Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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25. Juni 2017


Schlag Mitternacht schickt Freund *** ein Zitat zur Lage, welches den Tag beschließen möge: "More than half of modern culture depends on what one shouldn't read."
Oscar Wilde: The Importance of Being Earnest, Act I


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Wenn unsere Germanophobiker wüssten, wie sehr ich sie als typische Deutsche geringschätze, sie würden mir wohl glatt eine Ehrenmitgliedschaft in ihrem noblen Kreise antragen.


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"Wir, als kleine Buchhändler (in einer roten Stadt), können das Buch 'Finis Germania' solange nicht empfehlen, wie sich nicht Teile der Elite schützend davor stellen", schreibt Leser***. "Nach meiner Draufsicht sind Sie bisher der einzige. Doch sie gehören ja schon nicht mehr wirklich dazu. (...) Sieferle hat, in klarem, verständlichem Deutsch in 'Die Migrationskrise' den europäischen Nationalstaat als historische Errungenschaft hervorgehoben, die es zu bewahren gilt. Timothy Snyder kommt in 'Black Earth' zu einem ähnlichen Ergebnis: In Staatsgebilden stecke sehr viel Arbeit, die man nicht leichtfertig zerstören dürfe. (...) Die nicht geführte  heutige Debatte dreht sich letztlich um die Frage, ob der Nationalstaat erhalten werden soll oder ob nicht.
 
Den Kritikern der destruktiven gegenwärtigen Politik wird vorgehalten: Sie schürten rechtsradikales Nationalpathos, der Nationalstaat sei doch vorgestrig und gleichzeitig, sie schürten irrationale Ängste, der Nationalstaat werde doch gar nicht untergehen. Aufgabe der kritischen Elite wäre es vordringlich, diese verbotene Debatte zu legitimieren; nämlich sich dagegen zu wehren, daß Kritiker wie Sieferle zu den verbotenen Autoren gerechnet werden. Es geht also darum, der anderen, z.Zt. verfemten Meinung ihren rechtmäßigen Platz zu sichern, damit überhaupt eine Debatte über den Nationalstaat stattfinden kann. Bisher findet die nicht statt, weil sich die Linke darum herumdrückt und mit Denunziationen und Hetze arbeitet.

Besteht unsere kritische Elite aus Feiglingen? Sind diese Jungs und Mädels nicht mal in der Lage, für einen überragenden Autor wie Sieferle einzustehen?"


Nun, der einzige bin ich keineswegs, Christoph Schwennicke hat in Cicero immerhin darauf hingewiesen, dass Sieferles Buch weder rechtsradikal noch antisemitisch ist, die Zürcher Weltwoche hat eine Lektüreempfehlung ausgesprochen, Frank Böckelmann, Konrad Adam und Andreas Lombard haben das Buch gegen die absurden Anwürfe pawlowscher Feuilletonpudel verteidigt, und nun hat auch Rüdiger Safranski den eigentlichen Skandal beim Namen genannt, der nichts mit dem Inhalt von Sieferles Buch zu tun hat, sondern einzig mit dessen Behandlung durch als Rezensenten verkleidete Denunzianten (hier).

Was mich an einigen Statements stört, ist die Betonung, man müsse nicht mit Sieferle einer Meinung sein, um ihn lesenswert zu finden. Das ist zum einen anmaßend – "Ich bin nicht mit Kant/Hegel/Wittgenstein etc. pp. einer Meinung, aber..." –, zum anderen so trivial und selbstverständlich, dass man es nicht erwähnen muss. Wer es dennoch sagt, tut dies aus Gründen der Rückversicherung und fügt sich damit dem Gesinnungsdruck; er bekundet: Ich bin so liberal, dass ich auch solche Anschauungen diskutierenswert finde, aber ich teile sie keineswegs! – Also was mich betrifft: Ich teile sie.


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Die rattenhafte Wut der linken Verfolger richtet sich nun wieder gegen den an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Osteuropa-Historiker und Stalinismus-Experten Jörg Baberowski. Die "Trotzkistische Hochschulgruppe" der "Sozialistischen Gleichheitspartei" – das Pendant könnte ungefähr heißen: "Rudolf-Hess-Fähnlein der Nationalsozialistischen Ordnungspartei" – stellt ihm dort, vom Dekanat unbehelligt, seit geraumer Zeit mit Plakaten und "Aktionen" nach, wo er als Rechtsradikaler, Faschist, Rassist beschimpft wird, mit all dem, was einem trotzkistischen Trottel eben an Verleumdungsvokabeln so durch die triste Rübe rauscht und sich in nichts von den faden Zutaten anderer Linksextremistensüppchenkochgruppen unterscheidet; deswegen heißt der Laden ja "Gleichheitspartei".

