Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. September 2020


– Es ist das beste Deutschland, das es je gab.
– Für wen?


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Bernd Zeller – man sollte ihn allmählich den Unvergleichlichen nennen –:


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Am Wochenende trafen sich die Covidioten diesmal in Dresden. Da sie keine falschen Fahnen trugen, blieben sie von Politik und Medien nicht nur unbehelligt, sondern ernteten sogar Wohlwollen.


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Es handelt sich übrigens um dieselbe Fahne, unter welcher hindurchzugehen Kinder an der Uhrschule Meerbeck in Moers aus Toleranzgründen gezwungen werden, wahrscheinlich um sich von den Sünden ihrer Eltern und Vorväter zu reinigen.


Regenbogenkinder


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"Das Corona-Virus scheint auf Großdemonstrationen in Berlin und Minsk ganz unterschiedlich zu reagieren, obwohl in beiden Fällen keine Masken getragen werden."
(Leser ***)


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Die Theodizee-Frage lautet: Wie kann Gott das Böse zulassen, wenn er allmächtig ist? Wie lässt sich das Leiden in der Welt mit der Annahme vereinbaren, dass Gott gut sei? Den Begriff hat Leibniz geprägt, die Frage indes ist allerspätestens seit Hiob in der Welt. Es geht also um die Rechtfertigung Gottes ("Gott war nicht das Gute, sondern das Ganze", erfährt der junge Joseph in Thomas Manns Romantetralogie während seiner religiösen Unterweisungen). Neuerdings wird der Theodizee von philosophischen Autoren die Anthropodizee zur Seite gestellt. Unabhängig davon, inwieweit der Mensch tatsächlich das Weltklima beeinflusst, leben wir im Anthropozän, Homo sapiens ist in einem demiurgischen Maße der Gestalter seiner Umwelt geworden – seines Mitmenschen Würger war er ja schon immer –, insofern ist die Begriffsbildung mitsamt dem ihr innewohnenden "Klärungsbedarf" der Weltstunde angemessen.

Der philosophische Autor Frank Lisson, der vielleicht einsamste Wolf des hiesigen Literaturbetriebs, jedenfalls ein Außenseiter sui generis, hat nun ein Buch namens "Mythos Mensch. Eine Anthropodizee" veröffentlicht, das ich mit grimmigem Vergnügen gelesen habe, weil der 50jährige, dem immer mal wieder schwärzester Pessimismus, Gottlosigkeit und Wehrkraftzersetzung vorgeworfen werden, eine amüsante Volte schlägt (dazu gleich). Er traktiert seinen Gegenstand allerdings nicht mit Blick auf möglichst große Vorwürfe an dessen Adresse (Holocaust, Hiroshima, Umweltzerstörung, Klimawandel, Feminismus, Freizeitmode etc.); ihm geht es vielmehr um den Allerweltsmenschen mit seinem Allerweltsbedürfnis nach Triebbefriedigung und Anpassung.

"Im Allgemeinen scheint keine Anthropodizee ohne eine starke Metaphysik formulierbar", spekuliert der Wikipedia-Eintrag zur Begriffsklärung in einer verspäteten konversationslexikalischen Anwandlung (ich schaute dort nach, weil ich zu erfahren hoffte, wann das Wort geboren wurde). Lisson ist vollkommen anderer Ansicht. Für ihn ist gerade im Lichte seiner Anthropodizee "alle Metaphysik höherer Unsinn". Warum? Darauf weist der Haupttitel "Mythos Mensch" hin; das soll man lesen als: Der Mensch, das mythenbedürftige Tier, die ohne Mythen nicht lebensfähige Kreatur. "Wie kann ein denkendes, empfindendes Wesen in die Welt eintreten, ohne durch das Bedenkliche und also zu Bedenkende, das es überall umringt, in völliger Verstörung zu enden?", fragt der einsame Grübler. "Ohne die Begabung zum Mythos hätte der Mensch seinen Weg in die Selbstwahrnehmung kaum überleben können." Demgegenüber sei alle Metaphysik sekundär. Über den Mythos erfand sich der Mensch "lauter Formen eines Alter ego, um sich selber für seinesgleichen interessant zu machen, also um eine auch metaphysische Balz aufführen zu können, um sich mit unerreichbar ‚höherer‘ Gesellschaft zu umgeben."

