie sich und mich nicht hängen!



                                 ***


Mitunter bekommt unsereins Mails, die einen sprachlos machen in ihrer wirren Anmaßung und politisch korrekten Selbstgerechtigkeit. 

Ein Leser schreibt, wenn ich "Herrn Kant" als "eine der reinsten und schönsten Seelen der Geistesgeschichte" bezeichne (Acta vom 18. Juni ), verkennte ich "dessen 'selbstzerstörerische' (Horkheimer, Adorno) Ideologie. Wer 29 voluminöse Bände und einige Schriften benötigt, um eine Philosophie der EIN-fachheit darzulegen, hat Schwierigkeiten im Ausdruck oder will verschleiern. Schon Artur Schopenhauer meinte wegen seiner 'verschwurbelten' Sätze, dass er seine Philosophie nicht verstanden habe. Bekanntlich gibt es Kritik an der Kantischen 'Aufklärung' seit ihrem Bestehen.

Sloterdijk setzte seine 'Kritik der zynischen Vernunft' gegen dessen 'Kritik der reinen Vernunft'. Selbst J. Habermas sprach von ihrem 'enttäuschenden Verfall', hielt sie für 'zerbrochen'. Die von heutiger Politik verursachte Dekadenz kritisieren Sie zu Recht beharrlich. Sie sollten auch mal erwähnen, dass  bekennende 'Aufgeklärte' (Kanzlerin u.A.) sie bewirken.

Dass Kant auch noch ein übler Antisemit und Rassist war, der gar Euthanasie befürwortete, entging Ihnen anscheinend ebenfalls:

– Kant bezeichnete die Juden als eine 'Nation von Betrügern' und als 'Vampyre der Gesellschaft'; außerdem unterstellte er ihnen eine 'Gemüthsschwäche im Erkenntnißvermögen' (…) 'Die Euthanasie des Judentums ist die reine moralische Religion.' 

– Vom Rassismus durchtränkt glaubte der Philosoph auch an eine Hierarchie der Menschen: 'Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften. […] Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.'

– Kant wies das situative Mitleiden ab 'als tugendlos, schwach, blind, als Verletzung der Ehre des Menschengeschlechts'.

Mit Verlaub gesagt, auch anhand Ihrer anderen Kommentare halte ich Sie für ein Opfer dieser 'Aufklärung'."


In diesem Schreiben ist fast alles falsch oder falsch verstanden, und ich muss mich förmlich zur Antwort zwingen, weshalb ich’s öffentlich tue, auf dass vielleicht der eine oder andere Brosamen der Erkenntnis dabei abfalle.

Erstens. Es gibt eine Kant-Gesamtausgabe in tatsächlich 24 Bänden, herausgegeben 1910 von der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Darin befinden sich allerdings auch der Briefwechsel, der handschriftliche Nachlass und die Vorlesungen. Die allgemein genutzte Weischedel-Ausgabe umfasst zwölf Bände, keiner davon ist "volumininös". Kant wurde 79 Jahre alt; dafür ist sein Œuvre nicht übermäßig umfangreich.

Zweitens. Der Begriff "einfach" beschreibt philosophisch das Gegenteil von "zusammengesetzt" (neudeutsch: unterkomplex/komplex). Kant wollte keine Philosophie der Einfachheit schreiben, sondern philosophieren lehren. "Schwer und verwickelt" sei das Objekt der Philosophie, notierte er beispielsweise in seiner "Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral" anno 1764.

Drittens. Einige der Werke Kants gehören zu den Achttausendern der Philosophie, und diese Höhe ist nicht ganz anstrengungslos zugänglich. Aber wer will, kann Kant verstehen. Die Transzendentalphilosophie arbeitet mit klar definierten Begriffen und Kategorien. Obendrein ist sein Werk in andere Sprachen übersetzbar, ohne dass dessen Eigentümlichkeit verloren ginge. Es gibt hervorragende Lexika und Kommentare zu den drei Kritiken, guten Teils von englischsprachigen Autoren.

