Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Bach: Matthäus-Passion

 

Ein Gespenst geht um in den Orchestergräben. Es heißt: historische Aufführungspraxis. Dirigenten und Instrumentalisten bemühen sich um eine korrekt rekonstruierte Wiedergabe von vorromantischen Werken. Sie sollen möglichst so klingen, wie der Komponist sie noch selbst hörte. Die Idee ist letztlich so schlüssig wie die, Shakespeare ohne weibliche Darsteller und ohne elektrisches Licht aufzuführen. Diese als Entrümpelung verkaufte Entromantisierung richtet sich u.a. gegen Pathos, Vibrato und dicken Klang.

Bei den Passionen, die bekanntlich von der Kreuzigung des Heilands handeln, scheint freilich kaum etwas angezeigter zu sein als Pathos und dicker Klang. Wenn in den Aufführungen der  historisch Informierten die Klagechöre der Jünger wie Aufforderungen zum Contretanz klingen, greife ich doch lieber zur Einspielung unter Karl Richter von 1979 mit ihrem ganz und gar unschlanken und desto ergreifenderen Orchesterklang und ihren Massenchören. Ich frage mich immer, ob Bach diese Besetzung nicht besser gefallen hätte als seine kleine für den Kirchengebrauch (bei einer Musik übrigens, die von seinen Zeitgenossen als viel zu dramatisch empfunden und abgelehnt wurde). Auch die Solisten sind hervorragend. Ich habe Peter Schreiers Stimme immer gehasst, doch als Evangelist ist er kaum zu übertreffen, desgleichen Janet Baker, deren Aria „Können Tränen meiner Wangen“ einem Schauer über den Rücken jagt. Zu schweigen vom Eingangschor, der mir immer als das gewaltigste Stück abendländischer Musik überhaupt erschienen ist und der hier ohne die derzeit modische rhythmische Durchpulstheit erklingt.

Ich bin einmal nachts in Berlin Taxi gefahren, als diese Aufnahme im Radio gespielt wurde. Am Hotel angekommen, stellte der Fahrer, vermutlich ein Student, den Motor ab, und wir hörten uns zusammen das gesamte Opus schweigend bis zum Schluss an. Ich bezweifle rundweg, dass bei einer historisch korrekten Aufnahme dergleichen geschehen wäre.

Johann-Sebastian Bach: Matthäus-Passion; Karl Richter; Mathis, Baker, Schreier, Fischer-Dieskau, Salminen; Münchner Bach-Chor, Münchner Bach-Orchester (Archiv Pro/Universal)

 

Erschienen in: eigentümlich frei