Doch was zweieinhalbtausend Jahre hochartifizielles Denken hervorgebracht haben, zerplatze heute wie die als Metapher konkurrenzlose Seifenblase: "Das Wirklichkeitsfremde, ja Lächerliche, Unverständliche und Überflüssige philosophischer Probleme tritt deutlicher denn je zutage, wo bald alles Denken dem technisch-generativen Prozess unterworfen ist und also keine Hoffnung mehr besteht auf eine sinnvolle Existenz jenseits der üblichen gesellschaftspolitischen Verwertungsapparate." Die bislang so hochgeschätzte Weisheit erklärt Lisson ohne Umschweife zu einer "Funktionsstörung", reif für jede Art Schierlingsbecher, zumindest aber alles andere als vorbildlich. Weisheit bewirke – nichts. "Fast alle sozialpsychologischen Phänomene und lebensphilosophischen Probleme, die uns heute beschäftigen, sind bereits vor zweitausendfünfhundert Jahren erkannt und dargestellt worden, ohne dass sich evolutionsbiologisch irgendetwas an ihren Ursachen und Verursachern geändert hätte."

Nach Lissons Ansicht tritt die Menschheit momentan in ein vollkommen neues Decorum ein, neben dem sämtliche bisherigen Epochen zu einer Art Vorgeschichte schrumpfen werden. Der Mensch verliere "den gesamten kulturgeschichtlichen Horizont, der hinter ihm liegt". Wir stünden am Eingang des postkulturellen Weltalters – den Gedanken, dass wir "nach den Kulturen" leben, hat der Autor bereits in seinem 2008 erschienenen Buch "Homo absolutus" dargelegt –, und wenn wir heute "die Summe aus drei Jahrtausenden innovativer Kulturgeschichte" ziehen, müsste man feststellen, "dass fast nichts davon, außer den technischen Entwicklungen, hätte sein müssen, um dort anzukommen, worauf wir uns allesamt zubewegen: nämlich die erhöhte Ur-Stufe menschlicher Zweckmäßigkeit", eine "Rebarbarisierung auf höchstem technisch-merkantilistischem Niveau". Erst das 21. Jahrhundert "lehrt uns mit aller Deutlichkeit das Vergebliche der Arbeit am Menschen in bildungsbürgerlich-humanistischer Absicht". Während eine Kultur stets begrenzt sei und das Besondere wolle, strebe die liberale Zivilisation nach Entgrenzung und globaler Nivellierung. Diesen Prozess nicht als Schmerz zu verspüren, sei ein sicheres Indiz dafür, dass man ihn bereits erfolgreich vollzogen habe; "welche Volks- oder Glaubenszugehörigkeit auf den Straßen und in den Shopping-Centern die Überfülle vermehrt, bleibt in den komfortindustriell verödeten Ländern wie denen Mitteleuropas reine Ermessenssache. Wer sich an dem einen nicht stört, wird sich bald auch an das andere gewöhnt haben."

So oder so, es gebe "für den Menschen kein Glück jenseits seiner Mythen, das heißt jenseits der Lüge". Jeder Denkfähige möge sich der Einsicht öffnen, "dass die Grundprobleme menschlichen Daseins weder kultureller noch politischer oder sozialer, sondern allein typologischer Art sind".

Nur die "Staatslüge" ändere sich periodisch – "Man hat über tausend Jahre mit der ‚katholischen‘ Lüge gelebt, vielleicht wird man noch einmal so lange mit der ‚demokratischen‘ Lüge leben müssen"–, der ihr getreulich folgende Typus bleibe dagegen der gleiche. "Immer wieder treibt es Gesellschaften zu neuen staatstragenden, allgemein verbindlichen Mythen und Dogmen, die das menschliche Bedürfnis nach moralischen Imperativen, nach Verboten und nach Feindverortungen legitimieren. Erst die neue Lüge, zu der sich alle bekennen müssen, die vom neuen Staat profitieren wollen, macht die Illusion eines gesellschaftlichen Fortschritts möglich." Es sei lediglich "ein formaler Unterschied, ob man die Leugnung der Wiederauferstehung Jesu oder der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen unter Strafe stellt. Man verlangt in beiden Fällen an etwas zu glauben, das jeder Empirie, Logik, Vernunft widerspricht." So habe heute der Rassismus-Vorwurf den Atheismus-Vorwurf "mit gleichbleibenden Konsequenzen" ablösen können.