Viertens. Obwohl er Kants Schwurbeleien nicht verstanden hat, fühlte sich Schopenhauer als dessen Erbe und Fortsetzer. Er nannte die "Kritik der reinen Vernunft" das "wichtigste Buch, das jemals in Europa geschrieben wurde". Kant "ist mit seinem Denken nicht zu Ende gekommen: ich habe bloß seine Sache durchgeführt" ("Die Welt als Wille und Vorstellung" I). In der Vorrede zur zweiten Auflage seines Hauptwerks wiederholt Schopenhauer, "daß meine Philosophie von der Kantischen ausgeht und daher eine gründliche Kenntnis dieser voraussetzt ... Denn Kants Lehre bringt in jedem Kopf, der sie gefaßt hat, eine fundamentale Veränderung hervor, die so groß ist, daß sie für eine geistige Wiedergeburt gelten kann."

Bekanntlich enthält das erste Buch von "Die Welt als Wille und Vorstellung" einen langen Anhang zur "Kritik der Kantschen Philosophie"; darin heißt es über den Stil des Königsbergers, er trage "durchweg das Gepräge eines überlegenen Geistes, ächter, fester Eigenthümlichkeit und ganz ungewöhnlicher Denkkraft; der Charakter desselben lässt sich vielleicht treffend bezeichnen als eine glänzende Trockenheit, vermöge welcher er die Begriffe mit großer Sicherheit fest zu fassen und herauszugreifen, dann sie mit größter Freiheit hin- und herzuwerfen vermag, zum Erstaunen des Lesers. (...) Dennoch ist Kants Vortrag oft undeutlich, unbestimmt, ungenügend und bisweilen dunkel. Allerdings ist dieses Letztere zum Theil durch die Schwierigkeit des Gegenstandes und die Tiefe der Gedanken zu entschuldigen".

Fünftens. Horkheimer/Adornos "Dialektik der Aufklärung", welcher zufolge, grob gesagt, der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit stracks nach Auschwitz führte und von dort weiter in die Zerstörung des Planeten, hat mit Kant wenig zu tun. Ich darf an dieser Stelle daran erinnern, dass Kant die Vernunft nicht verherrlicht, sondern ihr einen fairen Prozess gemacht hat. Die jakobinische Göttin ist nicht die Göttin Kants. Er wusste, welchen schwankenden Grund wir betreten, wenn wir uns auf die menschliche Vernunft berufen. Kants Göttin ist allenfalls die Sittlichkeit; nur in unserer Moralität dürfen wir an die Freiheit glauben – aber auch hier machte er sich keine Illusionen. "Man kann sich eines gewissen Unwillens nicht erwehren, wenn man ihr (der Menschen – M.K.) Tun und Lassen auf der großen Weltbühne aufgestellt sieht und bei hin und wieder anscheinender Weisheit im Einzelnen doch endlich alles im Großen aus Torheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt findet: wobei man am Ende nicht weiß, was man sich von unserer auf ihre Vorzüge so eingebildeten Gattung für einen Begriff machen soll." ("Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht", 1784). Gleichwohl vertraute Kant darauf, dass diese krumme Gattung ihre kooperativen Anlagen langsam, aber unaufhaltsam entwickle, vor allem durch eine stetige Verrechtlichung der Verhältnisse.

Es ist ja kein Zufall, dass sich – bislang, ich komme am Ende darauf – nie ein politischer Schurke auf Kant berufen hat. Wer will, mag sich ausmalen, was Kant zu Auschwitz gesagt haben könnte – und was Georg Wilhelm Friedrich "Alles Wirkliche ist vernünftig" Hegel gesagt haben müsste. ("Hegel in Auschwitz" wäre ein noch zu schreibender Einakter.) Aber solche Gedanken sind letztlich ahistorisch und unstatthaft.

Sechstens. Sloterdijk setzte seine "Kritik der zynischen Vernunft" nicht gegen "Die Kritik der reinen Vernunft" – das sind verschiedene Genres, er paraphrasiert bloß den Titel –, sondern gegen das "Projekt Aufklärung", das in den Zynismus geführt habe ("Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein"). Das "kritische Geschäft" sei damit teils egal, teils instrumentalisiert (ge)worden. Schon möglich. Ich habe nie bezweifelt, dass Kant im 18. Jahrhundert gelebt hat und seither einiges passiert ist.

