Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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28. Juni 2017


Heft 125 des Ostberliner Comics "Mosaik", welches verfasst wurde von einem, ich wiederhole mich hier gern, Shakespeare der Jugendliteratur namens Johannes Hegenbarth*, trägt den Titel "Der Pokal des Siegers" und spielt in Konstantinopel anno domini 1204, genauer: am 12. und 13. April 1204. Obwohl bzw. weil die Stadt von einem Kreuzfahrerheer belagert wird, veranstaltet Kaiser Alexios V. (im Comic) im Hippodrom ein großes Wagenrennen, um sein Volk abzulenken und bei Laune zu halten. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt; nicht nur für die Einwohner der Stadt, sondern auch für den tags darauf türmenden Alexios selbst hielt sie ein heikles Ende bereit.

Unser aktuelles Wagenrennen heißt: "Ehe für alle".


* "Der eigentliche 'Shakespeare', nämlich der Schöpfer aller Texte ab 1957", moniert Leser ***, "war der kürzlich verstorbene Lothar Dräger."

PS: "Sehr geehrter Herr Klonovsky,
erlauben Sie mir folgende Korrektur: Anders als das Wagenrennen des Kaisers Alexios V. ist das unserer geliebten Kanzlerin ja nicht nur ein Spektakel, um vom Halbmondfahrerheer abzulenken und der gelbrotgrünen Armada den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern selbst ein Angriff (von innen bzw. oben und mit wehenden Regenbogenfahnen) auf eine der Kerninstitutionen der abendländischen Zivilisation, der, wie mir scheint, mühelos aus ihrer Politik der Auflösung und Entgrenzung abzuleiten ist. Daß die »Ehe für alle«, die ja in Wahrheit eine Homoehe ist, nicht wenigen »neuen Deutschen« (Münkler/Münkler) ein Dorn im Auge sein wird, nimmt die Kanzlerin des 19. Deutschen Bundestags gewiß gelassen hin, weiß sie doch nun, daß zukünftige Anpassungen, etwa in Richtung zweiter, dritter und vierter Ehefrau – oder sonstiger integrationspolitisch und gleichstellungsrechtlich wünschenswerter Varianten –, innerhalb weniger Tage und ohne nennenswerten Widerstand erfolgen werden…"


                              ***


Leser *** sendet als Appendix zum Schreibsklavenaufstand gegen Rolf Peter Sieferle ein Zitat, auf das ich hätte eher stoßen sollen:

"Die einschneidendste Veränderung, die der Zweite Weltkrieg der Welt bescherte, war die Geburt einer neuen, moralisch absoluten Größe: die der Nazis als des universellen Bösen. In einer Kosmogonie, die sie mitentworfen hatten, stellten die Nazis den Satan dar und stifteten damit für die Welt, die sie zerstören wollten, Sinn und Zusammenhalt. Erstmals, seit die europäischen Staaten begonnen hatten, sich von der Kirche loszusagen, fand die westliche Welt zu einem neuen gemeinsamen transzendentalen Universal. Vielleicht lebte Gott nicht mehr, doch in ihren dunklen Uniformen waren die Herren der Finsternis für alle gut zu erkennen. Wie es das Zeitalter des Menschen verlangte, hatten sie Menschengestalt; wie es das Zeitalter des Nationalismus gebot, waren sie ethnisch definiert – nicht in dem Sinne, dass alle Deutschen willige Vollstrecker gewesen wären, sondern in dem Sinne, dass die Naziverbrechen ethnisch begründet waren und die Deutschen als Nation für sie verantwortlich gemacht wurden. (...)
Es war, mit anderen Worten nur eine Frage der Zeit, wann die Hauptopfer nationalsozialistischer Gewalt zu den universellen Menschheitsopfern würden. Vom auserwählten Volk des jüdischen Gottes waren die Juden zum auserwählten Volk der Nazis geworden. Und dadurch, dass sie zum auserwählten Volk der Nazis geworden waren, wurden sie nach dem Weltkrieg zum auserwählten Volk des Westens. In der westlichen Öffentlichkeit avancierte der Holocaust zum Maß aller Verbrechen und Antisemitismus zur einzig unverzeihlichen Form von ethnischem Fanatismus."

Yuri Slezkine, "Das jüdische Jahrhundert", New Jersey 2004 (Deutsch 2006), S. 347.


Man könnte in diesem Zusammenhang auch (und diesmal keineswegs zustimmend) Elie Wiesel zitieren, der statuiert hat: "Auschwitz kann weder erklärt werden noch kann man es sich vorstellen (…) Der Holocaust steht außerhalb der Geschichte." An anderer Stelle heßt es bei ihm, der Holocaust "transzendiere" die Geschichte. Er sei "das ultimative Ereignis, das ultimative Mysterium".

Den Gesetzen der von Sieferle und Slezkine beschriebenen Ersatz- oder Reformreligion gemäß hat ein Tätervolksangehöriger und Teufelsbündnerabkömmling den Katechismus brav nachzusprechen und zerknirscht an den Riten teilzunehmen, aber er darf dazu weder Analyse noch Kritik beisteuern, was einem Opfervolksangehörigen und im nachhinein kollektiv Geheiligten immerhin nicht verwehrt werden kann. Ein ähnliches Prinzip herrscht bei der Beschreibung des derzeit überall in Westeuropa stattfindenden Bevölkerungsaustauschs: Wer links ist und ihn begrüßt, darf ihn beim euphemistischen Namen nennen ("Buntheit", "Bereicherung", "Geschenke"), während der Rechte wiederum, der ihn ablehnt, bloß an einer anlasslosen Paranoia leidet und gegen eingebildete Gespenster hetzt. Wenn Sie zwischen beiden Phänomenen auch nur die Spur eines Zusammenhanges sehen, müssen Sie einfach irre sein und brauchen dringend antifaschistische Medizin. Und lesen Sie unbedingt den Beipackzettel von Habermas; das sind quasi Kopftritte von innen als Prävention gegen jene von außen.


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"Gott ist tot, der Teufel lebt" (Nietzsche), nächstes Beispiel: der verliebte Paarlauf von Schleppern und NGO's, liebevoll rezensiert in den Qualitätsmedien (hier).