Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Service Menu

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

25. Februar 2017


Nachtrag 1 zu Hans-Peter Sieferle (siehe meine Notiz vom 23. Februar):

Im besprochenen Buch richtet der Historiker seine Aufmerksamkeit kurz auf ein Nebensymptom des derzeit von Funktionseliten, Kulturbolschewisten und Warlords in Wartestellung organisierten Zusammenbruchs der abendländischen Hochkulturreste, genauer: auf ein Nebensymptom der allmählichen Ablösung dieser Hochkultur durch eine "moderne", wilde, drastische, vulgäre Unterschichtskultur, die im 20. Jahrhundert begann und längst die Zielgerade erreicht hat. Es handelt sich um die Heraufkunft des – im weitesten Sinne kulturellen – Lärms. Die Unterschichtskultur herrscht heute ziemlich unumschränkt, vom TV über den Sport über das Regietheater über Mario Barth und Dieter Bohlen bis in die arkadischen Sphären des Hip-Hops. Es könnte sich insofern nur um ein Intermezzo handeln, als einige neue Herren (West-)Europas gewisse stichhaltige Einwände gegen das ordinäre, obszöne, durchsexte Gesumms und Gedöns haben dürften, aber das nur beiseite in Richtung Mekka gesprochen. Derzeit dominiert die Massenvulgärkultur den Alltag.

Sieferle – wir kommen gleich auf den Lärm – zitiert eine Formulierung des amerikanischen Kulturwissenschaftlers Paul Fussell, der die kulturelle Umwertung aller Werte mit nahezu unterschichtskultureller Drastik als prole drift bezeichnet hat. Prole drift bedeutet, dass die kulturellen Codes und schönen Gewohnheiten nicht mehr von den Oberschichten etabliert werden und von dort allmählich nach unten durchsickern, sondern der Prozess sich umgekehrt hat. In den Worten eines deutschen Sentenzenmachers aus dem oberen Mittelfeld der Champions League: "Das nachkulturelle Stadium ist erreicht, wenn sich die Luxusvorstellungen eines Staatschefs nicht mehr von denen eines Rappers unterscheiden."

Sieferle schreibt: "Auffällig ist etwa, daß nun der Stil (etwa in der Kleidermode) nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben fließt, eben als prole drift. Dergleichen hat es in agrarischen Zivilisationen nie gegeben. So ist zwar im frühen 16. Jahrhundert die Landsknechtmode von Aristokraten übernommen worden, die sich in künstlich zerschlitzte Wamse gekleidet haben. Die Schlitze allerdings, die von Säbelhieben zeugen sollten, wurden mit Seide ausgekleidet. Hier liegt ein fundamentaler Unterschied zu den stone washed und künstlich zerrissenen Jeans von heute."

Dasselbe Phänomen erleben wir in der Sprache. In der Zeit der Dominanz des Französischen blieb der Gebrauch der Sprache Ludwigs XIV., Diderots und Voltaires vorwiegend auf die Oberschicht beschränkt, und nur einzelne Wörter flossen von den oberen sozialen Niveaus nach unten, das heißt, die Aneignung erfolgte durch gebildete Sprecher. Heute kommen die englischen Wörter aus der Werbung, den Medien, der Popwelt, der Jugendsprache, der Unternehmenskommunikation und so fort, dazu allerlei Sprachbrocken aus den Idiomen der meist wenig qualifizierten Einwanderer. Niemand assimiliert oder kultiviert diese sprachlichen Neubürger mehr. Sie liegen als semantische und auch grammatikalische Findlinge herum, und es werden immer mehr. Irgendwann wird man ihre Ansammlung ("Kiezdeutsch") für das Vokabular der hierzulande angemessenen Verkehrssprache halten.

Die neue Unterschichtskultur gibt sich selbst rebellisch und zerstört die Reste der aristokratisch-bürgerlichen Hochkultur, wo immer sie auf solche trifft, teils auf dem Wege der freundlichen Umarmung ("Crossover"), aber immer mit dem Gestus des Herunterziehens oder -brechens. (Besonders exponiert finde ich jene Hochbegabten, die Shakespeare-Stücke umschreiben und "modernisieren". Auf ähnliche Weise sollte man allmählich auch Michelangelo-Skulpturen updaten. Zum Schulterschluss mit den Taliban sind’s dann nur noch vier oder fünf Idiotismen.)