Siebentens. "Kant befürwortete die Euthanasie." Dieser Leser hat keinen Schimmer, was er da schreibt. Zunächst einmal befürwortet wohl jeder Mensch auf Erden die Euthanasie: den guten, angenehmen ("schönen") Tod, den schnellen Tod zur rechten Zeit, ohne Qual und Agonie, zumindest für sich und seine Angehörigen, denn nichts anderes meint der Begriff εὐθανασία (eu – schön, Thanatos – der Tod). Die Eugeniker des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts und schließlich die Nationalsozialisten schrieben den Begriff ins Volksgesundheitliche um, womit Kants Bemerkung nichts zu tun hat, und am Ende wurde die "Vernichtung unwerten Lebens" daraus – wobei diese Vernichtung heute mit dem Segen aller Altparteien und Gazetten und bald wohl auch der Kirchen munter weitergeht, indem jedes dritte Kind in Kein-schöner-Land "an der Wand des Unwillkommenseins zerschellt" (Sloterdijk); heute wird uns die Euthanasie eben als weibliche Selbstverwirklichung und das werdende Kind als "Zellklumpen" verkauft, obwohl dessen Herz längst schlägt.

Was meinte aber Kant, wenn er anderthalb Jahrhunderte vor Hitler von der "Euthanasie des Judenthums" spricht? Zunächst einmal geht der Satz, der sich übrigens im Nachlass findet, weiter: "Die Euthanasie des Judentums ist die reine moralische Religion mit Verlassung aller Satzungslehren, deren einige im Christentum noch zurück behalten bleiben müssen..."

"Euthanasie des Judentums" hieß für Kant also, dass die exklusive mosaische Gesetzesreligion friedlich sterben und als reine moralische – universale – Religion wiederauferstehen sollte. Das Gesetz aufzugeben, um zu einer moralischen Religion zu werden, ist aus der Sicht eines frommen Juden völlig unakzeptabel, aber was Kant hier andeutet, werden später Marx, Bruno Bauer, Richard Wagner und andere Linke ganz explizit fordern: Die Juden mögen sich vom Judentum emanzipieren und freie Menschen werden.

In der "Kritik der Urteilskraft" hat der Philosoph geschrieben: "Vielleicht gibt es keine erhabenere Stelle im Gesetzbuche der Juden als das Gebot: Du sollst Dir kein Bildnis machen, noch irgend ein Gleichnis." Allein dieses Gebot könne "den Enthusiasmus erklären, den das jüdische Volk in seiner gesitteten Epoche für seine Religion fühlte, wenn es sich mit anderen Völkern verglich". Das klingt nicht gerade antisemitisch.

Kant genoss bei deutschen Juden enorme Sympathien – von Marcus Herz bis zu Hermann Cohen, dem Kopf der Marburger Neukantianer ("Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums"), von Egon Friedell (er nannte Kant ein "Weltwunder") bis Karl Kraus huldigte man ihm als dem Philosophen, dessen Denken die Judenemanzipation befördert hatte.

"Bis an die Sterne reichte einst ein Zwerg.
Sein irdisch Reich war nur ein Königsberg.
Doch über jedes Königs Burg und Wahn
schritt eines Weltalls treuer Untertan.
Sein Wort gebietet über Schwert und Macht
und seine Bürgschaft löst aus Schuld und Nacht."

Über wen sonst hat der Giftpilz Kraus je in einem solchen Ton geschrieben?

Achtens. Der "Rassist" – geschenkt. Auch der größte Kopf ist ein Kind seiner Zeit. (Und für das 18. Jahrhundert sind diese Beschreibungen, wenn man sie als Momentaufnahmen nimmt, nicht einmal falsch.) Kant bezeichnete seine Philosophie als "weltbürgerlich". In seinem Text "Zum ewigen Frieden" führt er ein "Weltbürgerrecht" ein. So einer ist kein "Rassist".

Neuntens. Kant habe das situative Mitleiden "als tugendlos, schwach, blind, als Verletzung der Ehre des Menschengeschlechts" zurückgewiesen – dieser Behauptung ist zwar ein Link beigesellt, doch die Quelle ist auch nur eine Behauptung ohne Quellenangabe. Ich habe keine Ahnung, wo der zweite Teil des Zitates stehen soll, ich halte ihn für schlechterdings falsch (allein schon weil mein alter Kumpan Nietzsche ihn sonst gebührend gefeiert hätte). Was Kant tatsächlich geschrieben hat – und zwar in seiner "vorkritischen" Schrift "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" (1764) – ist dies:


