Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Giacomo Puccini: Manon Lescaut

 

Der Ruhm Giacomo Puccinis gründet im Wesentlichen auf seinen drei Welterfolgen „La Bohéme“, „Tosca“ und „Madama Butterfly“. Der eigentliche Durchbruch gelang dem Mann aus Lucca indes mit „Manon Lescaut“. Mit seiner 1893 uraufgeführten dritten Oper wurde er über Nacht zum nationalen und übers Jahr zum Weltstar. Als Freunde den Komponisten darauf ansprachen, warum er einen Stoff vertone, den kurz zuvor bereits sein berühmter Kollege Jules Massenet auf die Bühne gebracht hatte, erwiderte dieser, Massenet habe das Thema wie ein Franzose behandelt – „mit Puder und Menuett“ –, er selber werde es wie ein Italiener tun: „mit verzweifelter Leidenschaft“. Dies „con passione disperata“ sollte fortan sein Markenzeichen werden.

Musikalisch scheint das späte Frühwerk 50 Jahre Operngeschichte durchmessen zu wollen: Es beginnt als Opera comique und endet als Italowesternversion von „Tristan und Isolde“. Der Komponist befand sich ersichtlich in einem Prozess, den man heute gern als künstlerische Selbstfindung bezeichnet, doch was ihm an Formgefühl (noch) fehlte, kompensierte er mit einer beispiellosen Fülle melodischer Ideen. Der erste Akt behandelt Manons Rettung vor dem Kloster per Entführung und ist dramaturgisch perfekt gefügt, der zweite tingelt zunächst im galanten Rokoko-Stil, bis das Liebesduett losbricht und loswagnert, der dritte ist ein Höhepunkt des musikdramatischen Theaters überhaupt. So etwas wie die Deportationsszene in Le Havre mit ihrer Trostlosigkeitsdrastik und unerträglichen Spannung hatte es vorher nicht auf der Bühne gegeben (ich frage mich immer, wie das Publikum es schafft, dabei sitzen zu bleiben). Der vierte Akt wiederum könnte in seiner Weltferne und absoluten Verlorenheit auch auf dem Mond spielen; es ist, als hörte man den beiden letzten Menschen zu.

Die Aufnahme von 1998 existiert zugleich als DVD, ich empfehle beide uneingeschränkt. Die Inszenierung spielt wirklich im 18. Jahrhundert, José Cura singt göttlich, seine Klage im 3. Akt würde auch einen Roten Khmer erweichen.

Giacomo Puccini: Manon Lescaut; Riccardo Muti; Guleghina, Cura, Gallo; Chor und Orchester der Mailänder Scala (Deutsche Grammophon; DVD bei TDK)

 

Erschienen in: eigentümlich frei