Durch die Medien ging der Versuch des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Bremen, einen Auftritt von Baberowski an der Uni zu verhindern – die Veranstaltung musste an einem anderen Ort stattfinden, weil die Bremer Alma Mater einen ungestörten Ablauf nicht garantieren konnte –, mit denselben Anwürfen im öden Standardvokabular des linken Plattkopfs, der an der Uni sein eigentliches Biotop findet und danach allenfalls noch zur Ebert- oder Böll-Stiftung wenn nicht zur Zeit durchstartet. Baberowski klagte gegen einige der Verleumdungen, doch das Oberlandesgericht Köln entschied in zweiter Instanz und unter Berufung auf die Meinungsfreiheit, man dürfe behaupten, der Historiker verharmlose das Anzünden und Belagern von Flüchtlingsunterkünften als natürliche Reaktion verärgerter Bürger, begegne Menschen mit Hass, stehe für Rassismus und vertrete rechtsradikale Positionen. Der AStA der Universität Bremen erklärte dazu in einer Stellungnahme: "Das ist ein wichtiger Tag für den Kampf gegen rechte Hetze und die Meinungsfreiheit auf dem Campus und überall sonst!" Ein wichtiger Tag für den Kampf gegen die Meinungsfreiheit – immerhin sprechen diese Figuren aus, was sie antreibt (hier). Und freundliche Richter segnen den Kampf gegen die Meinungsfreiheit im Namen der Meinungsfreiheit ab. Was über ihn mutwillig entstellt behauptet und von einem kognitiven Legastheniker der grünen Bundestagsfraktion willig weiterverbreitet wurde, konnte Baberowski wenigstens hier einmal klarstellen.

Nachdem die Humboldt-Universität Baberowski in einer Ehrenerklärung zwar etwas elanlos, aber immerhin den Rücken stärkte, schoss der Bremer Jurist Andreas Fischer-Lescano hinter der sicheren Brustwehr des Zeitgeistes hervor auf die Uni-Führung, der er vorwarf, sie mache sich "zur Komplizin rechter Wissenschaft", wenn sie die "voreiligen Reinwaschungen des Wissenschaftlers" nicht zurücknehme (hier – falls einer fragt: Die wirklich klassischen "rechten" Wissenschaften sind Mathematik, Physik, Biologie und Genetik).

Die Strafe für Fischer-Lescano folgte auf dem Fuße: Wolfgang Benz pflichtete ihm bei (hier).

Die, um mich zu wiederholen, rattenhafte Wut der Linken rührt daher, dass sie genau wissen, wie gründlich sie gescheitert und mit ihrem Latein am Ende sind, deshalb zielen sie auf Existenzvernichtung, überhaupt auf Vernichtung; eher wollen sie das eigene Land vor die Hunde gehen sehen, als einzugestehen, dass sie nichts mehr anzubieten haben außer Hass, Neid, Planierungsvorschläge und ein Ersatzproletariat, das ihnen früher oder später die Hälschen abschneiden wird. Baberowski soll, im bewährten Seit' an Seit' von linken Radikalen und etablierten linken Wortführern, solange terrorisiert werden, bis man ihn endlich von der Universität vertrieben, am besten zum Verlassen des Landes genötigt hat, was er als ein im Gegensatz zu seinen Verfolgern international gefragter Gelehrter ja jederzeit tun kann. Die Petzer-, Denunzinaten- und Nachsteller-Mentalität von 1933ff., die nicht nur Hannah Arendt 1968ff. wiederkehren sah, scheint dieses verlorene Land bis zuletzt nicht verlassen zu wollen. Es geht diesen sinistren Figuren darum, an der Uni ein Exempel zu statuieren, nach dem guten alten maoistischen Motto "Bestrafe einen, erziehe tausend!" Herfried Münkler hat ja eindrucksvoll demonstriert, dass man sich nur der Willkommensjunta* andienen muss, um von künftigen Nachstellungen verschont zu bleiben. Dass bislang kein deutscher Journalist Professor Baberowski verteidigt hat, wird denjenigen nicht verwundern, der einige jener von den Haifischen der Meinungspolizei verschreckten Sardinen aus der Nähe kennt. Einmal mehr blieb es freien Schweizern vorbehalten, ein klärendes Wort zu sprechen (hier).

