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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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26. Juni 2017, Nacht


"Aus der Zeit, da Persien von den Nachkommen des Sefi regiert wurde, einem Fürstengeschlecht, deren unkalkulierbare Grausamkeit häufig ihren Divan, ihre Tafel, ihr Bett mit dem Blute ihrer Favoriten befleckte, wird eine Bemerkung eines jungen Edelmannes überliefert, dass er sich niemals aus der Gegenwart des Sultans entferne, ohne sich zu vergewissern, ob ihm sein Kopf noch auf den Schultern sitze. Die tägliche Erfahrung könnte den Skeptizismus des Rustan wohl rechtfertigen. Dennoch hat das fatale Schwert, das an einem einzigen Faden über ihm hing, offenbar den Schlummer oder die Gemütsruhe des Persers nicht gestört. Ein Stirnrunzeln des Königs konnte ihn zu Staub zermalmen, das wusste er wohl; aber ein einziger Blitzschlag oder ein Gehirnschlag vermochte das gleiche; einem Weisen geziemte es, während des Genusses flüchtiger Stunden das unausweichliche Unglück menschlichen Lebens zu vergessen. Er trug den Würdentitel eines königlichen Sklaven, war vielleicht unbekannten Eltern abgekauft worden in einem Lande, das er nie gekannt hatte, und war von Kindesbeinen in der gestrengen Disziplin des Serails erzogen worden. Sein Titel, sein Reichtum, seine Ehrenstellung waren ein Geschenk seines Herren, welcher sich ohne jedes Unrechtsbewusstsein wieder nehmen konnte, was er verschenkt hatte. Falls Rustan irgendwelche Kenntnisse besessen hatte, dienten sie ihm nur dazu, mit Hilfe des Gewohnten seine Vorurteile zu festigen. Seine Sprache kannte kein anderes Wort für 'Regierung' außer 'absolute Monarchie', und die Geschichte des Orients belehrte ihn dahingehend, dass dies seit Menschengedenken so gewesen war. Der Koran und die Ausleger dieses göttlichen Buches schärften ihm ein, dass der Sultan der Nachfahre des Propheten und der Statthalter des Himmels sei; dass Geduld eines Moslems erste Tugend sei und unbedingter Gehorsam die wahre Pflicht des Untertanen.

Die Seelen der Römer waren auf die Sklaverei völlig anders vorbereitet worden. Obwohl sie von der Last ihrer eigenen Korruption und Militärmacht schier niedergedrückt wurden, so hielten sie dennoch für lange Zeit die Gesinnungen oder doch wenigstens die Ideen ihrer freigeborenen Ahnen lebendig. Die Erziehung eines Helvidius oder Thrasea, eines Tacitus oder Plinius war die gleiche wie die von Cato oder Cicero. Aus der griechischen Philosophie hatten sie die zutreffendsten und freisinnigsten Ideen von der Würde der menschlichen Natur und dem Ursprung der menschlichen Gesellschaft entnommen. Die Geschichte ihres eigenen Landes hatte sie gelehrt, vor allem anderen eine freie, integre und siegreiche Republik zu schätzen; die Verbrechen von Cäsars oder Augustus auch dann zu verachten, wenn sie erfolgreich waren; und innerlich besonders die Tyrannen zu verabscheuen, die sie mit der widerwärtigsten Schmeichelei anbeteten. Als Magistratspersonen und Senatoren hatten sie nach wie vor Zutritt zu jenem großen Ratsgremium, welches einst der Welt die Gesetze vorgegeben hatte, dessen Name noch immer die Handlungen des Kaisers heiligte und dessen Autorität nun so oft zu den kriminellsten Handlungen der Tyrannei missbraucht worden war. Tiberius und alle die Herrscher, die nach seinem Vorbild arbeiteten, versuchten durchaus, ihre Morde durch juristische Formalien zu decken, und vermutlich haben sie noch klammheimliche Freude dabei empfunden, wenn der Senat nicht nur ihr Opfer, sondern auch noch ihr Komplize war. Diese Versammlung verurteilte die letzten noch lebenden Römer wegen erlogener Verbrechen und tatsächlicher Tugenden. Ihre elenden Denunzianten sprachen die Sprache aufrechter Patrioten, die ein gefährliches Subjekt vor den Richterstuhl ihres Landes brachten; und dieser Dienst an der Öffentlichkeit wurde mit Geldgeschenken und Ehrenstellen honoriert. Servile Richter gaben vor, die in der Person des ersten Staatsdieners beleidigte Majestät der Republik zu rächen, dessen Milde sie besonders innig dann beklatschten, wenn sie vor weiteren unerbittlich heraufziehenden Grausamkeiten am heftigsten zitterten. Der Tyrann beurteilte ihre Erbärmlichkeit mit der angemessenen Verachtung und erwiderte ihre heimlichen Gefühle des Abscheus mit aufrichtigem Hass für die ganze Körperschaft des Senats."

Edward Gibbon: "Verfall und Untergang des Römischen Reiches", 1. Band, Kapitel 4