Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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24. Juni 2017


Am Rande meiner gestrigen Lesung in der Großen Hofstube der Meißner Albrechtsburg, welche wiederum stattfand am Rande der pianistischen Darbietungen Elena Gurevichs, schenkte mir ein Besucher ein Buch mit Texten der an dieser Stelle schon einmal gewürdigten austriakischen Bühnendichterin Lisa Eckhart, für das ich bei dieser Gelegenheit noch einmal danke. Ich las heute quietschvergnügt darin, als ich im ICE heimfuhr, übrigens einer rötlichblondgelockten Amerikanerin keltischen Typs mit einem glitzernden Piercing im Philtrum gegenübersitzend, deren Physiognomie sich nach dem ersten skurrilen Eindruck innerhalb der nächsten Stunden auf zauberhafte Weise in die einer veritablen Schönheit verwandelte.

Derweil Galadriel anlasslos ihre Tasche beiseite räumte und mir freundlich zuraunte: „Now you can spread your legs“, versuchte ich mich auf die geistreich-boshaften, von einer wahrscheinlich typisch österreichischen Morbidität angetriebenen Wortergüsse der Lisa Eckhart zu konzentrieren. Die 24jährige Steiermärkerin betätigt sich als „Poetry Slammerin“. Was das ist, beschreibt sie in einem dem Buch als Appendix beigefügten Interview so: „Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, wo dem Publikum vorgegaukelt wird, dass es irgendwie so etwas wie Geschmack und Urteilsvermögen besitzt, weil es über die vorgetragenen Texte richten und einen Sieger küren darf.“ Um hinzuzusetzen: „Ich weiß bei mir selbst nicht, ob ich gewinnen will, oder nur die anderen verlieren sehen.“ Auf die Frage, ob sie ihr Publikum liebe, entgegnet die Künstlerin: „Ich brauche sie, wie kann ich sie da lieben?“ Ist ein solcher Satz aus dem gemeinhin durch und durch auf Verlogenheit dressierten Mund eines deutschen Kollegen vorstellbar? „Ich bin ein großer Freund des Ästhetizismus. Kunst sollte schon Realität abbilden, auch in ihren furchtbaren Dingen, aber doch formal schön sein. Ich glaube, deswegen bin ich auch ein Freund des Reimes, den er verzeiht inhaltlich alle Abgründe der Welt.“ Moderne Kunst abzulehnen sei „eine Frage der Moral“. Sie empfinde „Verachtung“ für diese Erzeugnisse einer routiniert marktgängig gemachten Scharlatanerie.

Lisa Eckhart, eine überschlanke, zugleich pagenhaft-androgyn als auch exzentrisch-verrucht auftretende, ein bisschen wie aus der Cabaret-Welt der 1920er Jahren in die Gegenwart gefallen wirkende Person, „slammt“ über den Krieg der Geschlechter, Inzest, Nekrophagie, Sadismus, den toten Gott und all die anderen "Rammstein"-Themen, und nie weiß das Publikum so recht, was es, bei allem bereitwilligen Gelächter, eigentlich davon halten soll. „Da kam ich nach Deutschland, in Ihr schönes Land, und da hab’ ich mir anfangs Sorgen gemacht: Wie wird man mich aufnehmen, wie funktioniert meine Integration? Aber Sie bemerken es bestimmt schon an diesem lodrigen-brunftigen Feuer in Ihrem Innern: Die Deutschen, die lieben mich! Mich, die grantige, herumschreiende, an Kunstschulen abgelehnte Österreicherin. Sie lernen nicht dazu!

Ihre Texte sind Assoziationskaskaden, selbstverliebte Sprachpirouetten, halbe Blindflüge, die in Wirklichkeit alle „von dem hochintelligent heimgekehrten Affen geschrieben werden, den die NASA 1961 ins Weltall beförderte“, und die vorgetragen mehr Effekt machen als auf dem Papier.

„Einst traf ich einen jungen Herrn,
und kaum, dass ich ihn kennen lern,
wie es kommen musste, kam’s:
Sacht überstieg er Rubikon
meines Eisprinzessincharmes,
und dacht sich dreist: ‚Ach, Bubi, komm,
bös wie in Texten ist die nimmer,
auf Bühnen tun sie immer schlimmer,
als sie dann in Wahrheit sind.
Das ist bestimmt ein liebes Kind,
zwar von einem andren Stern,
doch birgt die Schale weichen Kern.’