Überlassen wir Alexander Wendt die Conclusio: "Es gibt Götz Aly, der schreibt, was ebenfalls jeder schreiben könnte: die Hetzjagd gegen Jörg Baberowski ist infam. Um das festzustellen, so Aly, müsse man Baberowskis Thesen auch nicht alle teilen, sondern einfach nur ganz allgemein zurechnungsfähig sein. Nun stellt sich die Frage: Schlingt das Bednarz-Brinkbäumer-Grossarth-et al.-Komitee für betreutes Denken nun auch noch Schwennicke und Aly herunter, damit sie im gleichen Magensäurebad landen wie alle anderen gefährlichen Bürger, die schon enttarnt sind? Und schluckt es auch noch die, die den beiden dann wiederum beispringen? Nur zu. Die spätbundesdeutsche Denkkontrolle sollten wir uns vorstellen wie einen riesigen schwabbelnden Jabba the Hutt, der alles in sich hineinsaugt, was nicht schon Bednarz-Brinkbäumer-Prantl ist, bis sich praktisch alles intellektuell Interessante in seinem Magen befindet, und jeder noch irgendwie geistig regsame Individualist sich beeilt, hineinzukommen. Wenn auch noch der letzte geschluckt ist, zerfällt die Jabba-Hülle dann von ganz allein."

Mit einem Wort: Man muss schon etwas sehr falsch machen, um von diesen Halunken nicht verleumdet zu werden.

*Ich danke T.H. für den trefflichen Begriff.


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Das, wogegen sich u.a. Baberowski ausgesprochen hat, geht derweil munter weiter.

Bei der Lektüre des Lokalteils der Landshuter Zeitung vom Freitag, dem 23. Juni, "rieb sich so mancher Leser verwundert die Augen", lesen wir hier. Weil nämlich der Leiter des Amtes für Migration und Integration der Stadt Landshut, Thomas Link, aus verschiedenen Quellen erfahren haben will, dass er sich auf einen ungemütlichen Herbst einstellen müsse. "Spätestens im November geht es rund", habe Link gesagt. Nach wie vor kämen nämlich täglich neue Flüchtlinge ins Land, auch wenn darüber derzeit nicht so intensiv berichtet werde.

Die schwarzrote Koalition hatte beschlossen, das Recht auf Familiennachzug für subsidiärschutzbedürftige Menschen für zwei Jahre auszusetzen. "Ich weiß, dass es in diversen Ministerialschubläden Entwürfe für Regeländerungen gibt, die vor der Bundestagswahl nicht mehr angefasst werden", sagte Link. Bis Ende des Jahres rechne man beim Amt für Migration und Integration aber fest damit, dass die aktuellen Bestimmungen gekippt werden und der Familiennachzug ermöglicht wird. Die Neuankömmlinge, so Link, säßen nicht in Syrien, sondern bereits in Ankara, "mit Flugticket in der Hand und darauf wartend, dass die dortige Botschaft öffnet".

Wer Merkel wählt (oder Schulz), wählt den Nachzug von vier bis sechs Millionen Angehörigen der bereits heute unser Land in vielerlei Hinsicht voranbringenden und jedenfalls bunter machenden Fachkräfte.

Und nach wie vor strömen ja die Brückenkopfbauer für weitere Familiennachzügler zu uns. "Bund stellt 93 Milliarden Euro für Flüchtlinge bereit", meldete die Welt vor kurzem (hier). Bei dieser Schätzung unterstellten die Beamten des Finanzministeriums, "dass dieses Jahr 600.000 Flüchtlinge ins Land kommen, nächstes Jahr 400.000 und in den Folgejahren jeweils 300.000. 55 Prozent der anerkannten Flüchtlinge, so ihre Annahme, würden nach fünf Jahren einer Arbeit nachgehen." Bei dieser durch nichts gestützten und aller Erfahrung Hohn sprechenden Prognose aus der Spätzeit der DDR 2.0 verlinkt die Gazette auf einen Artikel mit der je nach Gusto witzigen oder impertinenten Überschrift: "So kurbeln Flüchtlinge die deutsche Wirtschaft an". Nämlich indem man aus Steuermitteln Unterkünfte für sie baut, sie mit Lebensmitteln, Haushaltsgeräten, Kleidung, Händis und Helfern versorgt, medizinisch betreut, die Zähne richtet, ihren Müll trennt, ihnen Sprachkurse bezahlt, und auch die Kosten für Strafverfolgung und Gefängnis sowie die medizinische Versorgung der in die Tausende gehenden Opfer jener aber höchstens zehn bis fünzehn oder siebzehnkommadrei Prozent schwarzen Schafe unter den glückhaft Hereingeschneiten schlägt irgendwie zu Buche. Sie verursachen Kosten und erwirtschaften praktisch nichts, das ist alles. Man könnte ebensogut nach einer Überschwemmung schreiben: "Wie die Flut die Wirtschaft ankurbelt". 

