Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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4. Februar 2017


Einem Ignazio Silone zugeschriebenen Bonmot zufolge wird der Faschismus, so er denn wiederkehrt, von sich behaupten, er sei der Antifaschismus. Ob Silone diese Worte tatsächlich gesagt hat, wie sein enger Freund François Bondy es überlieferte, oder ob ein anderer diese womöglich treffliche Prognose abgab, kann hier nicht näher untersucht werden. Inwieweit sie da und dort oder gar tendenziell zutrifft, darüber mögen Sie, geneigter Leser, anhand dieser Bilder von den "Studentenprotesten" (Die Zeit) zu Berkeley zunächst einmal privatim befinden. Warum sprühen diese jungen Enthusiasten unbeteiligten Frauen Pfefferspray ins Gesicht, dreschen mit Knüppeln auf sie ein und prügeln, wie im Film zu sehen (0:28), mindestens einen Passanten bewusstlos? Angeblich richten sich die Proteste gegen einen Auftritt des Breitbart-Bloggers Milo Yiannopoulos an der Universität Berkeley. Der Mann ist wahrscheinlich einfach zu kuhl, zu schrill, zu individuell, zu intelligent für die auf den Gleichschritt der Diversity gedrillte Belegschaft eines progressiven Campus (hier oder hier oder hier). Die diskursive Botschaft heißt: Schnauze, verpiss dich, oder wir schlagen dir den Schädel ein! Yiannopoulos musste in Sicherheit gebracht werden. – Man kann nach einer Querlektüre der hiesigen Medien nicht erkennen, dass jemand am Skandal der durch einen prügelnden und brennenden Mob im Land of the Free außer Kraft gesetzten Redefreiheit Anstoß nähme; das tun sie ja im eigenen Land auch nicht. 

PS: Milo says: "You shouldn't give a shit about skin-colour, you shouldn't give a shit about sexuality, you shouldn't give a shit about gender, but you should be deeply suspicious of the people who do."


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So weit ich mich erinnern kann, agitierte, wetterte und demonstrierte die Linke in Ost und West gegen "den militärisch-industriellen Komplex" in den USA; nahezu der gesamte Antiamerikanismus der Linken und nahezu die komplette Amerikakritik der anderen deutschen Guten, ob nun bei der Friedensbewegung der 1980er oder den Protesten gegen den Golfkrieg, hatte mit diesem militärisch-industriellen Komplex und den auf dessen Geheiß angezettelten oder geplanten Kriegen zu tun.

Mit Trump ist nun erstmals ein Präsident gewählt worden, der sich diesem militärisch-industriellen Komplex in den Weg stellt, dessen Mittel zu kürzen und die profitablen weltpolizeilichen Kampfeinsätze zu reduzieren verspricht, kurzum: der als Taube gegen lauter gefährliche Falken antritt (und damit mehr Courage zeigt, als alle seine Kritiker zusammen aufbringen). Ausgerechnet dieser Präsident ist nun das Hassobjekt der Linken hierzulande wie in Übersee geworden, in Berkeley schrieben linke Randalierer "Tötet Trump!" an die Wände der Universität. Bedarf es eigentlich noch eines weiteren Beweises, dass wir es mit einem außergewöhnlich dummen, vom militärisch-industriellen Komplex längst schon indirekt gesponserten, durch bezahlte politische Prediger geheiligten und in seiner Verhetztheit hochgefährlichen Menschenschlag zu tun haben?


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Auf dem aktuellen Spiegel-Titel schwenkt Trump in der einen Hand ein blutiges Messer und hält das abgeschnittene Haupt der Freiheitsstatue in der anderen. Man könnte dieses Cover jetzt unter allen möglichen systemischen Gesichtspunkten betrachten: etwa aufmerksamkeitsökonomisch (sehr gut!), staatsbürgerlich (eine womöglich gefährliche Dummheit) oder politisch ("Den Teufel spürt das Völkchen nie/ Und wenn er sie beim Kragen hätte", spricht Mephisto in Auerbachs Keller; wer der wirkliche Feind ist, haben sie beim Spiegel nie begriffen). Man könnte auch fragen, warum sich das Hamburger Blatt ausgerechnet jener Ästhetik bedient, mit welcher das Time Magazine auf zwei Covern Trumps Wahlniederlage vergeblich angekündigt hat (Selbstironie?). Man könnte mutmaßen, ob unser Perseus womöglich das Haupt der Medusa schwenkt. Ziemlich außer Frage steht, dass dieses Cover dem Reichsminister Dr. J. Goebbels und sogar dessen Sekretärin (siehe meinen Eintrag vom 2. Februar ) handwerklich sehr gefallen hätte. Schauen wir, gegen wen der Spiegel und die anderen grünroten Meinungsmacher und cum grano salis auch die Bundesregierung derzeit Stellung beziehen: gegen den russischen Bären, gegen das perfide Albion, gegen den amerikanischen Präsidenten, gegen die zurückgebliebenen Osteuropäer (und, am Rande, gegen die kriegstreiberischen Israelis). Gleichzeitig sucht das Wir-schaffen-das-Land – stellen Sie sich auf Partys in Übersee künftig vor mit: "Hi, I'm Jakob (Margarete, Sascha, Georg) from the Wir-schaffen-das-Land!" – unter Orientalen nach Partnern. Kommt diese Konstellation jemandem bekannt vor?


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Nicolaus Fest stellt die richtige Frage: Warum echauffieren sich deutsche Medien, Michel und Medienmichel über den Staatschef im durchaus fernen Amerika, aber keiner verliert ein Wort darüber, dass wir zwei Prozent Inflation bei konstanten Nullzinsen haben, mithin jeder dieser Michel in den nächsten zehn Jahren, ginge es so weiter, ein Fünftel seines Geldes verlieren würde? (Mehr hier).


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Apropos Silone, der schrieb 1947: "Es ist ohnehin heikel und zweideutig, von der 'moralischen Elite' irgendeines Landes zu sprechen, aber in keinem Fall kann man sagen, dass sie mit der intellektuellen Elite zusammenfällt."