Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Giacomo Puccini: Tosca

 

Eine Empfehlung für Giacomo Puccinis womöglich bekannteste Oper „Tosca“ auszusprechen, bereitet mir zunächt einmal insofern großes Vergnügen, als ich offenbar im Gegensatz zu sämtlichen Kritikern, Operngeschichtlern, amazon-Rezensenten und Homosexuellen Maria Callas keineswegs für die unüberholbare Idealbesetzung der Titelfigur halte. Eher im Gegenteil. Geht es in allen Puccini-Werken um Liebe, Schmerz und Tod, so kommt in seiner Rom-Oper nämlich als entscheidende Ingredienz der Sex hinzu, der gute Cavaradossi und der bitterböse Scarpia müssen Floria Tosca hemmungslos begehren – doch eine irgendwie erotische Ausstrahlung der Callas-Stimme (wie der Callas überhaupt) will sich mir nicht erschließen. Nun gut, Scarpia ist pervers, aber was fände Cavaradossi an dieser Frau? Und wenn die Diva im berühmten „Tosca“-Video um den toten Polizeichef herumstöckelt und die geniale Spukmusik des Zweiten-Akt-Finales zerklackert, kann es einem schon erscheinen, als sei der Tote in Wirklichkeit nur ihr in Ohnmacht gefallener Schuhverkäufer...

Über die "Tosca" selbst ist, wegen ihrer angeblichen oder tatsächlichen Blutrünstigkeit und Kolportagehaftigkeit, wegen ihres Sadismus etc. so viel Unsinn geschrieben worden, dass ich hier nicht darauf eingehen kann und bei näherem Interesse auf mein Puccini-Buch zu verweisen mich eitel gezwungen sehe. Ich setze die Kenntnis voraus, dass das Te deum-Finale des ersten und das Bild des erwachenden Rom zu Beginn des dritten Aktes zu den Groß- und Genietaten der Oper gehören, dass die Auftrittsmusik der Primadonna und das alles niederwalzende Scarpia-Motiv ebenfalls beneidenswerte Eingebungen sind, dass "Tosca" drei kanonisierte Arien enthält, mit "E lucevan le stelle" eine der schönsten und ergreifendsten überhaupt (was wäre an Beethovens "Fidelio"-Kerkermusik wahrhaftiger?), dass dieses Werk dramaturgisch perfekt gefügt ist und das Publikum vom ersten bis zum letzten Takt in seinen Bann schlägt.

Was er der Callas an erotischer Weiblichkeit vorenthielt, gewährte der Herr sehr großzügig Leontyne Price. Karajan dirigiert fulminant, Taddei ist ein veritabler Schurke, nur di Stefano hat den Zenit schon arg weit hinter sich.

Giacomo Puccini: Tosca; Herbert v. Karajan; Leontyne Price, Giuseppe di Stefano, Giuseppe Taddei; Wiener Philharmoniker (Decca)

 

Erschienen in: eigentümlich frei