Hadmut Danisch hat sich zu diesem Thema ebenfalls und mit der gebotenen Drastik geäußert (hier).

Apropos Danisch: Ein Leser seines Blogs äußert den Verdacht, die Spiegel/BR-Studie zur angeblichen Ausländerfeindlichkeit deutscher Vermieter sei, analog zur unlängst aufegeflogenen "Studie" über die fremdenfeindlichen Sachsen, Fake-News vom Feinsten, man habe angeblich jedem Vermieter je zwei ausländische und eine deutsche Bewerbung geschickt, so dass ganz automatisch mehr Ausländer abgelehnt werden mussten, zumal sie ja immer noch eine Minderheit stellen (hier). Mal sehen, was da herauskommt. Zuzutrauen ist diesen edlen Seelen ja alles.  
 

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"Der Populismus profitiert davon, dass im Zuge der Globalisierung eine neue Elite entstanden ist, deren politischer Einfluss immens und deren demokratische Einbindung minim ist. Bei aller geografischen Diversität ist sie so homogen, dass ihre Mitglieder problemlos von einer Expat-Community in die nächste wechseln können. Ob in New York, San Francisco, London, Zürich, Genf oder Singapur, überall haben sie austauschbare Apartments und Villen, Restaurants und Klubs, Shops und Galerien, Business und Charity-Events, Privatschulen und Steuerberater.

Im Vergleich zu den bürgerlichen Wirtschaftseliten des 19. und 20. Jahrhunderts sind sie kulturell offener und sozial geschlossener. Es ist für sie kein Problem, ihre Kinder in eine International School zu schicken, in welcher Amis mit Saudi, Briten mit Russen und Deutsche mit Indern unterrichtet werden. Eine öffentliche Schule jedoch, wo Sprösslinge von Taxifahrern und Ärztinnen, Unternehmern und Putzfrauen, Bauarbeitern und Anwältinnen gemeinsam die Schulbank drücken, geht für die meisten nicht.
(...)

Eine Weile lang konnten sich die internationalen Wirtschaftseliten als Avantgarde einer neuen globalen Ordnung jenseits staatlicher Strukturen wähnen. Damit aber ist es seit 2008 vorbei. Als die globale Finanzwirtschaft in Schockstarre geriet und im Euro-Raum die Staatsschuldenkrise ausbrach, standen die Internationalisten als Zauberlehrlinge da, und es waren überwiegend die alten Institutionen des Nationalstaates, die für ihre Rettung aufkommen mussten. Damit aber gerieten die nationalen Politikeliten in Geiselhaft der internationalen Wirtschaftseliten.

Letztere gingen, abgesehen vom havarierten Ruf, gestärkt aus der Krise hervor. Ihre Drohung, bei hartem Durchgreifen in Länder mit nachsichtigeren Regimen abzuwandern, wirkte. In Amerika und Europa sorgten die staatstragenden Parteien dafür, dass die Krisensymptome bekämpft, die Krisenursachen verdrängt, die Krisenverursacher verschont und die Kosten auf künftige Generationen überwälzt wurden.

Der Preis, den die staatstragenden Parteien dafür bezahlten, war hoch. Nationale Politiker vom linksliberalen bis zum rechtskonservativen Lager erschienen als Komplizen einer ökonomischen Internationale, die gleichermassen über dem Gesetz wie über den Regeln des wirtschaftlichen Wettbewerbs stand. Um den Schaden in Grenzen zu halten, stellten Regierungen ihre Massnahmen als 'alternativlos' dar. Damit wurde die Krisenpolitik der demokratischen Streitkultur entzogen und in die Sphäre der technokratischen Notwendigkeit entrückt. Es war eine Konstellation, die geradezu nach einer populistischen Fundamentalopposition schrie."

Schreibt Caspar Hirschi, Professor für Geschichte an der Universität St. Gallen, in der Neuen Zürcher Zeitung (mehr hier).