Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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19. März 2017


Die zweite deutsche Demokratie hat heute ihren Zenit und womöglich ihre Bestimmung erreicht. Unser Martin Schulz – er lebe hoch! Hoch! Hoch! – ist mit 100 Prozent der abgegebenen Stimmen zum neuen Vorsitzenden der SPD gewählt worden. Er bekam 605 von 605 Stimmen. Anschließend wurde er einstimmig auch zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl erklärt. "Das ist ein überwältigender Moment für mich und für uns alle", sagte Schulz und gab damit in bester SED-Generalsekretärsmanier vor, was die Parteisoldaten zu empfinden hätten. Man muss den kollektiven, ja kollektivistischen Elan der geplagten Hellroten verstehen, ihre durchaus traditionsreiche Partei war in einigen Bundesländern auf das Level eines größeren Karnevals- oder Kegelclubs geschrumpft, die Angst vor der Einstelligkeit ging um, mochte Ralf "Freiligrath" Stegner auch twittern und reimen, was das Harthirn hergab. Nun naht aus Brüssel-Würselen der Große Bonze für den Endkampf gegen die Kanzlerin, mit der er jede Position teilt außer denen, die sie rasch noch verlassen wird. Was für ein seliges Land, das, kaum ziehen Wolken auf am fernen Horizont, zwei Politiker solchen Karats und Kalibers aufbieten kann, den Feinden der 100 Prozent-Zustimmung und Standing Ovations zu wehren!


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Schulz wiederholte bei der anschließenden Grußadresse an seine Claque den der Hetzmeute die Richtung weisenden Satz, die AfD sei "eine Schande für die Bundesrepublik", ließ aber wenig Zweifel aufkommen, dass er die Rechtspopulisten aus dieser Rolle verdrängen werde.


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Jetzt mal unter uns, Betschwestern und -brüder, wenn Sie sich jemals in einem Saal aufhalten, in dem Ihnen auch nur 62 Leute unisono zustimmen und frenetisch applaudieren, dann überlegen Sie nicht lange, was Sie Dummes gesagt haben mögen, sondern machen Sie, dass Sie davonkommen. Einhelligkeit ist eine Eigenschaft von Barbarenhorden.


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Oder von Kaderparteien. Das bringt mich zur Stalinade des Tages. Im sowjetischen Schriftstellerverband diskutierten die Genossen Literaten den neuen Roman von Ilja Ehrenburg "Sturm". Dutzende von Diskussionsteilnehmern verrissen das Buch, einer sprach von "opportunistischem Mist". Ehrenburg blieb seltsam ruhig, obwohl solche Kritiken schon mal mit der Verhaftung des Autors enden konnten. Er ließ die Verrisse über sich ergehen, dann holte er einen Zettel aus der Tasche. Es gebe auch andere Meinungen über sein Werk, beteuerte er. "Darf ich Ihnen ein Telegramm vorlesen? 'Ich habe den Sturm mit großem Interesse gelesen. Gratuliere zu dem Erfolg. Stalin.'"

Lähmendes Schweigen breitete sich aus im Saal. Der Vorsitzende gratulierte Ehrenburg zu seinem großen Wurf und schloss die Sitzung.


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Aber die Sonntage immer den Künsten! Leser *** empfiehlt "angesichts des Umganges freiheitsliebender Völker mit türkischen Großmachtsfantasien in der letzten Woche" eine Bildbetrachtung zu Ilja Repins Gemälde "Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief" (beendet 1891). Einverstanden. Das Bild hat mich schon als Zwölfjährigen amüsiert. Die rauhen, wilden, stolzen, jederzeit totschlagsbereiten Gesellen, die dem schelmisch-schlauen Schreiber über die Schulter schauen und die von ihm zu Papier gebrachte Schimpfsuada teils quietschvergnügt, teils mit brüllendem Gelächter quittieren, imponierten mir.   


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Die anekdotische Szene spielt anno 1676. Der Legende nach antworteten die am unteren Dnepr lebenden Kosaken mit diesem Brief auf eine Depesche des Sultans Mehmed IV., der sie zu Beginn des Osmanisch-Russischen Krieges zur Unterwerfung unter die Hohe Pforte aufforderte. Der Text des Briefes soll gelautet haben:

"Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, frisst dein Heer. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter! Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tatarischer Geißbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!
So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr steht im Buch und wir haben den gleichen Tag wie ihr. Deshalb küss unseren Hintern!"

Man sieht, der Herr Böhmermann steht in einer gewissen Tradition. Ich sehe nur die wilden Kerle nicht, die sich im Zweifelsfall mit den Truppen des Sultans schlagen werden.


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Gestern schrieb ich von zwei uns kürzlich aus Nordafrika Zugelaufenen, die in Dresden einen Einheimischen aufs Bahngleis stießen, der nur überlebte, weil die einfahrende S-Bahn eine Notbremsung einleitete. Heute wird gemeldet, dass ein Staatsanwalt die beiden Kreaturen wieder auf freiem Fuß setzte und gegen sie nur wegen gefährlicher Körperverletzung – und keineswegs wegen versuchten Totschlags – ermittelt wird. Zum Mitschreiben: Zwei Typen stoßen einen Menschen vor die einfahrende Bahn, einer versucht ihn mit Tritten daran zu hindern, auf den Bahnsteig zurückzuklettern – und diese AfD-Wahlkampfhelfer befinden sich auf freiem Fuß.