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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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12. Juni 2017


Zu vermelden ist ein Skandal. Auf Platz neun der "Sachbücher des Monats Juni", ausgeschrieben von NDR und Süddeutscher Zeitung, steht, mokiert sich Letztere, "das Pamphlet 'Finis Germania' des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Warum?"

Lässt man die Petitesse beiseite, dass es sich bei dem vorgeblichen Pamphlet keineswegs um ein solches handelt, sondern eine göttlich boshafte, beinahe unerträglich scharfe, aber äußert luzide Analyse (siehe meinen Eintrag vom 14. Mai), ist die Antwort simpel: weil irgendeiner der Juroren – oder gar mehrere? – das Buch empfohlen hat.

Im Gegensatz zu Preisrichterkollegien, die in gemeinsamen Sitzungen über einen Buchpreis entscheiden, „senden für die 'Sachbücher des Monats' die Juroren Listen mit Punkten für einzelne Bücher ohne gemeinsame Aussprache ein. So wenig wie für das Publikum ist für die Juroren am Ende kenntlich, wer welchem Buch wie viele Punkte gegeben hat, ja, warum ein Buch überhaupt Eingang auf die Liste fand", beschreibt die Süddeutsche den Modus vivendi. Offenkundig kam auf diese Weise bislang verlässlich eine Ligatabelle des Nichtanstößigen zustande. Die meisten Verlage achten ja ohnehin darauf, dass anstößige Titel gar nicht erst erscheinen.

Im Grunde lief es auch diesmal so. Auf den ersten und zweiten Platz der Juni-Liste wählten die Juroren in schläfriger Routine die Bücher "Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde" und "Trump! POPulismus als Politik" (wobei sie angesichts der baumschulenhaften Ähnlichkeit der Titel, Thesen und Autorentemperamente natürlich aufpassen müssen, dass sie nicht versehentlich ein Buch empfehlen, welches schon im vergangenen Monat auf der Liste stand). Auf Platz 3 landete Dieter Borchmeyers achtbar-fleißige Collation "Was ist deutsch?" Ein "Atlas der Umweltmigration" auf Platz vier stellte sogleich wieder Kontinuität her und gab auf Borchmeyers Frage die gültige Antwort: Deutsch ist, in der Schraubzwinge zwischen den Agenten des offenen Europa und den Umweltmigranten eingequetscht so lange gegen den Populismus zu kämpfen, bis eintritt, was das versehentlich auf Platz neun gelandete Buch beschreibt, welches also gewissermaßen die Pointe verrät. Und das macht man doch nicht.

"Wer innerhalb der NDR/SZ-Jury für 'Finis Germania' votiert hat, ist unklar", notiert die SZ. Die Ermittlungen laufen aber auf Hochtouren.

Aufschlussreich ist die Stellungname von Andreas Wang, Mitglied der Jury und ihr verantwortlicher Redakteur, welcher der SZ anvertraute: "Die Jury der Sachbuchbestenliste ist ganz und gar nicht glücklich über die Platzierung des Buches von Sieferle auf unserer Liste." – Wie mag es dann dorthin gekommen sein, wenn "die" ganze Jury unglücklich ist? – "Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen." – Niemand hat die Absicht, einen Eingriff anzukündigen! – "Wir akzeptieren jedoch keine Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Platzierung." – Gezielte Platzierungen? Wird sonst um die Reihenfolge gewürfelt? Oder naheliegenderweise gleich ein Automat bemüht? – "In diesem Fall fühlen wir uns verpflichtet, den Juror oder die Jurorin, von dem die Platzierung stammt, zum Rücktritt aufzufordern beziehungsweise ihm seine weitere Mitarbeit zu versagen." – Wir erinnern uns: Jedes Jurymitglied ist frei, und niemand ist bereit, einen Eingriff hinzunehmen. – "Im Übrigen werden wir das Verfahren der listenmäßigen Platzierung derart erneuern, dass keine Platzierung eines einzelnen Mitglieds der Jury möglich ist."

Verstanden? Jeder Juror ist frei in seiner Entscheidung, welche Bücher er auswählt, aber wenn er ein falsches Buch empfiehlt, schmeißen wir ihn raus. Damit das künftig gar nicht erst passieren kann, ändern wir jetzt das Verfahren. Es sei nämlich "Zeit, über die Entgrenzung nach rechts im Feuilleton zu reden", empfahl ein wachsamer Grenzposten der taz – und meinte keineswegs: reden. "Ich gebe zu", sagte Juryvorsteher Wang dem knuffigsten aller oppositionsfeindlichen Blätter, "dass das Buch die Liste nicht gerade ziert."

Der Hüter der Listenreinheit mag beruhigt sein: Die restlichen Posten seines Rankings, all diese Saison-Autoren, werden rasch vergessen sein. Dann funkelt "Finis Germania" so allein für sich, wie es einem solchen Kleinod geziemt. Der eigentliche Skandal ist ja der neunte Platz.