"Ein wichtiges Element des prole drift ist die Allgegenwart und hohe Wertschätzung des Lärms", notierte Sieferle. „Hier wird eine wichtige Differenz zur älteren Kultur der Vornehmheit erkennbar. Diese schätzte die Stille, die Konzentration, die Selbstbeherrschung, während das Lärmen zum Merkmal des Pöbels gehörte. (...) Die Allgegenwart des Lärms, die Vernichtung der Stille, schneidet die Menschen gezielt von einer reflexiven Kultur ab, trennt sie von der Tradition und ihren ‚Texten’ und liefert sie vollständig der vulgären Gegenwart aus. Viele Menschen bedürfen dann des Mediums Lärm, um überhaupt leben zu können."

Der demographische Druck macht die Menschen stumpfsinnig. Den künstlich erzeugten und elektronisch verbreiteten Lärm begreifen die Menschenmassen der westlichen Spätzivilisation als bergende Atmospäre. Der omnipräsente Krawall mischt sich in alle Gespräche und lässt den Menschen, sobald er sich in der Öffentlichkeit bewegt, nie in Frieden. Zugleich zerstört dieser Lärm die Rückzugswelten der Individuen. Das durch alle Straßen, Wände und Türen klingende Gedudel "belehrt mich darüber, daß ein von fremden Tonwellen durchzogener Raum als eigener Raum zerstört ist" (Carl Schmitt).

Jetzt aber nix wie Kopfhörer auf und Brille ab!

 
                                            ***
 

Nachtrag 2: Sieferle erinnerte an ein Phänomen, das er selbst in den 1960er Jahren noch erlebt habe: den Geldbriefträger, einen Beamten, der Bargeld an private Adressen zustellte. Heute, "im besten Deutschland, das es jemals gab" (so CDU-Tauber, Spiegel-Minkmar und was sonst alles auf dieser Frequenz sendet), ist dergleichen kaum mehr vorstellbar. "Da läuft ein älterer Mann mit einer schweren Geldtasche durch die Straßen, von jedem erkennbar, und es geschieht ihm nichts. Heute müßte er von einem Aufgebot an Bodyguards begleitet werden. In der Zeit des Bargelds, als viele Menschen noch kein Girokonto besaßen, war dies aber üblich. Kassierer von Stadtwerken, von Wohnungsgesellschaften oder von Zeitungen sammelten Bargeld ein, und es herrschte ein Klima von Vertrauen, so daß alle Beteiligten sich dabei sicher fühlten. Dies ist auch noch ein Grund, weshalb ältere Menschen heute so häufig und leicht betrogen werden können. Sie haben das Vertrauen, das sie in ihrer Jugend aufgebaut haben, noch nicht verloren.“
 
 
                                           ***
 

Auch Leser *** nimmt Bezug auf meinen Eintrag vom 22. des Monats, nämlich auf Sieferles Frage, ob die Linke sich mit der Förderung der Massenmigration für den Zusammenbruch des Sozialismus rächen will. Die Propagierung des Multikulturalismus, meint ***, sei "purer Revanchismus. Die Rache am westlichen Sieger. Denn die Kommunisten – verschämt camoufliert und mutiert zu Grünlinken – verschwinden ja nicht wie ihre Ideologie und der sie repräsentierende Staat. Die Gläubigen bleiben – die alten im Osten und die Neuen im Westen. 

Mein verehrter Raymond Aron hat ihre Vorgänger im Westen als politische Drogensüchtige gekennzeichnet - eine selten hellsichtige historische Diagnose ('l'opium des intellectuels'). Und was passiert, wenn man einem Süchtigen seinen Stoff wegnimmt? Er sucht sich schleunigst eine neue Droge, damit er Entzugserscheinungen vermeidet. Geglaubt werden muss. Egal an was, Hauptsache, es ist anti-kapitalistisch, damit anti-westlich, anti-bürgerlich.

Deshalb hat es auch keinen Sinn, mit diesen Menschen eine rationale Diskussion führen zu wollen. Ratio ist für die faschistoid – zumindest aber kalt, herz- und empathielos, inhuman. (...) Man kann diese Leute nur, wenn sie einsehen, dass sie ein Problem haben, deprogrammieren. Oder man kann sie in den Augen anderer, die noch nicht 'verloren' sind, als das darstellen, was sie sind: als zwar lächerliche, aber hochgefährliche Irre. So könnte man wenigstens versuchen, die Epidemie einzuhegen."