20200802 162802

In der nämlichen Schrift definiert Kant zunächst die Begriffe des Schönen und des Erhabenen, um sie in den drei Folgekapiteln erst auf den Menschen im Allgemeinen, sodann auf die beiden Geschlechter und zuletzt auf einzelne Nationen anzuwenden. Es handelt sich um die womöglich typisch deutsche Neigung, Dichotomien zu bilden. "In moralischen Eigenschaften ist wahre Tugend allein erhaben", heißt es dort. Mitleid ist folglich bloß "schön", weil es nicht auf wahrer Tugend beruht, sondern eher willkürlich entsteht bzw. sich auf zufällige Objekte richtet. "Ein leidendes Kind, ein unglückliches (...) Frauenzimmer wird unser Herz mit dieser Wehmut anfüllen, indem wir zu gleicher Zeit die Nachricht von einer großen Schlacht mit Kaltsinn vernehmen", schreibt Kant, und: "Mancher Prinz, der sein Gesicht vor Wehmut vor einer einzigen unglücklichen Person wegwandte, gab gleichwohl aus einem ofters eitlen Beweggrunde zu gleicher Zeit den Befehl zum Kriege. Es ist hier gar keine Proportion in der Wirkung, wie kann man denn sagen, daß die allgemeine Menschenliebe die Ursache sei?"

Man sieht, die Unterstellung löst sich beim Betrachten des konkreten Gedankenganges in Wohlgefallen auf. Mitleid ist schön, aber nicht erhaben, mehr steht dort nicht. Was den gesamten Essay betrifft, so wirkt er aus heutiger Sicht, wo Nationalcharaktere und Geschlechterrollen des Teufels sind, oft skurril (immerhin "treffen wir den Araber als den edelsten Menschen im Oriente an, doch von einem Gefühl, welches sehr in das Abenteuerliche ausartet"). "Wenn überhaupt eines von Kants Büchern die 'Maske der Galanterie' trägt, dann dieses“, bemerkt der Kant-Biograph Manfred Kühn einschränkend; Kants reife Moralphilosophe beruhe auf einem genau gegenteiligen Standpunkt. Doch das nur am Rande. 

Zehntens – und das ist der einzige interessante Einwand: Die heutige politische Dekadenz sei das Werk bekennender "Aufgeklärter", und ich sei selber ein Opfer dieser "Aufklärung".

Johannes Groß hat einmal geschrieben, dass sich nie ein politischer Schurke auf Kant habe berufen können. Aber linke ("liberale") Langweiler wie Habermas und Rawls tun es oder könnten es immerhin tun, nicht wahr? Und dann ist der Weg zu den politischen Gaunern auf der Linken bis hin zu den Globalisten bei den US-amerikanischen Demokraten nicht weit. War Kant nicht ein Universalist? Dann wäre er doch heute ein Gegner der Partikularisten und Rechtspopulisten? Hat sich nicht auch die zionistische Generation der Juden von Kant und seinen universalistischen jüdischen Deutern abgewandt?

Ich glaube nicht, dass ein klarer Kopf und lauterer Denker wie "Manelchen" (so nannte ihn die Mama, ist das nicht rührend?) die derzeitigen one world-Drahtzieher unkritisch betrachten und das Geschäft der globalistischen Eliten betreiben würde. Ich erwähnte Kants Vorstellung einer immer stärkeren Verrechtlichung der Verhältnisse. Das Recht, auf das Kant vertraute, ist allerdings ein Kooperationsrecht, kein zielsetzendes, vormundschaftliches Recht, wie es derzeit UN und EU schleichend durchzusetzen versuchen; die Gegenseite soll keineswegs verpflichtet werden, auf spezielle Angebote einzugehen; die bürgerlichen Abwehrrechte sind und bleiben die Basis dieser Gesellschaft.

Der Gute würde mir gewiss den Kopf waschen für meine zahllosen Undifferenziertheiten, aber auf der Gegenseite ließe er sich wahrscheinlich auch allenfalls zum Köpfewaschen blicken.


                                 ***


"Nach dem Aufstehen trank Kant eine oder zwei Tassen Tee. Dazu rauchte er eine Tabakspfeife. Die Zeit, die er zum Rauchen brauchte, war 'der Meditation gewidmet'. Anscheinend hatte Kant für sich die Maxime formuliert, daß er nur eine einzige Pfeife rauchen werde, aber es wird berichtet, daß seine Pfeifenköpfe im Laufe der Jahre erheblich größer geworden seien."
Manfred Kühn, "Kant. Eine Biographie"