Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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9. Dezember 2017


Gelegentlich wünschen sich Besucher meines kleinen Eckladens eine Erweiterung des Sortiments. Machen wir einen Versuch.

Es ist nun so weit gekommen, dass unsereins, obwohl dem BVB sehr zugetan, Vereinen wie Leverkusen, Bremen und sogar Schalke gegen Dortmund die Daumen drückt, damit endlich dieser Trainer entlassen wird. Ich sage: zugetan; die Formulierung, ich sei ein Anhänger oder gar "Fan", träfe es nicht, weil ich ziemlich schnell die Lust am Zuschauen verliere, wenn "mein" Verein nicht oben mitspielt; ein Freizeitvergnügen, das auf regelmäßige Frustrationserlebnisse hinausläuft, hielte ich für eine contradictio in adiecto – ja sogar für ungesund. Dass sich ein Geistesmensch überhaupt Fußballspiele anschaut, finde ich angesichts des erheblichen ästhetischen Reizes, den dieser Sport ausstrahlt, und der nahezu garantierten Dramatik einer Partie völlig angemessen. Als Antwort auf die naheliegende Frage, wieso ich ausgerechnet auf den BVB gekommen bin, muss ich die Sentenz eines alten Freundes zitieren, welcher sagte: "Du kannst dir die Stadt aussuchen, in der du lebst, du kannst dir deinen Job aussuchen, du kannst dir deine Frau aussuchen, du kannst dir die Zahl deiner Kinder aussuchen. Aber für welchen Verein du bist, das kannst du dir nicht aussuchen, das wird über dich verhängt." Über mich wurde also Schwarz-gelb verhängt, obwohl ich noch nie im Westfalenstadion gewesen bin und nur ein einziges Mal in Dortmund, im Sommer 2013, als ich eine Reportage zum bevorstehenden Champions-League-Finale Dortmund gegen Bayern schrieb.

Der Absturz der Dortmunder, die vor kurzem noch zu den besten Mannschaften Europas gerechnet wurden, zu einer Gurkentruppe, die seit Wochen jedes Spiel verliert, kam für mich wenig überraschend. Ich darf sogar die schale Genugtuung verspüren, ihn exakt vorhergesagt zu haben. Vor der Partie gegen RB Leipzig schrieb ich einem Freund, mit dem ich zahllose Fußballspiele gesehen und hektoliterweise Bier dabei verdrückt habe und der "mir" als Bayern-Anhänger bereits zur BVB-Meisterschaft gratulieren wollte, dass die Leipziger in Dortmund gewinnen werden, der BVB danach aus der Champions League ausscheiden und in der Bundesliga durchgereicht und Peter Bosz spätestens zum Saisonende entlassen werde. Ich erzähle das nicht, weil ich angeben will, sondern das Problem liegt tiefer; ich komme gleich darauf. Ich hatte von Anfang an einen Soupçon gegen Bosz, weil ich auf Physiognomien reagiere, und dieser Mann schien mir eher geeignet, eine Kreissparkasse zu führen als einen Spitzenverein, dessen Personalpolitik allerdings bereits den Sturz eingeleitet hatte. Bosz brachte mit seiner "Spielidee" den ganzen Laden nur noch eher zum Kippen, als nötig gewesen wäre.

Jeder, der von Fußball ein bisschen was versteht, hatte nach den beiden Aufritten des BVB gegen Tottenham und Real Madrid genug gesehen, um die euphorischen Urteile der meisten Sportjournalisten über "die momentan beste deutsche Mannschaft" mit einem Lächeln zu quittieren. Die Dortmunder Verteidigung stand auch in der Bundesliga schlecht – die erste Halbzeit gegen Gladbach genügte als Anschauungsmaterial –, die Abwehr ist europäisches Mittelmaß, die Spieler sind allesamt viel zu langsam, um dermaßen hoch zu stehen und Amok-Pressing zu spielen, wie der närrische Holländer es von ihnen verlangte. Toljan und Toprak besitzen nicht die Qualität für dieses Level, Bartra war bei Barcelona Ergänzungsspieler, und inzwischen weiß jeder, warum, Sokratis ist nicht nur für den Gegner, sondern auch für den ästhetisch empfindsamen Zuschauer eine Strafe, Schmelzer und Pisczek würden es nie in den Bayern-Kader schaffen, bleibt Zagadou als Verheißung (Guerreiro ist kein Verteidiger, sondern Mittelfeldspieler), aber die hochkarätig besetzte Kreativ- und Angriffsabteilung konnte das eine Weile kompensieren, freilich nicht gegen richtiges Militär wie etwa Real Madrid, bei denen sich nach dem 3:1-Sieg in Dortmund ein Toni Kroos wunderte, mit welcher Großzügigkeit die Schwarz-Gelben der besten Kontermannschaft der Welt Räume angeboten hatten. Es war immerhin dieselbe Truppe, die noch eine Saison zuvor gegen den CL-Sieger munter mithielt und zweimal 2:2 spielte.  

