Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

14. Juni 2018


"Gestern abend sprach ein Mann aus den Städten
An der Gasthaustür
Er sprach auch mit mir.
Er redete von Gerechtigkeit und vom Kampf für Gerechtigkeit
Und von den Arbeitern, die leiden,
Und von der nicht endenden Arbeit und von denen, die hungern
Und von den Reichen, die dem nur den Rücken kehren.

Und als er mich ansah, bemerkte er Tränen in meinen Augen
Und lächelte zufrieden, denn er glaubte, ich fühlte
Den Hass, den er fühlte, und das Mitleid,
Das er zu fühlen behauptete.

(Doch ich hörte kaum hin.
Was kümmern mich die Menschen
Und was sie leiden oder zu leiden vermeinen?
Seien sie wie ich – dann leiden sie nicht.
Alles Übel der Welt rührt daher, dass wir uns einer um den anderen kümmern.
(...)

Ich aber dachte,
Als der Menschenfreund sprach
(Und das rührte mich zu Tränen),
Wie sehr doch das ferne Geläut der Herdenglocken
In dieser Abendstunde
Nicht den Glocken einer kleinen Kapelle glich,
In der Blumen und Bäche
Und schlichte Seelen wie ich zur Messe gingen."

Fernando Pessoa, Der Hüter der Herden XXXII. (Auszug)


                                     ***


Es fällt einem in Ost- bzw. Mitteldeutschen Aufgewachsenen schwer, sich dieser Tage nicht an den Herbst 1989 erinnert zu fühlen, die Déjà-vus werden in allzu großer Zahl vorstellig. Wieder wankt ein Regime, das sich im Namen des Fortschritts und des Weltfriedens wie ein gewaltiger Parasit auf das Land gelegt hat und seine Bürger aussaugt, wieder bekämpft ein "breites gesellschaftliches Bündnis" aus Politbürokraten, Blockparteifunktionären, sozialistischen Medien- und Kulturschaffenden, Lehrern, Staatspfaffen, Professoren, Kampfgruppen, Kabarettisten, Engagierten und Spitzeln die Opposition, wieder streut die Führung über die staatlich gelenkten Medien infantile Durchhalteparolen aus ("Vorwärts immer, rückwärts nimmer" = "Wir schaffen das"; "Die Partei, die Partei, die hat immer recht" = "Meine Politik ist alternativlos"), während sie das Land verkommen lässt, wieder gehen unbotmäßige Bürger gegen ideologisierte Bürokraten auf die Straße, wieder werden Bürgerrechtler von Schlägern verfolgt und von Bütteln denunziert, wieder findet in Betrieben eine Jagd auf Falschmeiner und Abweichler statt, wieder ist Oppositionsverleumdung die Hauptaufgabe der Medien, wieder ist Sachsen das Herz des Widerstandes, wieder zerbricht ein autoritärer transnationaler Pakt zuerst an den freiheitsliebenden Polen und Ungarn, wobei die Ungarn diesmal eben die Grenzen gegen eine gefährliche Flut schließen, statt sie einer befreienden zu öffnen (zu den noch nicht ausreichend gewürdigten Pikanterien unserer Tage gehört, dass eine den DDR-Mauerbauern als Jugendfunktionärin Dienstbare heute erklärt, Grenzen könnten keine Menschen aufhalten).

Die Rolle Gorbatschows hat Donald Trump übernommen, während Vera Lengsfeld wieder von Vera Lengsfeld gespielt wird; Glasnost und Perestroika kommen heute über den Atlantik, und die einheimische Nomenklatura schaut geifernd und zähnefletschend zu, wie der einstige große Bruder und Verbündete von der reinen Lehre abfällt, während Russland in die Rolle der USA, durch Honnis Schieleisen gesehen, schlüpfte und der "Aggressor Israel" das für seinen Überlebenswillen zu verurteilende Israel geblieben ist. Die einzige Oppositionspartei AfD ist das aktuelle Neue Forum, die hauptamtliche Stasi ist zwar deutlich kleiner und in ihren Methoden behutsamer, die Zahl der Spitzel, Anschwärzer und IM allerdings ungleich größer geworden. Damals wie heute golt und galt der Kampf dem wieder drohenden "Faschismus", dem einzig wirklich fruchtbar gebliebenen deutschen Schoß, und damals wie heute bekam jeder dieses Stigma  verpasst, der sich gegen die Politik des Regimes aussprach.

