Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Franz Schubert: Klaviersonaten

 

Um mit einem Sakrileg und zugleich Paradoxon anzuheben: Schuberts Klaviersonaten langweilen mich zuweilen ein bisschen – aber es gibt kaum ergreifendere Musik. Schubert hat seine herzzerknüllenden Motive einfach zu oft wiederholt, wodurch den Sätzen namentlich der späten Sonaten eine gewisse Überlänge eignet. Da mag es nun noch ganz besonders paradox erscheinen, dass ich die Einspielung mit Valery Afanassiev empfehle, der sich, soweit ich’s überblicken kann, die meiste Zeit von allen nimmt: für das Allegro der A-Dur-Sonate etwa fast 20, für das Molto moderato der in B-Dur knapp 29 Minuten. Paradox ist freilich vieles und, bei Lichte besehen, fast alles Interessante.

Schubert soll einmal gesagt haben, Musik könne doch gar nicht anders als traurig sein. Für seine trifft das in hohem Maße zu. „Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen: so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es verspricht“, schrieb der junge Adorno. Ob der Grund nun stimmt, sei dahingestellt – wir weinen. Im Weinen liegt allerdings stets die Möglichkeit des genießerischen Schwelgens (wieder ein Paradox). Da ist nun freilich Afanassiev vor. So wie er Schuberts Musik in der Zeit auskostet, so gebrochen und fast spröde serviert er sie im Klang. Ein Freund von mir, Maler, Pianomane und Ästhet von hohen Graden, verzog das Gesicht wie bei einer Zahnarztbehandlung, als ich ihm das Andantino aus der A-Dur-Sonate vorspielte. Um dieses Andantino vor allem geht es, eine von Schuberts kostbarsten, natürlich todtraurigen Eingebungen, die unter den Händen des Gilels-Schülers in eine so niederschmetternde Verzweiflung umschlägt, wie sie fast nicht mehr in den Noten steht. Es ist, als wenn eine Marionette, der nahezu alle Fäden durchtrennt wurden, zu laufen versucht. Keiner seiner Pianisten-Kollegen hat so einen Schubert gewagt. Klanglich spielt Afanassiev nahezu falsch, aber dennoch „richtiger“ als alle anderen.

Franz Schubert: Klaviersonaten D 958, D 959, D 960, Valery Afanassiev (Megaphon)

 

Erschienen in: eigentümlich frei