Dieselbe Truppe? Nicht ganz. Damals war ein gewisser Herr Dembélé noch dabei. Und, nebenbei, ein Emre Mor. Gemeinsam mit dem dritten Teenager Christian Pulisic (auf den inzwischen naheliegenderweise die Bayern begehrliche Blicke werfen) war das ein Trio, um welches jeder Verein den BVB beneidete, drei prachtvolle Anarchisten, die alles und jeden und zuweilen sich selbst schwindling spielen konnten, mit dem verrückten Aubameyang in der Mitte und großartigen Passgebern wie Kagawa, Guerreiro, Götze, Weigl hinter sich, das sah gut und für die Gegner beängstigend unkontrollierbar aus. Aber –

Die Verpflichtung von Bosz war eine eklatante Fehlentscheidung, gewiss, und nachdem der Holländer sich mit seinem sturen System vercoacht hatte (erinnert sich noch jemand an seinen kongenial sturen Landsmann van Gaal?) und erste Konzessionen machte, war diese herausragend besetzte Mannschaft plötzlich dermaßen verunsichert, dass aus fünf Punkten Vorsprung auf die Bayern 15 Zähler Rückstand geworden sind, in einem Guss herausgespielt, und inzwischen sogar ein Sturz bis ans Tabellenende nicht auszuschließen ist. Fußball ist Kopfsache, ungefähr wie Impotenz oft nur eine Kopfsache ist; stecken die Selbstzweifel erst mal im Kopf, agieren veritable Stars plötzlich wie C-Jugend-Spieler. Deswegen helfen Trainerwechsel in der Regel, deswegen muss der BVB schleunigst reagieren, denn der Kader ist ja, von der Verteidigung abgesehen, pro forma der hierzulande zweitbeste hinter dem FC Bayern, welcher bekanntlich im Selbstvertrauen gebadet hat wie Obelix im Zaubertrank. (Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die Niederlagenserie der Bayern gegen Dortmund 2011-12; da konnte man studieren, dass auch an der Isar die Knie weich werden können.)

Und nun kommen wir zum Punkt. Geschäftsführer Watzke und Sportdirektor Zorc haben inzwischen so viele Fehlentscheidungen zu verantworten, dass mancher sich fragt, ob es nicht am besten wäre, sie verließen den Verein zusammen mit dem hoffentlich rasch fliegenden Holländer. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die beiden wirklich eine Wahl hatten und nicht die entfesselten Marktkräfte ihnen alle Entscheidungen abgenommen haben. Watzke und Zorc haben Thomas Tuchel, einen heiklen Charakter, aber brillanten Trainer entlassen, ohne einen adäquaten Ersatz in petto zu haben – ihr Trainerscouting war offenbar miserabel. Sie haben viele Spieler eingekauft, ohne die Abwehr auf Champions League-Niveau zu heben. Sie hatten Tuchel 2016 versprochen, dass nicht Hummels, Gündogan und Mkhitaryan zugleich den Verein verlassen würden, und doch konnten sie keinen der drei halten. Sie haben Dembélé gehen lassen, den einzigen BVB-Spieler mit Zeug zum wirklichen Weltstar, obwohl der Bub einen Vertrag bis 2021 unterschrieben hatte. Das war der Knackpunkt – wobei der Aderlass des BVB schon nach dem Meistertitel 2011 begann, als mit Nuri Sahin der Spielmacher ging (zu Real Madrid). Im Jahr darauf verließ mit Shinji Kagawa wieder der beste Mann den Verein (zu Manchester United), danach nahmen die Bayern dem Konkurrenten die besten Leute weg (Götze 2013, Lewandowski 2014, Hummels 2016). Keine europäische Spitzenmannschaft musste vergleichbare Personalverluste hinnehmen. Es gehört geradezu zur Definition einer Spitzenmannschaft, dass sie ihr Personal halten kann.