In einem der letzten regierungstreuen Kommentare des Neuen Deutschland schrieb im Oktober 1989 irgendeine Funktionärin, egal was passieren werde, die Kommunisten hätten stets recht und ihre Gegner stets unrecht gehabt, heute liest man diesen Satz in unzähligen Variationen täglich von taz bis Zeit. Buhr heißt heute Habermas und ist sogar intelligenter geworden (kann aber schlechter schreiben), Karl-Eduard nennt sich Heribert und einmal in der Woche Jakob. Jenem treuen Untertanen Erichs des Einzigen, den West-Agenten im Oktober 1989 angeblich mit K.O.-Tropfen betäubt und nach Österreich entführt hatten, von wo er in seine geliebte DDR zurückzukehren begehrte, entspricht als Medienclou heute die Anzeige gegen den Chef der Bundespolizei, weil der den Extremkuschler Ali B. angeblich aus dem Irak hat entführen lassen. Nicht zu reden von der sentimentalen Träne, die Margot Merkel beim Abschied von Barack Breschnew Medienberichten zufolge über die beschichtete Wange rann, nicht zu reden ferner von den hunderten Brieftaschen, die Asylbewerber gefunden und ihren schusseligen deutschen Besitzern zurückerstattet haben, oder von den wirtschaftlichen Erfolgen der Neubürger, die jenen der realsozialistischen Wirtschaft kaum nachstehen. Betreutes Schreiben und Lesen damals wie heute, Durchsetzungsgesetze damals ohne Netz wie heute mit, Internationalsozialismus diesseits wie jenseits der Zeitmauer und der ehemals realen.

Was fehlt noch? Das Pendant einer Szene vom 17. Oktober 1989: "Ich beantrage die Entbindung des Genossen Honeckers von allen seinen Ämtern. – Angela, es geht nicht mehr. Du musst gehen."


                                    ***


Nun, so schnell wird die böse Fee nicht weichen. Nachdem sie vorgestern Abend einsehen musste, dass sie in ihrer eigenen Fraktion derzeit keinen Unterstützer mehr für ihre Völkerwanderungsermunterungspolitik besitzt, griff Angela I. beherzt zum Händi und telefonierte naheliegenderweise mit den Sozis, denen sie in schlauer Antizipation des Kommenden überschwänglich viele und zu Dankbarkeit verpflichtende Ministerien übertragen hat; es soll keiner sagen, sie hinge an einer Partei speziell. Danach hat sie wahrscheinlich auch mit einigen Grünen telefoniert, dann mit den einschlägigen Pressebesitzern, und ganz zuletzt klingelte sie die CDU-Landeschefs aus der Heia (also das alles hätte zumindest ich an ihrer Stelle getan, wobei ich nicht unglücklich darüber bin, an meiner Stelle zu sein). Nach positiven Rückmeldungen kam das CDU-Präsidium an die Reihe. Wenn die CDU-Fraktion der CSU folgt, muss eben eine neue Front aufgebaut werden. Heute wurde das Ergebnis bekannt: Die SPD droht mit Koalitionsaustritt, falls die Union sich von Merkels Idee verabschiedet, die europäischen Völker mit Drittweltmigranten zu verdünnen, mählich in Einheitsbevölkerungen zu verwandeln und zur Erleichterung dieses Transformationsprozesses die Nationalstaaten unter die Fuchtel der barbarischen Brüsseler Vereinheitlicher zu zwingen (ein Abgeordneter aus dem Kulturausschuss berichtete, dass die EU nun analog zum Gender Mainstreaming ein Cultural Mainstreaming-Programm über willige Vollstrecker im Bundestag durchdrücke, und dies ganz orwellesk als Förderung von Vielfalt verkaufe), und stracks sank die Helden- und Heldinnenriege des Präsidiums zum Treueschwur auf die morschen Knie.