PS: Der NDR teilt mit, dass man sich von dem in diesem Monat auf Platz neun der "Sachbücher des Monats" gelisteten Werk "entschieden distanziert". Der Sender werde die Liste nicht länger veröffentlichen und mit der Jury nicht mehr zusammenarbeiten. Wahrscheinlich aber nur, bis der Schuldige gefunden und in Schanden aus der Volksgemeinschaft, wenigstens aber aus dem Preiskomitee gejagt worden ist.

PPS: Wenn Sie ein Exemplar von "Finis Germania" erwerben wollen – und sei es auch nur, um es auf dem Berliner Opernplatz den Flammen zu übergeben – dann klicken Sie hier.


                               ***


Ich bin mehrfach gefragt worden, warum der Titel von Sieferles Buch nicht, wie zu erwarten, "Finis Germaniae" heißt. Ein Freund des Verblichenen schrieb dazu: "RPS war ein Liebhaber der lateinischen Sprache. Der Titel  ist ganz sicher mit Bedacht gewählt. Heinsohn hat seine Reflexionen zu Deutschland mit 'Finis Germaniae' betitelt. RPS wollte sich vermutlich mit 'finis germania [est]' davon absetzen. Finis + Nomen im Nominativ gibt es häufiger, z.B. auch bei 'avaro est finis pecunia'."

PS: Die Lateiner unter den Lesern dieses Tagebuchs melden sich zu Wort.

"Die weitere von Ihnen zitierte Deutung von 'finis Germania' macht die Sache nicht besser", schreibt Leser ***. "Nach der von Ihnen gegebenen Deutung wäre Germania nun als Prädikatsnomen zu verstehen und somit die ganze Aussage als 'Das Ende ist Deutschland' zu übersetzen. Was will das sagen? Zu Sieferles Buch passte doch viel besser das 'traditionelle' (wir Deutschen haben ja schon Erfahrungen mit Fastuntergängen)  finis Germaniae 'Das Ende Deutschlands (und der anderen Nationalstaaten)'. Hat er da nicht schlicht einen Fehler gemacht?"

"Der arme Herr Sieferle hat nun für vieles unsere Anteilnahme und Solidarität verdient, aber nicht für diesen Buchtitel", spring Leser *** dem Vorredner bei. "Wenn Sie nun einen Freund zitieren mit der Aussage, es sei vielleicht gemeint gewesen: 'finis germania est' – dann muß man auch dazu sagen, daß das dann mitnichten noch 'Das Ende Deutschlands' bedeutet, sondern 'Deutschland ist das Ende', oder eher 'Deutschland ist der Zweck'. Das ist nämlich auch die Bedeutung des angeführten Beispiels (ein Zitat aus der Summa des hl. Thomas) : 'Für den Geizigen ist das Geld der Zweck'."

Leserin *** sekundiert: "Finis Germania: Germania kann Nominativ, Vokativ oder Ablativ sein, finis Nominativ, Genitiv oder Vokativ. Finis heißt Ende, aber aber auch Ziel, Gipfel, Tod. In der Bedeutung 'Grenze' wird es im lateinischen fast immer im Plural gebraucht (fines). In dem von Ihnen angeführten Beispiel: 'avaro est finis pecunia' stehen finis und pecunia im Nominativ: 'Dem Geizigen ist das Geld das Ziel' oder 'Das Ziel des Geizigen ist das Geld.' Das ist ein durchaus sinnvoller Satz. Zu einem solchen Sinn fehlt uns im Buchtitel aber das Objekt. 'Das Ziel ist Deutschland' - doppeldeutig gemeint?"

Leser *** hält dagegen: "finis + Nominativ statt Genitiv ist im Lateinischen alles andere als häufig; 'finis' ist hier sicherlich als 2. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv von 'finire' zu lesen und 'Germania' als Vokativ, also ergäbe sich: 'Du endest (stirbst), Deutschland' ('finire' kann neben 'beenden', 'begrenzen', 'aufhören' usw. auch 'sterben' bedeuten). Das fehlende Ausrufezeichen im Titel steht dem nicht entgegen, denn im antiken Latein gab es ja keine Satzzeichen."

Ich danke für die Belehrungen. Doch auch wenn der zuletzt Zitierte die Sache nicht erschöpfend geklärt haben sollte: Deutschland ist das Ende, Deutschland ist der Zweck – das stimmt ja. Mit den Worten Frank-Lothar Krolls: Seit 1918 ist doch eh alles egal. Sieferle wählte im Buch das Gleichnis des abstürzenden Ikarus, der die Augen so lange offen hält, wie er nur kann, und mit interessierter Teilnahmslosigkeit auf das Geschehen unter ihm blickt. Aber da ist kein Zweck mehr, sondern ein Lebensrest nach allen Zwecken und Zielen. Nach Deutschland/nach den wenigen entscheidenden Nationalstaaten wird nichts mehr kommen, um dessentwillen sich zu leben lohnte (Gläubige und Technikfreaks mögen wiedersprechen; ich bin keines von beiden).