Womit wir wieder bei Dembélé wären. Das ist ein Spieler, "der den Unterschied macht", wie man sagt, der im Alleingang ein Spiel entscheiden kann, jetzt schon mit seinen neunzehn Jahren – unberechenbar, kaum zu stoppen, mit Spielintelligenz und Übersicht, rasend schnell und dribbelstark. Der FC Barcelona war nach dem Rekordtransfer von Neymar spendabel, machte dem Spieler und nebenher dem BVB ein unsittliches Angebot, Dembélé trat bekanntlich in den Trainingsstreik und versuchte, seinen Wechsel aus einem noch vier Jahre gültigen Vertrag zu erzwingen, die Provinzfürsten Watzke und Zorc waren begeistert von der Idee, 100 Millionen für einen Teenager zu kassieren (und 50 Millionen davon Schäuble zu geben) und erklärten den Deal der Öffentlichkeit damit, dass die Aktionäre bei einer gewissen Summe von ihrer AG dergleichen einfach erwarteten. Ich halte das für fatal unwagemutig. Die Aktionäre erwarten ebenso sehr Investitionen in die sportliche Zukunft. Der BVB aber sendete zwei selbstzerstörerische Signale. Das an die großen, reicheren Vereine lautete: Ihr könnt unsere besten Spieler haben, wenn ihr genug bietet, wir sind Europas "Ausbildungsverein". Das an die eigenen Spieler: Wir sind ein Popelverein, aber wenn ihr euch anstrengt, könnt ihr weg. Das Benehmen von Aubameyang ist seit einem Jahr ein einziger Ruf: Ich bin ein Star, holt mich hier raus.

Sie hätten Dembélé unter vier oder sechs Augen sagen sollen: Du wirst morgen wieder zum Training kommen, 100.000 Euro Strafe zahlen, dich bei der Mannschaft entschuldigen und hier noch zwei Jahre mit vollstem Einsatz spielen, oder du versauerst auf der Tribüne, bis du nur noch ein youtube-Gerücht bist. Hier gelten Verträge noch etwas und Vertragsbrecher nichts. Die Welt ist voll von übergeschnappten Ex-Talenten. Spielst du weiter so sensationell für uns, kommst du rechtzeitig genug nach Spanien und in den Olymp. Jeder Vereinsboss – der des FC Barcelona vielleicht ausgenommen – hätte Watze ein Glückwunschtelegramm geschickt. So aber haben alle gesehen: Mit dem BVB kannst du’s machen. Die Vereinsbosse in Spanien, England und München, aber auch Guerreiro, Pulisic et al. Dass sie nun auch noch ihren legendären Talentscout Sven Mislintat zu Arsenal London haben ziehen lassen (ein Verein, der ein ähnliches Problem hat wie der BVB), zeugt auch nicht unbedingt von professioneller Führung.

Kurz und gut: Ich fürchte, die Zeit des BVB ist vorbei. Der – vor allem finanzielle – Abstand zu den Bayern ist nicht mehr zu schließen, der zu den großen englischen und spanischen Vereinen erst recht nicht. Die Besten werden Dortmund verlassen. Als europäische Größe ist der BVB Geschichte. Ich lasse mich natürlich gern eines Besseren belehren, nehme aber einstweilen den Vorteil in den Kauf, dass mir diese Entwicklung pro Woche ca. drei Stunden mehr Zeit schenkt.


PS und apropos: In einem Interview mit France Football sagte Cristiano Ronaldo "Ich bin der beste Fußballer der Geschichte." Ein Kommentator auf Spiegel online entgegnete: "Du bist nicht mal der beste Ronaldo."