Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Giacomo Puccini: Il Trittico

 

Puccinis „Il Trittico“ ist ein in der Operngeschichte singuläres, gleichwohl recht unbekanntes Werk, bestehend aus drei unzusammenhängenden Einaktern von jeweils einer (knappen) Stunden Dauer. Es handelt sich um „Il Tabarro“ („Der Mantel“), ein Schauerdrama aus der Welt des Lumpenproletariats, „Suor Angelica“, ein Rührstück über den Selbstmord einer Nonne – die einzige Oper des gesamten Repertoires für ausschließlich Frauenstimmen –, sowie „Gianni Schicchi“, einen burlesken Spaß um eine Testamentsfälschung, spielend im Florenz der Frührenaissance. Jeder der Einakter ist wie aus einem Guss komponiert. Vor allem der „Tabarro“ ist bezüglich seiner Komprimiertheit zu preisen; wie der Komponist es schafft, in einem Akt über ein Kleinstsoziotop von Menschen nahezu alles zu sagen und nebenher eine Ehe sowie ein Verhältnis final zerbrechen und einen Totschlag geschehen zu lassen, das hat in der mir bekannten Kunst überhaupt kein Gegenstück.

Dass die Einakter eigentlich nicht zusammengehören und auch fast nie zusammen aufgeführt wurden bzw. werden, dürfte ihrer Unpopularität erklären – nur „Gianni Schicchi“ hatte sich einst in den Spielplänen halbwegs etabliert, nicht zuletzt weil darin die einzige berühmte Arie des „Trittico“ erklingt („O mio babbino caro“). Freilich fügen sich die drei Teile, wenn man sie nacheinander hört, doch zu einem Ganzen; der Abfolge der grundverschiedenen Genres und Szenerien wohnt ein eigentümlicher, wenn nicht gar eigentümlich erhebender Effekt inne, wobei der Hörer zunächst schwer erschüttert, sodann zu Tränen gerührt und schließlich getröstet wird. Wie die dreizehnte Fee an Dornröschens Wiege vermag der heitere „Schicchi“ die Wirkung seiner Vorgänger allerdings nur zu mildern, nicht aufzuheben, und man verlässt das Opernhaus mit dem Eindruck, nicht spezielle menschliche Geschicke, sondern die Aktivitäten der Gattung an sich beobachtet zu haben.

Giacomo Puccini: Il Trittico; Antonio Pappano; Guleghina, Gheorghiu, Guelfi, Shicoff, Alagna u.a.,  London Symphony Orchestra (EMI)

 

Erschienen in: eigentümlich frei