Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

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Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


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Radu Lupu spielt Schubert

 

Die Suche nach dem idealen Interpreten eines Klavierwerks ist womöglich ein etwas artifizielles, vielleicht sogar versnobtes Unterfangen, aber es schärft das Ohr, schult den Geschmack und führt zuweilen mitten ins Glück. Als ich vor zwei Jahren diese Kolumne zu schreiben begann, kannte ich den Namen Radu Lupu noch nicht einmal – dem Autodidakten sind nicht nur die erstaunlichsten Dinge bekannt, sondern auch unbekannt –; heute weiß ich, dass ich in ihm den Schubert-Spieler schlechthin gefunden habe.

Ich habe lange überlegt, mit welchem Wort man die Kunst des Rumänen am besten charakterisieren könnte, und ich habe mich für „Reinheit“ entschieden. Radu Lupu hat gewissermaßen das Reinheitsgebot ins Schubert-Spiel eingeführt. Bei ihm ist nichts extrem wie bei Afanassiev (zumindest bei den Einspielungen, live hörte ich ihn anders), nichts zu verspielt wie gelegentlich bei Brendel, nichts „zu dick“ wie manchmal bei Richter (dessen Andante sostenuto aus der B-Dur-Sonate allerdings noch mehr an die Nieren geht als die etwas trockenere und schnellere Version Lupus). Es ist eine Reinheit ohne den geringsten Anflug von Kühle, das unterscheidet Radu Lupus Darbietungen von vielen zwar perfekten, aber leicht sterilen Interpretationen, mit denen zeitgenössische Pianisten gern aufwarten. Die Traurigkeit und tiefe Schwermut der Schubert’schen Musik bleibt in seinem Spiel erhalten. Im Gunde ist er eine Art Carlos Kleiber des Pianos. Jeder seiner Töne besitzt seine eigene Dignität und „steht“ unvergleichlich im Raum. Wenn Lupu ein Fortissimo anschlägt, dann dröhnt es nicht, sondern klingt, und zwar jeder einzelne Ton des Akkords für sich (man lausche nur der brachialen Wiederholung des Hauptmotivs am Ende des ersten Satzes der G-Dur-Sonate).

Jetzt bin ich wiederum der Mode gefolgt und rede die ganze Zeit vom Interpreten statt vom Komponisten. Aber was soll ein armseliger Sprach-Klempner zu Schubert auch schreiben? Etwa zum erwähnten Andante sostenuto? Dass es das Tiefste, das Schmerzlichste, das Schönste von der Welt ist? Worte, nur Worte...

 

Radu Lupu spielt Schubert. 4 CD’s (Decca)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Dezember 2011