Der Autor folgert, "dass der Dogmatismus zur menschlichen Natur gehört. Ohne Hinwendung, Anlehnung, Bindung an einen zumeist absurden Glauben scheint sich der Mensch selbst auf heutiger Entwicklungsstufe nicht in der Welt zurechtzufinden." Denn: "Je weniger der Mensch an sich und an der von seinesgleichen errichteten Welt zweifelt, desto glücklicher bewegt er sich durchs Leben – und desto mehr Nachkommen wird er zeugen. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass der Skeptiker gegen den Mitmacher evolutionär keine Chance hat."

Und nun kommen wir zur süffisanten Anthropodizee dieses notorischen Outlaws, nämlich der Rechtfertigung des Menschen in seiner Eigenschaft als Opportunist – und nur in dieser. Man werde, notiert Lisson, doch niemanden "abqualifizieren dürfen, der als Resultat des Zeitgeistes wie zufällig gerade diejenige Haltung einnimmt, die ihm in seiner Umgebung die meisten Vorteile verschafft". Ja, mehr noch: "Wo Mitmachen Erfolg und damit das ‚schöne Leben‘ verspricht, sind Zweifel, Skepsis und Gewissensnöte das klare Anzeichen eines ungesunden Gemüts. – Loben und feiern wir also die Geschickten und Gewieften, die Arrivierten und klugen Taktiker." Denn das seien "die vor Gesundheit strotzenden Alphatiere des Lebens". Ein instinktsicherer Mensch werde sich immer dem jeweils stärksten Dogmatismus anschließen. Alle Aufstände der Außenseiter und Widerständigen gegen dieses Weltgesetz seien lächerlich: "Wie peinlich, überhaupt jemals den Siegerinstinkt des zeitgeistgesteuerten, überall Mitmachenden angeklagt zu haben! So als gerate man immer wieder gegen schlechtes Wetter in Zorn."

Man müsse gerade den in seinen Mythen und Zwecklügen behaglich lebenden Menschen als den "wahren" und "richtigen" Menschen begreifen und akzeptieren. "Und auch nur dadurch, nämlich durch das Lob dieser rein menschlichen Begabung zum Glauben an etwas real nicht Vorhandenes wie ‚Gott‘ oder den ‚guten Staat‘, sowie durch die Fähigkeit, allen Übeln ihr ‚Gutes‘ abzugewinnen – allein dadurch wäre eine Anthropodizee im gemeinmenschlichen Sinne möglich!"

Alles gut und schön. Aber wohin mit seinem Ekel?


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Zum Vorigen.

"So wenig wie ein Kirchenchrist durch Jesus an das echte Christentum erinnert werden will, so wenig will ein Zeitgeistparteigenosse durch einen Sokrates oder Nietzsche darin belehrt werden, was echte Tugend oder Liebe zur Wahrheit sei. Deshalb würde ein Nietzsche heute auch niemals ein Nietzsche-Stipendium erhalten."

Nochmals Lisson


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Apropos in Zorn über das Wetter geraten. Wenn die warme Jahreszeit vorüber ist und mit ihr die Möglichkeit, am Tage die Sonne und nach ihrem Untergang die lauen Nächte zu genießen, bin ich jedes Mal zutiefst betrübt. Einen gewissen Trost spendete bislang die Aussicht, dass vor dem Einbruch der Kälte noch das Oktoberfest anstand. Wenn es eine Vorfreude gibt, dann auch einen Vorkummer:


Vorkummer



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Günter Maschke hat das eigentümlich frei-Interview, das ich mit ihm führte, mit den Worten beschlossen, er träume von einer Universität als "Bruderschaft der geistigen Menschen", einem Ort, an dem man sich trifft, "weil man den gemeinsamen Wunsch zum Denken hat, es geht um hochinteressante Sachen, und man schätzt jeden, der mitdenken will, auch wenn der auf einmal etwas sagt, was man selber ganz falsch findet".

Nun meldet er sich noch einmal brieflich mit der Feststellung, dass er ganz vergessen habe, seinen Worten eine "Schlußsequenz" bzw. Pointe hinzuzufügen, nämlich: "Daß ich mich so sehne nach der Gemeinschaft der ‚Geistigen‘ beweist doch, daß ich ein radikaler Habermasianer bin, ganz dem herrschaftsfreien Dialog ergeben."