Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Gieseking spielt Beethoven-Sonaten

 

Walter Gieseking genießt heute noch den Ruf des subtilsten Debussy- und Ravel-Interpreten, und zwar mit allem Recht der Welt. Tatsächlich ist jedoch das Schubert-, Schumann- und vor allem Beethoven-Spiel dieses pianistischen Phänomens mindestens ebenso beeindruckend gewesen.

Gieseking war ein Riese; er besaß Hände von Tellergröße, mit denen er über die Tastatur „wischte“ und nicht nur gewaltigte Eruptionen auslöste, sondern auch das hauchzarteste Pianissimo spielen konnte (mitunter fragt man sich bei ihm, ob ein Ton tatsächlich erklungen ist). Seine Begabung war mysteriös, seine einzige formale Ausbildung bestand in einem zweijährigen Studium bei Karl Leimer. Offenkundig besaß er ein nahezu fotografisches Gedächtnis, er lernte die Stücke in kurzer Zeit auswendig und spielte sie quasi „von innen“. Üben erklärte er für überflüssig; wer einmal Klavierspielen gelernt habe, könne es doch. Das klang kokett angesichts der Tatsache, dass für ihn nie irgendeine technische Schwierigkeit existierte. Bei Gieseking hat man sogar oft den Eindruck, er spiele manche Passagen aus Langeweile viel zu schnell. Doch sein Formgefühl war unbestechlich – nach beim Hören des gesamten Stückes zerfallen solche Einwände von selbst. Zugleich war seine Fähigkeit, Mysterien herzustellen, so stupend (man höre das Adagio und das L’istesso tempo di Fuga aus Opus 110), dass die Ausflüge ins Allzu-Virtuose wie ein entspannendes Durchatmen wirken.

Einzigartig bei vielen seiner Beethoven-Aufnahmen ist die Mischung aus Zärtlichlichkeit und nahezu Gewalttätigkeit. Er spielt eine Sonate nicht, sondern packt sie sich und unterwirft sie seinem Willen. Wer weiß, wie allseits geschätzte Kollegen in mitunter zielloser Detailversessenheit in diesen Stücken herumirren, wird sein prometheisches Spiel desto mehr genießen.

Ich empfehle jede Beethoven-Einspielung von Gieseking (eine Gesamtaufnahme scheiterte an seinem Unfalltod), die 1953 und in seinem Todesjahr 1956 entstandene ist nur ein Beispiel.

Beethoven, Piano Sonatas No. 21, 23, 30, 31. Walter Gieseking, EMI (Great Recordings Of The Century)

 

Erschienen in: eigentümlich frei