So spie er aus, was ihn beschlich,
gestand mir leis: ‚Ich liebe dich.’
‚Schon gut’, sagt ich, ‚doch was scherts mich?
Ist’s deine eigene Empfindung,
welche zerebrale Cortexwindung
bewirkt, dass ich mich nun befände
im Narrenhaus deiner Herzenswände?’

Sein frisch gepresster Augensaft
Ihm gischtend aus den Äuglein klafft.“

Oder:

„Doch wenn der letzte Baum gerodet,
letzter Götterfunk verodet,
wenn der letzte Fluss vergiftet
und letzter Fisch an Land gedriftet,
dann wird feststelln jedermann,
dass man Veganer essen kann.“

Oder aber (über Benedikt XVI.):

„Er tut mir ja ein bisschen leid,
macht heute nur die Drecksarbeit,
denn eines Papstes Würde endet,
wenn er nicht artgerecht verendet.“

Oder auch:

„Ich fühl mich schick wie Oscar Wilde,
und, am Toilettenrand verkeilt,
frag ich mich, ob auch dieser sich
damals so schick erbrach wie ich.“

Beziehungsweise eben:

„Am Tobsuchtsmittwoch werd ich jeden,
der schlechtes Urteil mir gegeben,
der nun vergaß zu applaudiern,
mit Strick und Peitschenhieb traktiern.

Doch wen ich dabei liebgewonnen,
der darf am Dienstag wiederkommen,
ich werd den Wunden, Blutergüssen,
wohl mit Küssen helfen müssen.“

Wie sie in den letzten beiden Zeilen ihre Stimme moduliert (hier, ab 6.00), das ist ganz großes Kino, da werden die Huren neidisch, und die Pfaue fallen lüstern von den Bäumen.

Auch ungereimt weiß die spröde Maid zu gefallen. „Die unwahrscheinlichsten Dinge können simultan gefühlt oder ausgeführt werden. Wir alle haben, und das nicht ohne diebische Freude, schon einmal gegessen, während wir auf der Toilette saßen“, schreibt sie über eine „Pestbeule der Postmoderne“ namens „Polyamorie“. „Ich persönlich beherrsche die seltene Kunst, im linken Mundwinkel an einer Zigarette zu ziehen und rechts ein Asthmaspray zu inhalieren. Aber niemals, niemals wird man im Stande sein, zwei Menschen zur gleichen Zeit gleichermaßen zu lieben.“

Lisa Eckart: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins Politische Korrektum“, Schultz & Schirm, Wien 2017.

Mitschnitte auf Youtube finden Sie z.B. hier, hier, hier.


                              ***


Die Soiree auf der Albrechtsburg war meine erste Veranstaltung, die von Security-Leuten flankiert wurde, die Verwaltung hatte wohl Angst um das historische Ambiente, ganz unbegründeterweise, denn ein Auftritt von mir, noch dazu ein am Flügel begleiteter, bringt keine Extremisten auf die Palme, geschweige auf den Burgberg in einer einstigen Grenzmark. Was in diesem Fall beinahe schade war, denn die vier Menschenschränke, die der Veranstalter am Eingang postierte, gehörten zum Beeindruckendsten, was mir aus dieser Branche bislang vor Augen kam; in einem Acht-Personen-Lift hätte sie wohl gerade so Platz gefunden. Freund ***, dem ich davon erzählte, empfahl, ich möge doch bei meinen Lesungen einfach einen American Staffordshire unter den Tisch legen, das werde im Falle einer unheimlichen Begegnung den gewünschten Effekt machen, und ich könnte ihn auch darauf abrichten, dass er knurrend das Haupt hebt, wenn eine Pointe nicht den gewünschten bzw. verdienten Applaus hervorruft. Aber bislang verhielt sich mein Publikum in jederlei Hinsicht absolut vorbildlich.


                            *** 


Professor: "Herr Präsident, in der nachgelassenen Schrift des Historikers Rolf Peter Sieferle befinden sich womöglich strafrechtlich relevante Passagen!"
Gerichtshofspräsident: "Waas? Sofort exhumieren, das Schwein!"
(Aus dem Traum eines progressiven Journalisten.)


                             ***

Vor acht Wochen wurde Franco A. verhaftet, ein übler Terrorist oder zumindest Terrorverdächtiger, der das Land erschauern ließ, weil er, eventuell, Anschläge gegen führende Vertreter der BRD plante und, womöglich, mit – mutmaßlichen – Komplizen Todeslisten zusammengestellt hatte. Seitdem hören wir zu dieser Sache nichts mehr: keine staatsanwaltliche Aussage, keine Stellungnahme des Innenministers, von einer Anklage zu schweigen. Nichts. Als wäre nie etwas gewesen...