Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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7. Februar 2017


"Schwangerschaftunterbrechung" ist der Euphemismus aller Euphemismen, ein Kandidat nicht für das Unwort des Jahres, sondern gleich des Säkulums. Dieser Begriff dient einzig der Gewissensberuhigung durch die Entwertung des Embryos. Was tatsächlich geschieht, heißt: Tötung unwerten Lebens. Wer will oder muss, soll es tun, aber wenigstens zugeben, was er tut.


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Ihm eilte der Ruf voraus, er sei ein Kenner und trinke nie eine Flasche Wein unter 50 Euro. – Das ist Unsinn. Den Kenner charakterisiert nicht, dass er für seinen Wein besonders viel, sondern dass er selten zu viel ausgibt. Wer keinen Wein unter 50 Euro pro Flasche trinkt, ist in der Regel kein Kenner, sondern bloß ein Snob mit Geld. Es gibt viele Speisen, die sich mit Weinen über 50 Euro nicht vertragen (welcher Rote – oder, der reinen, von mir nicht geteilten neopolitanischen Lehre entsprechend, Weiße – aus diesem Segment wäre etwa zu Spaghetti aglio olio kredenzbar?); es gibt keinen einzigen Wein über 50 Euro, den man sich an einem Sommermittag unter dem Sonnenschirm einer Dachterrasse einfach nur fröhlich reinballern will.

Ein recht knausriger ehemaliger Kollege hielt mir einmal ein Glas Brunello unter die Nase mit den Worten, den möge ich doch probieren, der schmecke „für 30 Euro sensationell“. Wer so denkt, ist verloren. Ein Wein schmeckt sensationell – oder nicht. Und doch steckt in dieser Aussage ein Kern Wahrheit. Peer Steinbrück hat sich vor einigen Sündenjährchen mit der Aussage unbeliebt gemachte, ein Wein unter fünf Euro sei nicht trinkbar. Aber er hat recht. Es gibt keinen Wein unter fünf Euro, der sich mit Genuss trinken lässt (hier bekommt der Terminus „Frustsaufen“ eine doppelte Bedeutung). Es gibt unter zehn Euro manchen munteren Sauser, der einem den Tag verschönt oder die Sorgen bricht, aber keinen Wein von unverkennbarem Charakter; es gibt unter 20 Euro fast nie einen Rebsaft, bei dessen Verzehr einem Wonneschauer über den Körper jagen (wenn man doch ausnahmsweise mal einen findet, ist es ein Weißer). Aber wirklichen Kummer können einem nur Weine bereiten, die mindestens 100 Euro gekostet haben. Zwei von drei großen Bordeaux und drei von vier berühmten Burgundern enttäuschen die hohen Erwartungen beinahe zuverlässig (man muss sich detailliert informieren, um solchen Enttäuschungen aus dem Wege zu gehen, was oft nicht möglich ist, weil man Weine mit großem Namen eben oft bei Einladungen serviert bekommt). Doch der dritte bzw. vierte mundet dann wieder dermaßen überwältigend, dass sich eine umfassende Schöpfungszufriedenheit einstellt.

Ich würde mich zu der These hinreißen lassen, dass es zwischen 20 und 30 Euro exakt so viele Desillusionierungen gibt wie zwischen 120 und 130 Euro – Sie müssen natürlich die höhere Fallhöhe der Erwartung einrechnen – und formuliere hiermit das oberhalb der fünf Euro geltende Weingesetz der preisunabhängigen Konstanz der Enttäuschungserlebnisse. Ohne Anspruch auf Kennerschaft. Wer sich alltags zwischen 10 und 20 Euro herumtreibt, macht nur wenige bemerkenswerte Erfahrungen, jedoch, da die Erwartungen nicht besonders hoch sind, am wenigsten falsch. Und mit einer gewissen Erfahrung finden sich für dieses Geld Hunderte leckere Stöffchen.