Schon im Herbst 2015 hatte sich in der CDU-Bundestagsfraktion eine Fronde gegen die Grenzöffnung formiert, mehr als 60 Abgeordnete protestierten, aber sie ließen sich auf den läppischen Modus eines Briefs an die Domina herunterhandeln. Jeder einzelne musste danach bei Kauder antanzen und sich über seine persönlichen Karrierepläne befragen lassen, mit Ausnahme der Direktkandidaten ist keiner der Frechlinge 2017 wieder in den Bundestag eingezogen – nicht dass Sie glauben, geneigter Leser, sie werden von Leuten regiert, die an Freiheit, Recht und Pluralismus interessiert sind. Nein, diese Figuren sind bloß fatzkehaft kleine Teile "jener Kraft,/ die stets das Gute will und stets das Böse schafft".

Inzwischen ist die Lage für die Empörer günstiger, die CSU hat die Landtagswahl im Nacken, und im Zweifelsfalle san mia halt mia und g’schissen is auf den Bund. Die Fraktion war sich erstmals einig gegen Merkel, aber was heißt das schon, es wäre ja nicht das erstemal, dass jemand von seiner eigenen Courage erschrickt, zumal Merkel nun ihre Nazgûl aussendet, um jeden einzelnen Abgeordneten für sich allein aufzutreiben, zu erschrecken und zu kaudern?  "Der Starke ist am mächtigsten allein" (Schiller, "Wilhelm Tell") ...? – Aber wo denn? Müssen doch alle ihr Auskommen finden, und das Land geht langsamer vor die Hunde als die eigene Karriere... –

Dennoch, ich bleibe dabei, die Merkeldämmerung hat begonnen. Die AfD-Abgeordneten sollten jetzt T-Shirts mit dem Aufdruck tragen: "Jeder Abgeordnete ist einzig seinem Gewissen unterworfen"; mehr Opposition geht nicht in einem Parlament, in dem die Otto-Wels-Verehrer die absolute Mehrheit stellen. Oder stellen thäten. Heute vormittag wurde übrigens die Plenardebatte unterbrochen, damit sich die Union zur internen Beratung zurückziehen konnte. Das ist nicht nur ungewöhnlich und unüblich, sondern zeugt von einer gewissen Dreistigkeit, denn was anderes als der Terminplan der Fremdenführerin kann Anlass gewesen sein, das restliche Parlament in die Hofpause zu schicken?


                                      ***


Seit Wochen, notierte der Spiegel im Oktober 1989, haben in der DDR Witze über den greisen Generalsekretär Konjunktur: "Typisches Beispiel: Was hat Honecker mit einem Blindgänger gemeinsam? Niemand traut sich an ihn ran, und von selbst krepiert er nicht."


                                      ***


Was unsere Sonnenkanzlerin betrifft, würde es mir genügen, wenn sie sich weniger mit dem deutschen und mehr mit dem chilenischen Asylrecht beschäftigte.


                                      ***


Gestern Abend in der Bibliothek des Konservatismus. Im Anschluss an den Referenten, einen CDU-Funktionär auf ungefähr Höhe Halbmast, folgt die Fragestunde. Eine Ärztin leitet ihre Frage mit der Bemerkung ein, dass keiner ihrer muslimischen Patienten nicht mit einem oder einer Verwandten verheiratet sei. Die Folgen für den Nachwuchs seien schrecklich, fast alle diese Kinder hätten irgendwelche auf Gendefekten beruhende Gesundheitsschäden. Wenn sie das aber öffentlich thematisiere, werde man sie als Euthanasistin oder Nazisse beschimpfen.

Merke: Den Gutmenschen irritieren nicht die Tatsachen, sondern dass sie einer ausspricht.


                                      ***


Das Zentralorgan für Empathie und angewandten Humanitarismus Spiegel online sorgt sich um die Stimmung in Mainz.

"Der Lebensgefährte von Susannas Mutter macht die Wohnungstür auf, müde und unrasiert. Es tue ihm leid, aber er wolle nichts sagen. Dann macht er freundlich die Tür zu. Eine Ahnung dessen, was in ihm vorgeht, bietet sein Facebookprofil. Vor Susannas Verschwinden veröffentlichte er Fußballclips und Videos von sizilianischen Stränden. Jetzt teilt er ein Video der AfD-Fraktionschefin Alice Weidel, die Merkels Rücktritt fordert. Oder Bilder, die Angela Merkel zeigen, mit blutenden Händen, eine Kugel im Bauch. Die Wut, so sieht es aus, hat auch ihn erfasst."

Seltsam. Was mag dem Mann Schlimmes zugestoßen sein?