Friede den Gemeinplätzen -- Krieg den Moden!

Artikelsuche

Allerlei

Wer Selbstzweifel hegt, kennt die Wonnen des Sich-Benachteiligtfühlens noch nicht.

 

Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist. 

 

Wenn man sämtliche Schöpfungen des weißen Mannes von diesem Planeten entfernte, besäßen seine Ankläger weder Zeit noch Mittel, ja nicht einmal Begriffe, um ihn mit Vorwürfen zu überhäufen.     

  


...mehr

 

 

Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

 

Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, eines der vollendungsnahesten Kunstwerke überhaupt, singt das Hohe Lied der Entsagung und der Inklusion – und ist keineswegs, wie das ein gewisser Herr Hitler meinte und in seiner Nachfolge einige Regisseure inszenieren, ein nationalistisches oder gar völkisches Werk. (Bezeichnend für diese Dumpfbeutelei ist eine Tagebuchnotiz von Goebbels, der aus dem „Wach auf“-Chor des Dritten Aufzuges einen „Wacht auf“-Chor machte.) Und erst recht handelt es sich um kein antisemitisches Werk. Es ist eine unsinnige Idee, der Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, der konservativste, traditionssturste der Meistersinger, sei eine Juden-Karikatur bzw. eine jüdische Figur. Eher wäre der Regelbrecher und Neuerer Stolzing eine. Beckmesser als Jude, das würde nur stimmig wirken, wenn alle Meistersinger Juden sein sollten und mithin Stolzing der einzige Goi. Hui, na das stünde aber auch unter „Antisemitismus“-Verdacht! Aber lassen wir den Quatsch.

Tatsächlich wird Beckmesser, nachdem er „versungen und vertan“ hat, nicht aus der Nürnberger Gemeinschaft verstoßen, sondern er „verliert sich unter dem Volke“ (so Wagners Regieanweisung). Stolzing indes wird in die Gemeinschaft aufgenommen. Soweit die Inklusion. Was die Entsagung angeht: Wagner verarbeitet in den „Meistersingern“ seinen endgültigen Abschied von Mathilde Wesendonck, so wie im „Tristan“ die (unerfüllte) Liebe zu ihr. Er hat sich also von Tristan, der mit Isolde nicht zusammen sein kann, in Sachs verwandelt, der auf Eva verzichtet, und diesem Verzicht ein musikalisches Denkmal gesetzt. Er zitiert sogar den Tristan im Orchester, derweil Sachs singt: „Von Tristan und Isolde/Kenn’ ich ein traurig Stück:/Hans Sachs war klug, und wollte/Nichts von Herrn Markes Glück.“ Am 24. Oktober 1867 telegraphiert er an Hans von Bülow: „Heute Abend Schlag 8 Uhr wird das letzte C niedergeschrieben. Bitte um stille Mitfeier. Sachs.“

Ansonsten behandelt die Oper Wagners typisches Zentralthema: die Rolle des Künstlers/der Kunst in der Gesellschaft. Das Textbuch ist (neben „Salome“ und „Rosenkavalier“) das beste des Genres, die Musik übertrifft alles, was Wagner sonst komponiert hat, vermutlich weil in den „Meistersingern“ noch mehr Bach steckt als im „Parsifal“. Die empfohlene Aufnahme ist eine Mono-Einspielung von 1956, allerdings mit einer Sängerbesetzung, die aus heutiger Sicht nahezu überirdisch wirkt, voran Ferdinand Frantz als der wohl beste Sachs überhaupt, geführt von einem wie stets grandiosen Kempe.

 

Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, (4 CD’s); Rudolf Kempe; Berliner Philharmoniker; E. Grümmer, M. Höffgen, F. Frantz, B. Kusche, R. Schock, G. Frick (Magdalen)

 

Erschienen in: eigentümlich frei, Mai 2012