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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Rameau: Pièces de clavecin


Neben dem Wunder von Rameaus Musik ist es bloß eine Petitesse, aber ich muss damit anfangen: Sollen die "Pièces pour le clavecin" auf dem Klavier oder dem Cembalo gespielt werden? Will man die Stücke wie ein Zeitgenosse Rameaus hören, kann es nur das Cembalo sein, das dem heutigen Ohr freilich etwas entfremdet ist; da der Anschlag weder die Lautstärke noch die Dauer eines Tons beeinflussen kann, wird sein Klang inzwischen schnell als eintönig empfunden. Um einen Ton zu verlängern, muss er auf dem Cembalo mehrfach angeschlagen werden; das ist die Funktion der sogenannten Verzierungen, von denen die Barockmusik voll ist. Das Klavier hat natürlich ganz andere Möglichkeiten der Tongebung. Dafür ist das Cembalo glanzvoller und präziser; das Klavier klingt wegen seines Legatos immer weicher, „romantischer", emotionaler, auch spiritueller. Anders als bei Bach, wo ich eindeutig das Klavier bevorzuge, bin ich bei Rameau so unentschieden, dass ich die Eingangsfrage nur beantworten kann mit: Sowohl als auch.

Die Schönheit und der Esprit von Rameaus "Pièces" sind im Grunde konkurrenzlos. Leider hat der große Franzose nur ein sehr schmales OEuvre für das Tasteninstrument geschaffen, das Gesamtwerk passt auf drei CDs. Für Rameau war die Suite mit ihren sich abwechselnden Tänzen quasi nur ein Gefäß für seine Inspirationen. So lässt er die zweite Suite in A höchst ungewöhnlich mit sechs Variationen einer Gavotte enden. Von Variation zu Variation reißt das suggestive Thema gewissermaßen alle Widerstände ein, um am Ende triumphal durchzubrechen. Diese Musik ist dermaßen großartig (in dem Vergleich siegt wohl doch das Cembalo), dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens für mindestens diese neun Minuten nicht mehr stellt.

In letzter Zeit sind einige Aufnahmen mit Pianisten erschienen. Sokolov gibt’s nur auf You tube, unvergleichlich, er kann auf dem Klavier sogar Cembalo spielen (Suite in G: Les tricotets). Der Franzosen Alexandre Tharaud überzeugt mit seinem noblen, kultivierten, feinsinnigen Spiel. Die Cembalo-Gesamteinspielung von Pieter Jan Belder ist übrigens nicht nur exzellent, sondern unschlagbar günstig.

Jean-Philippe Rameau: Nouvelles Suites; Alexandre Tharaud, Klavier (Harmonia Mundi);

Rameau: Complete Works for Harpsichord; Pieter Jan Belder, Cembalo (Brilliant Classics)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Nr. 111, April 2011