Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Richard Strauss: Elektra

 

Wir Leser der Ilias haben ja ein Problem mit Agamemnon. Das muss man vor dieser Oper tunlichst vergessen. Für seine Kinder Elektra und Orest ist der Atridenfürst ein gemeuchelter Heiliger. "O laß von jener Stunde/Sich Höllengeister nächtlich unterhalten", spricht Orestens Gefährte Pylades in Goethes "Iphigenie", und er meint Agamemnons Ermordung durch die Gemahlin Klytaimnestra und deren Liebhaber Aigisthos. Mit diesen Worten ist ungefähr die Stimmung von Strauss' Einakter vorgezeichnet. In dessen Zentrum steht die verstoßene, von Todhass erfüllte, einzig auf Rache sinnende, sogar von den Mägden wie eine Hündin behandelte Titelfigur – im doppelten Sinne eine Mörderpartie, denn kaum eine Sopranistin bewältigt sie.

Er sei, schrieb Strauss auf sein Leben zurückblickend, mit der Partitur "bis an die äußersten Grenzen der Harmonik" sowie "der Aufnahmefähigkeit heutiger Ohren" gegangen; "Salome" und vor allem "Elektra" stünden in seinem Werk "vereinzelt" da. Reflexhaft behauptet ein ansonsten durchaus bedeutender Opernführer, der folgende "Rosenkavalier" sei für Strauss ein "Rückschritt" gewesen. Das ist natürlich neomanischer Unsinn; nach der "Elektra" hat der Komponist einfach die Notbremse gezogen; überdies gehorcht die Musik den Anforderungen des Stoffes, die Atriden-Tragödie mit ihren innerfamiliären Mordserien ist an Grauen schwerlich zu überbieten. Hochchromatisch, mit extrem dissonanten Akkordschichtungen und -ballungen, erzeugt das Riesenorchester (gefordert sind zum Beispiel allein 40 Bläser) eine Stimmung von rabenschwarzer Düsternis und allgegenwärtigem Verhängnis, von Abartigkeit und Mordgier. Wenn Aigisthos im dunklen Haus mit den Worten "He! Hört mich niemand?" dem Rächer Orest in die Arme läuft, die draußen lauernde Elektra in diesem Moment triumphierend den Namen ihres Vaters herausschreit ("Agamemnon - hört dich!") und zugleich, um einen Sekundenbruchteil versetzt, die Agamemnon-Fanfare im Orchester erschallt: Das ist der wüsteste, blutrünstigste und zärtlichste Augenblick der gesamten Opernliteratur.

Richard Strauss: Elektra; Wolfgang Sawallisch; Marton, Studer, Lipovsek, Weikl, Winkler; Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks (EMI)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, September 2011