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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Jean-Philippe Rameau: Une Symphonie imaginaire

 

Was ist Glanz? Ich fürchte, wir haben inzwischen einen allzu elektrifizierte Vorstellung davon. Aber Las Vegas zum Beispiel glänzt nicht, so wenig wie eine Bordelltür es tut. Dagegen glänzt diese Musik, und zwar auf unvergleichliche Weise. Was Wunder, immerhin erklang sie am Hofe von Ludwig XV., und auch Madame Pompadour befand sich unter den Zuhörern bzw. Adressaten. Das will schon einiges heißen, ist für das Genie Jean-Philippe Rameaus freilich ein immer noch viel zu enger Rahmen. Ähnlich wie sein deutscher Kollege Johann Sebastian Bach ist Rameau so wenig ein „Barockkomponist“ wie Shakespeare ein elizabethanischer Theatermann. Rameau hatte bereits die 50 überschritten, als der König ihn engagierte. Das einen vor Lebenslust geradezu überrennende „Orage“ (Gewitter) aus der Ballettoper „Platée“ (Nr. 9 auf der CD) hat ein über Sechzigjähriger komponiert, kaum zu glauben, desgleichen die überwältigende Ouvertüre zu „Zais“, mit der die CD anhebt. Wie das „Rheingold“-Vorspiel behandelt sie gewissermaßen den Anfang von allem, und wie die Musik bei Wagner aus einem abgrundtiefen Es-Dur-Akkord ensteht, wächst sie hier aus verheißungsschwangeren Paukenschlägen.

Rameau hat nie für das pure Orchester geschrieben, seine Orchesterwerke sind durchweg Bühnenmusiken. Der bekannte französische Barockmusik-Dirigent Marc Minkowski vermisste jene Symphonie, welche Rameau nie komponiert hat, also baute er sie mit seinem Ensemble selber zusammen: aus Ouvertüren, Intermezzos und Ballettmusiken verschiedener Werke. Enstanden ist eine furiose „symphonie imaginaire“, in der feierlichen Adagios wirbelnde Scherzi folgen, zu welchen Minkowski die Tänze umwandelt, indem er sie etwas zu schnell spielen lässt, oder die schauerliche Scène funèbre“ aus der Oper „Castor et Pollux“ als Andante misterioso figuriert. „Wir hatten nicht vor“, erklärte der Dirgent, „den Komponisten für uns zu vereinnahmen, sondern wollten einem der größten Meister des Orchesters huldigen, der je auf dieser Erde gewandelt ist.“ Oui, bien sur.

Rameau: Une Symphonie imaginaire; Les Musicens du Louvre, Marc Minkowski (Deutsche Grammophon)

 

Erschienen in: eigentümlich frei